Bundessieg im Geschichtswettbewerb
Rotlicht rund ums „Schlaun“

Münster -

Sechs Schüler des Schlaun-Gymnasiums werden heute in Berlin von Joachim Gauck ausgezeichnet. Beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten haben sie es mit einer Arbeit über Prostitution im Viertel rund um die Sonnenstraße, an der auch das Schlaun liegt, zum Bundessieg geschafft. 

Mittwoch, 13.11.2013, 08:11 Uhr

Die Sonnenstraße und ihre Nachbargassen rund ums Schlaun-Gymnasium waren früher ein verrufenes Viertel (v.l.) : Pia Pellmann, Lehrer Carsten Rothaus, Juri Hößelbarth, Harriet Riemer, Jasmin Kampik, Lisanne Krail und Enno Walkenfort beleuchten die Vergangenheit des Rotlichtviertels mit ihrem Film
Die Sonnenstraße und ihre Nachbargassen rund ums Schlaun-Gymnasium waren früher ein verrufenes Viertel (v.l.) : Pia Pellmann, Lehrer Carsten Rothaus, Juri Hößelbarth, Harriet Riemer, Jasmin Kampik, Lisanne Krail und Enno Walkenfort beleuchten die Vergangenheit des Rotlichtviertels mit ihrem Film Foto: kv

Sonnenstraße, Ritterstraße, Korduanenstraße: Das ist heute beste Innenstadtlage – ein hübsches, wenn man so sagen will: anständiges Viertel. Vor 60 Jahren sah es hier noch anders aus: Vollbusige Damen lehnten spärlich bekleidet aus den Fenstern einzelner Häuser. Durchs Viertel streiften Männer auf dem Weg ins Bordell, Zuhälter führten große Hunde spazieren. Mittendrin damals wie heute: das Schlaun-Gymnasium.

Dessen Schülern kam das Motto des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten „Nachbarn in der Geschichte“ gerade recht. Sie leuchteten die Rotlicht-Vergangenheit ihrer Nachbarschaft aus – und haben mit ihrem Beitrag unter rund 1500 Teilnehmern einen der fünf ersten Preise beim Bundeswettbewerb gewonnen. Heute werden sie im Schloss Bellevue von Bundespräsident Joachim Gauck ausgezeichnet. Am Dienstagabend waren die sechs angehenden Abiturienten und ihr Geschichtslehrer Carsten Rothaus bereits zu einem Abendessen mit Joachim Gauck eingeladen.

Video über das Leben im Rotlichtviertel

Die Arbeitsgruppe mit Lisanne Krail, Jasmin Kampik, Juri Hößelbarth, Harriet Riemer, Pia Pellmann, Enno Walkenfort und Tutorin Sophie Reinhart hat nicht nur ein ebenso ungewöhnliches wie brisantes Thema aufgegriffen, sondern auch eine besondere Präsentationsform gewählt. Die Gymnasiasten haben einen Film über ihr Viertel produziert. Dort sprechen viele ältere Nachbarn des Viertels, die die Vergangenheit der Straßen als sündige Meilen Münsters noch aus eigener Anschauung kennen.

Sie erzählen, wie es sich lebte, mitten im damaligen Rotlichtmilieu, das auch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges überlebte. Von den Frauen aus dem Bordell, an deren Namen sie sich heute noch erinnern. Schon in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts lag das Schlaun-Gymnasium, damals Jungenschule, im Rotlichtviertel. Zur Straße hin verwehrten Milchglasscheiben den Jugendlichen den Ausblick auf das skandalöse Treiben mitten im katholischen Münster . Verhindert wurde damit nicht, dass die Pennäler mit Gummifletschen Papierkügelchen auf die Prostituierten schossen, wie Heinrich Hoffschulte, der Enkel des damaligen Schuldirektors, im Film erzählt.

Prostitution im Wohngebiet: Auch heute noch ein Problem

1956 wurde das Bordell an der Ritterstraße abgerissen, danach wurde es ruhiger rund ums „Schlaun“. Und als in den 70er-Jahren hier der „Strich“ noch einmal belebt werden sollte, verhinderte dies eine Bürgerinitiative.

Das Thema erwies sich im Laufe der einjährigen Arbeiten als zunehmend aktuell: Auch jetzt engagieren sich Anwohner der Siemensstraße, wo heutzutage Prostituierte ihre Dienste anbieten, für ein Verbot dieses Gewerbes vor ihrer Haustür. Im Film schlagen die Schlaun-Schüler den Bogen zur Gegenwart: „Prostitution ist in Münster heute nicht akzeptierter als vor vielen Jahrzehnten – und sie verträgt sich heute wie damals schlecht mit einem Wohngebiet.“

Erfolge auch für weitere münsterische Schulen

Nach der Auszeichnung als landesbeste Schule in NRW ist die Marienschule beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten auch in der Bundesrunde erfolgreich. Nach dem Urteil der Bundesjury belegt sie beim aktuellen Wettbewerb unter dem Thema „Vertraute Fremde. Nachbarn in der Geschichte“ bei den bundesbesten Schulen den vierten Platz.

Rund 60 Marienschülerinnen aus allen Jahrgangsstufen nahmen teil und reichten über 40 Arbeiten bei der Körber-Stiftung ein. Noch drei weitere münsterische Schulen sind in dem bundesweiten Ranking, das alle Landes- und Bundespreise berücksichtigt, vertreten: das Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium auf Platz 6, das Wilhelm-Hittorf-Gymnasium auf Platz 9 und die Friedensschule auf Platz 10.

Nach zahlreichen Förder- und Landespreisen wurden zwei Arbeiten von Marienschülerinnen auch mit einem dritten Bundespreis ausgezeichnet: „Unsere britischen Nachbarn in Münster“ von Raphaela Rettberg und Laura Steinke sowie „Gehorche keinem“ von Nielja Knecht, Maged Mortaga und Sebastian Brückner, eine Gemeinschaftsarbeit von Schülern der Marienschule und des Gymnasiums Paulinum.

Einen dritten Bundespreis erhielt eine Schülerin des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums: Kristina Kintzinger hat sich in ihrer Arbeit mit dem Verhältnis von Polen und Deutschen in der Stadt Danzig vor 1945 beschäftigt.

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