Die Stadtverwaltung zur NS-Zeit
Mitläufer, Täter oder Opfer?

Münster -

„Münsters Stadtverwaltung im Nationalsozialismus“ – so heißt das Projekt, das vor wenigen Wochen gestartet ist und über drei Jahre laufen wird. So ausführlich wie nie zuvor soll das Thema von Historikern systematisch aufgearbeitet werden. Mit den Projektbeteiligten Prof. Dr. Thomas Großbölting vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität, Koordinator Markus Goldbeck und den beiden Stipendiaten Philipp Erdmann und Annika Hartmann sprach WN-Redakteur Martin Kalitschke.

Sonntag, 27.07.2014, 07:07 Uhr

Erforschen die Geschichte der münsterischen Stadtverwaltung im Dritten Reich (v.l.): Markus Goldbeck, Philipp Erdmann, Prof. Dr. Thomas Großbölting und Annika Hartmann.
Erforschen die Geschichte der münsterischen Stadtverwaltung im Dritten Reich (v.l.): Markus Goldbeck, Philipp Erdmann, Prof. Dr. Thomas Großbölting und Annika Hartmann. Foto: kal

Herr Goldbeck , wird es am Ende des Projekts eine Giftliste mit Personen geben, die sich in der NS-Zeit etwas haben zu Schulden kommen lassen?

Goldbeck: Ausgangspunkt der Untersuchung ist es nicht, einen Namen zu nehmen und über die Person etwas herauszufinden. Vielmehr geht es darum zu erforschen, wie die Verwaltung in der NS-Zeit funktioniert hat, wer dazu beigetragen hat, dass sie funktioniert – oder eben wer nicht dazu beigetragen hat. Natürlich wird man dabei auch auf Personen stoßen, die unrühmlich verstrickt waren.

Hartmann : Zunächst schauen wir uns den Aufbau der Verwaltung an, welche Dezernate gab es, wer war dort tätig.

Erdmann : Dabei soll auch die Frage geklärt werden, wie sich Arbeitsfelder nach 1933 oder auch nach Kriegsbeginn 1939 verschoben haben. Gab es neue Schwerpunkte? Waren andere Dinge nicht mehr so wichtig?

So ausführlich, wie Sie das jetzt vorhaben, hat es das noch nicht gegeben.

Hartmann: Es gibt bereits eine Untersuchung von Sabine Mecking, die sich mit den personellen Kontinuitäten bei Kommunalbeamten zwischen 1918 und 1952 befasst hat. In der NS-Zeit wurden von den Personen in höheren Positionen nach 1933 nur wenige ausgewechselt, wie zum Beispiel Oberbürgermeister Dr. Karl Zuhorn.

Erdmann: Er wurde 1933 auf Görings Veranlassung durch Albert Anton Hillebrand ersetzt.

Großbölting: In Diktaturen ist es ja durchaus üblich, Personen auszutauschen. Aber eine Verwaltung funktioniert nicht nur von der Spitze her – auch die zweite und die dritte Reihe spielt eine wichtige Rolle. Auch das wollen wir untersuchen: Wer hat seine Arbeit einfach weitergemacht – und so dazu beigetragen, dass auch das neue Regime weiter funktionieren konnte? Stichwort: Selbstgleichschaltung. Und: Wer hat so gearbeitet, dass die Arbeit der Verwaltung möglicherweise geschwächt wurde? Das ist mindestens ebenso spannend.

Nun gibt es sicher Abstufungen bei der Beantwortung der Frage, wie stark jemand das Funktionieren der Verwaltung in der NS-Zeit sichergestellt hat.

Goldbeck: Auf jeden Fall. Wer für die Zwangsarbeiter verantwortlich war, war sicherlich stärker verstrickt. Das gleiche gilt für Personen, die für die Arisierung zuständig waren, also die Enteignung und den Verkauf jüdischen Besitzes.

Erdmann: Es gab auch Stellen in der Verwaltung, die an der Deportation beteiligt waren. Solche Personen sind uns auch mit Namen bekannt.

Wo bekommen Sie Ihre Informationen her?

Erdmann: Vor allem aus dem Stadtarchiv. Dort liegen Finanzpläne, Stellenbesetzungspläne, Korrespondenzen. Es gibt allerdings auch Hinweise darauf, dass Akten vernichtet oder durch den Krieg zerstört wurden.

Goldbeck: Schön wäre es, wenn sich bei uns Zeitzeugen melden würden. Deren Aussagen können nicht über alles Aufschluss geben, aber trotzdem den ein oder anderen Erkenntnisgewinn liefern, wie die Verwaltung damals funktionierte.

Großbölting: Und vielleicht liegen ja auch noch auf manchem Dachboden oder in manchem Keller Dokumente aus der damaligen Zeit.

Noch einmal zurück zur Ausgangsfrage: Wie werden Sie mit den Namen von Personen umgehen, die stark in das NS-System verstrickt waren?

Großbölting: Das werden wir noch klären müssen – auch mit der Stadt Münster. Ich habe in der Stasi-Unterlagenbehörde gearbeitet, auch dort war das ein brisantes Thema. Denkbar wäre es, Namen zu anonymisieren oder zu pseudonymisieren.

Goldbeck: Erst neulich habe ich auf einer Tagung festgestellt, dass der Name Hillebrand ohnehin recht bekannt ist. Er wird auf jeden Fall eine Rolle spielen, vermutlich auch der spätere Stadtdirektor Austermann, der an Arisierungen beteiligt gewesen sein soll.

Hartmann: Ziel der Untersuchung ist es allerdings nicht, Schuldzuweisungen zu machen – sondern die Frage zu klären: Wie stark engagierten sich die Personen in der Stadtverwaltung während der NS-Zeit?

Goldbeck: Es geht um die Strukturen – wir verstehen das System aber natürlich nicht, ohne auf die Personen zu schauen. Viele Rädchen waren damals für das Funktionieren des Getriebes wichtig.

Was wird die Öffentlichkeit von ihren Forschungen mitbekommen?

Goldbeck: Wir planen unter anderem wissenschaftliche Artikel und Vorträge. Außerdem soll es am Ende des Projekts zwei ­Publikationen geben.

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