Migrations-Dezernent Köhnke wagt keine Prognose zu den Flüchtlingszahlen
Zur Not auch Zelte

Münster -

Für den Fall, dass weiter viel mehr Flüchtlinge nach Münster strömen als in den Vorjahren, ist die Stadt vorbereitet, sagt Migrationsdezernent Jochen Köhnke im WN-Interview. Dazu gehört auch die Unterbringung in zusätzlichen Containerbauten.

Dienstag, 04.02.2014, 13:02 Uhr

Jochen Köhnke  ist Dezernent für Flüchtlinge und Migration bei der Stadt Münster.
Jochen Köhnke  ist Dezernent für Flüchtlinge und Migration bei der Stadt Münster. Foto: kv

Münster hat im vergangenen Jahr annähernd doppelt so viele Flüchtlinge aufgenommen wie im Jahr zuvor. Im Dezember kamen besonders viele Menschen an. Die Stadt reagiert mit der Einrichtung neuer Flüchtlingsunterkünfte. Wie die Verwaltung mit der Herausforderung umgeht, darüber sprach WN-Redakteurin Karin Völker mit dem städtischen Flüchtlingsdezernenten Jochen Köhnke .

Am 12. Februar soll der Rat über die Einrichtung von vier neuen Flüchtlingsunterkünften entscheiden. Was tun Sie, wenn auch die wieder voll sind?

Köhnke: Wir haben, schon vor Jahren ein Notfallkonzept entwickelt. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir die Einrichtungen nicht zu 85 Prozent, sondern zu hundert Prozent belegen, was faktisch einer Überbelegung gleichkommt. Die Verwaltung durchforstet das Kataster, um Liegenschaften oder Flächen zu finden, wo es kurzfristig möglich ist, Flüchtlinge unterzubringen. Und wenn das nicht reicht, haben wir weitere Konversionsflächen, Turnhallen, Mehrzweckhallen, Hotels, Bürogebäude und letztlich Zelte im Blick. Wir planen darüber hinaus natürlich regelgerechte Flüchtlingseinrichtungen, entsprechend des münsterischen Konzeptes, zu planen und zu bauen.

Denken Sie an weitere Containerbauten ?

Köhnke: Ja, auch das, aber nur vorübergehend. Momentan überlegen wir, in Handorf im Bereich Hobbeltstraße die dortige Übergangs-Kita in Systembauweise zu übernehmen, wenn der konventionelle Kitabau fertig ist. Das wäre auch kostengünstig. Möglicherweise müssen wir aber auf städtischen Flächen oder neben bereits bestehenden Einrichtungen zusätzlich Container aufzustellen.

Ist es nicht möglich, sich auf den Zustrom von Flüchtlingen besser einzustellen, etwa Gebäude in Reserve zu halten?

Köhnke: Das macht keinen Sinn, weil es einfach nicht möglich ist, Flüchtlingsströme vorherzusagen. Wo bricht der nächste Konflikt in der Welt aus, der die Menschen aus ihrer Heimat vertreibt? Werden Kontingentflüchtlinge in größerer Zahl aufgenommen, wie jetzt aus Syrien? Ob wir mehr oder weniger Menschen aufnehmen, darüber entscheiden globale Entwicklungen und Politiker auf EU-Ebene oder in Berlin.

Sind Syrer im Moment die größte Gruppe unter den Flüchtlingen?

Köhnke: Die Syrer sind die zweitgrößte Gruppe im Jahr 2013, die meisten Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr aus Russland . Ob das so bleibt, ist aber ungewiss. Den Asylanträgen der Flüchtlinge aus Russland steht nur eine Gesamtschutzquote von 2,3 Prozent entgegen. Es kann sein, dass wegen der wenigen Anerkennungen demnächst weniger Menschen von dort nach Deutschland flüchten.

Im Dezember und Januar ist die Zahl der nach Münster geschickten Flüchtlinge wieder etwas zurückgegangen. . .

Köhnke: Das stimmt, und es ist eine Entwicklung, die wir auch in anderen Jahren beobachten. Das liegt ganz schlicht daran, dass Winter ist, und die Witterung weniger Menschen flüchten lässt. Interessant wird es sein, wie sich die Zahlen im Sommer und Herbst entwickeln, denn erfahrungsgemäß sinken sie, wenn auch sehr langsam, bis zum April.

Bei den Plänen für die neue Flüchtlingsunterkunft an der Schaumburgstraße in Bahnhofsnähe sagten Sie zunächst, dort sollten alleinstehende Männer untergebracht werden. Jetzt ist doch von Familien die Rede. Was stimmt denn nun?

Köhnke: In den Gebäudekomplex werden in der Tat Flüchtlingsfamilien und zusätzlich obdachlose allein-lebende Männer einziehen. Diese Mischung haben wir jetzt auch schon im Gebäude an der Friedrich-Ebert-Straße, das wir bald aufgeben müssen. Es gab dort wenig Klagen, darum übernehmen wir die Belegungspraxis am neuen Standort.

Wenn Sie in Münster Anlieger im Umkreis über neue Flüchtlingseinrichtungen informieren – spüren Sie Ressentiments?

Köhnke: Wenn überhaupt, selten und nur unterschwellig. Im Gegenteil: Ich bin immer wieder überrascht, wie viel Hilfsbereitschaft es bei den Münsteranern und Münsteranerinnen gegenüber den Flüchtlingen gibt. Es gibt sehr viele engagierte Gruppen, Nachbarschaften und Einzelne, die helfen. Besonders gut funktioniert das in den Familieneinrichtungen. Das ehrenamtliche Engagement ist hier wirklich großartig.

Gibt es in den Schulen und Kitas im Umkreis der Flüchtlingseinrichtungen keine Probleme, eine größere Zahl von Kindern ohne Deutschkenntnisse zu integrieren?

Köhnke: Verteilt auf einzelne Schulen ergibt sich meist, dass nicht mehr als ein Kind pro Klasse dazukommt. Ich habe noch nicht gehört, dass eine Schule Alarm schlägt weil es durch die Flüchtlingskinder zu viele Probleme gibt. Hier bewährt sich ja auch unser Konzept, die Flüchtlinge auf viele, kleinere Einrichtungen im Stadtgebiet zu verteilen.

Die Containerbauten am Nordkirchenweg und in Wolbeck, so wurde es im Rat beschlossen, sollen nur für ein Jahr stehen bleiben. Ist das angesichts des Zustroms jetzt noch sinnvoll?

Köhnke: Ich meine schon. Die Stadt Münster hat den Anwohnerinnen und Anwohnern ihr Wort gegeben – und dieses Vertrauen sollten wir nicht verspielen. Zum Beispiel am Nordkirchenweg, wo es wegen der dortigen etablierten Flüchtlingsunterkunft mitten im Wohnge-biet bisher nie Beschwerden gab. Wir dürfen aus wohlmeinenden Nachbarn keine frustrierten Nachbarn machen.

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