Deutsche Ärzte operieren im brasilianischen Dschungel
Hospital der Hoffnung

Münster -

Auch während der Fußball-WM operieren deutsche Ärzte in einem Regenwald-Hospital in Brasilien schwer kranke Kinder. Zum Operationsteam, das nach Coroatá fährt, gehört seit mehreren Jahren auch der münsterische Chirurg Dr. Jan Esters.

Samstag, 12.07.2014, 07:07 Uhr

Emilly vor ihrer Operation. Das einjährige Mädchen konnte wegen einer Kiefer- und Gaumenspalte nicht richtig essen und atmen.
Emilly vor ihrer Operation. Das einjährige Mädchen konnte wegen einer Kiefer- und Gaumenspalte nicht richtig essen und atmen. Foto: Joachim Umbach

Valdemi ist Gelegenheitsarbeiter. Mit seiner Frau Elisan und sechs Kindern lebt er in einem Lehmhaus am Rande einer staubigen Schotterpiste – gut eine halbe Jeepstunde hinter Coroatá im Nordosten Brasiliens . Mit Maurerjobs, Hilfstätigkeiten und dem Verkauf von Brot, das er im Ofen hinter dem Haus selbst backt, versucht er, seiner Familie einen bescheidenen Lebensunterhalt zu sichern. Was eine Krankenversicherung ist, weiß er noch nicht einmal. Valdemis einjährige Tochter Emilly ist mit einer Lippen- und Gaumenspalte auf die Welt gekommen. Operiert man das Kleinkind nicht, wird es nie sprechen lernen, immer Probleme beim Essen, Trinken und Atmen haben.

Wir sind nur zwei Wochen hier im Regenwald-Hospital, da will man so viel wie möglich erledigen.

Chirurg Dr. Jan Esters

Selbst, wenn die Familie genug Geld hätte, um eine Operation zu bezahlen: Es gibt in der ganzen Provinz Maranhão keine spezialisierten Chirurgen. Doch Valdemi weiß, an wen er sich wenden kann: an Veronica, eine Solanus-Schwester der Franziskaner aus dem Bayerischen Wald, die seit 22 Jahren ein winziges Hospital im Regenwald bei Corotá betreibt. Die deutsche Nonne kümmert sich unermüdlich um kranke Menschen und organisiert einmal im Jahr, dass deutsche Ärzte zwei Wochen lang kranke Kinder und hilfsbedürftige Erwachsene operieren. Über die Kirchen macht Schwester Veronika den OP-Termin publik. Und Hunderte machen sich auf dem Weg, zum Teil nehmen sie tagelange Anreisen auf sich.

Interplast

Interplast ist eine Ärzte-Organisation, die unentgeltlich kiefern- und plastisch-chirurgische Operationen in Entwicklungsländern durchführt. Ziel ist es, die Patienten „in die Lage zu versetzen, ein sozial integrierter Teil der Gesellschaft zu werden“. Wann immer es geht, sollen bei allen Projekten auch einheimische Mediziner und Helfer mit eingebunden werden. Die Kosten werden durch Spendengelder sowie durch Beiträge der Mitglieder finanziert.

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„Nur Schwester Veronica kann uns helfen“, war auch Valdemi überzeugt. Zusammen mit seiner Frau brachte er Emilly ins Urwald-Hospital. Um die Kinder mit dem gesunden Zwillingsbruder Davi kümmerte sich die Verwandtschaft im Dorf. „Emilly hat Probleme beim Essen. Und sobald sie einen Schnupfen hat, wird es ganz schwierig, sie kann dann kaum atmen“, begründet Mutter Elisan die Dringlichkeit.

Das OP-Team: Dr. Jan Ester mit seinem Kollegen Dr. Michael Stollmann (l.) und Helferin Maron.

Das OP-Team: Dr. Jan Ester mit seinem Kollegen Dr. Michael Stollmann (l.) und Helferin Maron. Foto: Joachim Umbach

Für die Münchner Chirurgen Dr. Stefan Hessenberger , seinen Freund und Kollegen Dr. Denys Löffelbein, den brasilianischen Unterstützer Dr. Alexandre Borba sowie das weitere Interplast-Team mit zwei Plastischen Chirurgen, zwei Anästhesisten und zwei Operationsschwestern ist eine Lippen-, Gaumen-Spalte keine große medizinische Leistung: „Das ist an sich Routine.“ Die Herausforderung ist allerdings, diesen Eingriff unter Urwald-Bedingungen zu machen.

BigShoe

BigShoe ist eine Hilfsorganisation aus dem Allgäu, die sich zur Aufgabe gemacht hat, im Umfeld von Fußball-Großereignissen Kinder zu operieren. So wurden unter anderem in Südafrika (WM 2010) und in der Ukraine (EM 2012) Eingriffe vorgenommen. BigShoe finanziert diese Aktivitäten mit Patenschaften. Die Organisation geht auf die Initiative „Wangen hilft Togo“ zurück, die zur WM in Deutschland (2006), Kindern aus Togo geholfen hat.

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Stefan Hessenberger ist so wie Schwester Veronica von Anfang an dabei: „Damals noch als Medizin-Student, der noch gar nicht wusste, dass er in Richtung Kieferchirurgie gehen wird.“ In Coroatá findet Hessenberger Bedingungen vor, „unter denen man in Deutschland nicht arbeiten würde“. Und damit sind nicht nur die klimatischen Umständen gemeint: Temperaturen von über 35 Grad, auch nachts, einer derzeit extremen Luftfeuchtigkeit, sowie der ständigen Gefahr, von Schlangen oder Vogelspinnen gebissen zu werden. Alle Geräte sind völlig veraltert, der Sterilisator fällt ständig aus, der Blutabsauger arbeitet nicht richtig, und das Licht flackert zuweilen.

Stefan Hessenberger lässt sich dadurch nicht erschüttern: „Wir machen es trotzdem. Und zwar so, dass wir es jederzeit verantworten können.“

Zum Interplast-Team, das nach Coroatá fährt, gehört seit mehreren Jahren auch der Chirurg Dr. Jan Esters aus Münster. Zusammen mit Dr. Michael Stollmann aus Essen ist er für alle Eingriffe zuständig, die nicht in den Bereich Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalte fallen. Aber auch die „Plastiker“ im Team haben im Regenwald-Hospital gut zu tun – sie helfen bei andersartigen Entstellungen wie zum Beispiel der Amputation von sechsten Zehen oder Fingern, der Nachbehandlung von Verbrennungen oder von Unfallfolgen.

Jan Esters macht das stets gut gelaunt und höchst engagiert: „Wir sind nur zwei Wochen hier, da will man so viel wie möglich erledigen.“

Nach der Operation ist die Familie wieder vereint.

Nach der Operation ist die Familie wieder vereint. Foto: Joachim Umbach

Liebevoll kümmern sich alle Ärzte und Schwester um die kleinen Patienten. Man spürt ihre besondere Motivation. Stefan Hessenberger: „Ich habe zu Hause zwei Kinder, sie sind gesund, wir sind glücklich. Da will man etwas zurückgeben!“ Deshalb überwindet er sogar seine Schlangenphobie: „Da muss man eben vorsichtig sein.“ Und so schaut er jeden Abend vor dem Schlafengehen unter die Matratze oder geht nie im Dunkeln ohne Lampe raus: „Man weiß nie, wo man hintritt.“

Der Einsatz der deutschen Ärzte und Helfer ist ehrenamtlich. Sie bringen alle zwei Wochen ihres Jahresurlaubes ein und wollen vor allem eines: helfen. Stefan Hessenberger ist deshalb auch froh, dass der Einsatz in Coroatá so organisiert ist, dass die Ärzte und Schwester sich nur ums Operieren und um die Patienten kümmern können. Die Organisation vor Ort liegt komplett in der Hand von Schwester Veronica. „Ohne sie würde gar nichts gehen“, so Hessenberger. Und die Finanzierung des Einsatzes wird in diesem Jahr erstmals von der Hilfsorganisation „BigShoe“ übernommen. „Bislang hat das komplett Interplast getragen, wenn uns jetzt BigShoe unterstützt, dann freut mich das sehr. Und dass uns Prominente wie Mesut Özil unterstützen, freut uns natürlich auch. So erfahren ganz viele Leute, dass es hier in Brasilien noch viel zu tun gibt.“ Der Fußballer der deutschen Nationalmannschaft hat die Patenschaft für elf Kinder übernommen, sie alle sind jetzt erfolgreich operiert worden. Unter ihnen war auch Emilly.

Anders als in Europa üblich, bleiben die Kinder in Coroatá nicht noch tagelang auf der Krankenstation. Auf längere stationäre Aufenthalte ist das einfache Urwald-Krankenhaus, vor dessen Türen sich die Patienten drängen, gar nicht eingerichtet. Gestern angekommen, heute operiert, morgen nach Hause, heißt die Devise.

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