Hirnforscher im Interview
Geschenke kaufen – ein Muss

Münster -

Der Geschenkekauf für Weihnachten geht in die Zielgerade. Neurowissenschaftler Prof. Dr. Michael Deppe von der Universität Münster ist überzeugt, dass beim Shopping, dem lustbetonten Schleichen durch die Geschäfte die Vorfreude wirklich die schönste Freude ist.

Donnerstag, 19.12.2013, 10:12 Uhr

Noch fünf Tage Zeit bleiben bis Heiligabend, um den Einkauf von Geschenken zu erledigen. Hirnforscher Prof. Dr. Michael Deppe (kl. Foto) weiß, was beim Geschenkekauf in den Menschen vorgeht.
Noch fünf Tage Zeit bleiben bis Heiligabend, um den Einkauf von Geschenken zu erledigen. Hirnforscher Prof. Dr. Michael Deppe (kl. Foto) weiß, was beim Geschenkekauf in den Menschen vorgeht. Foto: Matthias Ahlke

Noch fünf Tage bis Heiligabend , der Geschenkekauf biegt auf die Zielgerade ein. Was geht da vor im Menschen – den ja keiner zwingt, kurz vor dem 24. Dezember in einen mehr oder weniger unkontrollierten Kaufrausch zu verfallen? Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Michael Deppe von der Universität Münster , der bildgebende Verfahren für die Darstellung von Hirnfunktionen entwickelt, erklärt es im Gespräch mit WN-Redakteurin Karin Völker.

Sind Gehirnzellen besonders aktiv, wenn wir beim Weihnachtseinkauf sind?

Deppe: Und wie – jedenfalls bei den allermeisten Menschen. Die Nervenzellen des mesolimbischen Systems sind beim Weihnachtsshopping schwer aktiv.

Mesolimbisches System?

Deppe: Das ist die Region im Hirn, die darauf reagiert, wenn wir Belohnungen erwarten. Wenn diese Zellen besonders aktiv sind, verschafft uns das ein Wohlgefühl und zwar ein noch größeres als wenn wir die erwartete Belohnung dann tatsächlich bekommen. Begründet ist das entwicklungsgeschichtlich: Menschen und auch Tiere, die nicht nur dann Energie zur Nahrungsbeschaffung aufbringen, wenn sie akut Hunger haben, sondern Vorsorge treffen, haben bessere Überlebenschancen.

Erklärt das, warum das Einkaufen manchmal schöner ist als etwas zu besitzen?

Deppe: Genau. Beim Shopping, dem lustbetonten Schleichen durch die Geschäfte, ist die Vorfreude  die schönste Freude.

Blinkt es dabei im mesolimbischen System von Frauenhirnen nicht stärker als bei Männern?

Deppe: Das ist ein Vorurteil: Bei Männern im Baumarkt passiert dasselbe wie bei Frauen im Schuhgeschäft. Wenn wir beide mit einem mobilen Magnetresonanztomografen, den es leider noch nicht gibt, jeweils dorthin schicken würden, gäbe es keinen Unterschied in der Hirnaktivität.

Was passiert, wenn die Beute erlegt, der Einkauf getätigt ist?

Prof. Dr. Michael Deppe

Prof. Dr. Michael Deppe

Deppe: Die Aktivität der Hirnzellen sinkt auf ein Normalmaß. Interessant ist, wenn die erwartete Belohnung nicht eintritt, man also nichts kauft oder gar nichts geschenkt bekommt. Dann fällt die Aktivität der Nervenzellen ganz dramatisch ab – es entstehen ungute Gefühle, Enttäuschung, mitunter Aggressivität. Übertragen aufs Shopping ist der tatsächliche Kauf eigentlich nur Schmerzvermeidung.

Beim Weihnachtseinkauf geht es aber doch darum, anderen eine Freude zu machen?

Deppe: Das ist hirnfunktionell dasselbe, wie selbst belohnt zu werden. Die Freude der anderen ist die Belohnung, der man entgegenjagt. Der Enttäuschungsschmerz der anderen ist eigener Schmerz.

Die Hirnforschung bestätigt also, was wir schon länger ahnten?

Deppe: Das Interessante ist, dass die Hirnforschung, den Mechanismus aufdeckt, der dahintersteckt. Und die Erkenntnis lautet: Wir können nichts dagegen tun, sind Opfer der Neurobiologie.

Auch Sie als Hirnforscher, der weiß, was da vorgeht?

Deppe: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, das funktioniert hier leider nicht. Ich beobachte, wie ich jedes Mal der Gefahr wieder erliege. Ich werde wohl wieder am Morgen des 24. Dezember zum Geschenkekauf aufbrechen. Die Zellen des mesolimbischen Systems sind nämlich besonders aktiv, wenn die erwartete Belohnung kurz bevorsteht.

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