Münster
Ukraine

Münster -

Als Wissenschaftlerin ist die Historikerin Liliya Berezhnaya es gewohnt, nüchtern zu analysieren und Gefühle dabei außen vor zu lassen. Doch wenn die Ukrainerin, die am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität arbeitet, auf ihr Heimatland blickt, fällt ihr diese rationale Herangehensweise derzeit nicht leicht. „Seine Emotionen zur Seite zu schieben gelingt nicht immer.“ Berezhnaya, die seit acht Jahren in Münster lebt, hat Bekannte, Verwandte und Weggefährten in Kiew und beobachtet mit Sorge die Situation.

Freitag, 24.01.2014, 18:01 Uhr

Über Facebook ist die 42-Jährige mit vielen Landsleuten vernetzt, das soziale Netzwerk ist voller Berichte, Fotos und Artikel, die Angehörige der Protestbewegung gepostet haben. Via Facebook organisieren die Protestierenden auch, wer etwas zu essen, Medikamente oder warme Socken auf den Maidan bringt, den Unabhängigkeitsplatz in Kiew.

Berezhnaya kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, vor Ort zu sein. Im Jahr 2004, der Zeit der Orangenen Revolution, lebte sie in Kiew. Dennoch sei die Situation heute anders als vor zehn Jahren. Zum einen, was das Ausmaß der Gewalt angehe, zum anderen bezüglich der Konfliktparteien. 2004 spielte sich der Konflikt vor allem zwischen Opposition und Regierung ab, nun sei die Bevölkerung im Zentrum, geeint durch einen gemeinsamen Feind. Die Regierung, sagt Berezhnaya, sei korrupt und brutal. Sie warnt allerdings davor, den Konflikt zu vereinfachen. „Die Ukraine ist sehr komplex.“

Aus ihrer wissenschaftlichen Perspektive heraus stütze sie sich nicht nur auf emotionale Berichte von Freunden, sondern in erster Linie auf Nachrichten. „Ich versuche, das analytisch zu betrachten“, sagt sie. Und ist doch gleichzeitig in großer Sorge. „Meine Freunde und Bekannte, die sich am Protest beteiligen, lassen alle ihre Kinder zuhause.“ Zu groß sei die Angst, dass auf die Menge geschossen wird.

Ein Foto, das auf Facebook gepostet wurde, zeigt eine Bekannte von Liliya Berezhnaya auf dem Maidan, um den Hals trägt sie einen Schal in den ukrainischen Landesfarben. „Sie ist nun nicht mehr auf dem Platz“, sagt Berezhnaya. „Sie passt jetzt zuhause auf die Kinder derer auf, die protestieren.“

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