Interview mit Blumfeld
„Geile Songs, geile Stimmung“

Münster/Berlin -

Vor sieben Jahren hat sich die Band Blumfeld getrennt. Völlig überraschend geht das Trio jetzt wieder auf Tour. Über die Beweggründe der Trennung, das "Comeback" und über die Zukunftspläne spricht Sänger Jochen Distelmeyer im Interview.

Dienstag, 02.09.2014, 07:09 Uhr

Interview mit Blumfeld : „Geile Songs, geile Stimmung“
Blumfeld 2014: André Rattay, Jochen Distelmeyer und Eike Bohlken hatten vor 20 Jahren das Album „L‘Etat Et Moi“ aufgenommen - Anlass für eine Jubiläumstour. Foto: Frank Egel

Wenn irgendwo der Begriff „Hamburger Schule“ fällt, dann sind Blumfeld nicht weit. Die Band um Sänger Jochen Distelmeyer steht für diese Musikrichtung wie kaum eine andere. Ihr Album „L‘Etat et Moi“ ist für die deutschsprachige Musikwelt nicht minder bedeutsam und einflussreich wie „IV“ von Ton Steine Scherben , „Autobahn“ von Kraftwerk und „Weißes Papier“ von Element of Crime. Aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums des Albums haben sich die drei Gründungsmitglieder von Blumfeld überraschend wieder zusammengetan und gehen auf Tour. Am 11. September machen sie Station im Skaters Palace. 

 

Am 16. April dieses Jahres habe ich getwittert, dass es Zeit für ein neues Blumfeld-Album sei. Einen Monat später habt ihr eure Tour bekanntgegeben. Das ist jetzt deine Chance zu sagen, dass ihr auf mich gehört habt.

Jochen Distelmeyer: Den Gefallen hätte ich dir gerne getan, aber haben wir nicht (lacht). Ein Fan hat mich auf der Straße angesprochen und mir gesagt, dass unser Album „L‘Etat et Moi“ jetzt 20 Jahre alt sei.

Wie ist euer „Comeback“ zu verstehen? Gebt ihr ein paar Konzerte und das war es dann? Oder ist es ein Findungsprozess, an dessen Ende die Lust steht, mehr zu machen?

Distelmeyer: Vielleicht. Wir sehen das nicht als „Comeback“. Als ich die beiden anderen André Rattay und Eike Bohlken , die Red. angerufen habe, war es einfach die Lust, wieder zusammen Musik zu machen, also “L‘Etat et Moi“ und auch andere Sachen aus dieser Phase zu spielen. Der Spaß steht im Vordergrund, es sollte nichts Großes werden. Dann schlug es doch relativ schnell hohe Wellen. Aber an unserer Grundüberlegung hat sich nichts geändert.

Und was kommt danach?

Distelmeyer: Wir spielen erstmal die neun Shows. Dann bin ich mit der Veröffentlichung meines Romans im nächsten Jahr beschäftigt. Ich werde sicherlich an meiner nächsten Platte arbeiten. Ob sich darüber hinaus aus dieser Konstellation etwas ergeben könnte, dazu gibt es keine Pläne. Wir sitzen ab dem 26. im Bus und gehen dann auf die Bühne. Mal schauen, wie es sich anfühlt, im Moment ist es ziemlich geil.

Und weswegen in Ur-Besetzung und nicht in der letzten?

Distelmeyer: Wir haben „L‘Etat et Moi“ in dieser Besetzung eingespielt, also war es logisch, dass wir das nur zu dritt wieder spielen können.

 

Es hätte ja auch ein anderer Anlass sein können. Kommendes Jahr ist 25-jähriges Bandjubiläum.

Distelmeyer: Ist das so? Das habe ich auch nicht auf dem Zettel. Da müssen wir ja wieder auf Tour gehen ( lacht ). Hm. Nein. Ich finde es erstmal geil, wie es jetzt ist.

Ihr spielt im September im Skaters Palace. Was kann Münster von euch erwarten und was erwartet ihr von Münster?

Distelmeyer: Von uns zu erwarten: einen Haufen geile Songs, geile Stimmung. Wir sind alle ziemlich ausgelassen, voller Vorfreude, das fühlt sich alles ganz knackig an. Mit der einen oder anderen Überraschung. Ich rechne schon damit, dass der eine oder andere vorbeikommt, der uns zur „L‘Etat et Moi“-Zeiten nicht live gesehen hat. Auch würde ich mich freuen, wenn uns Leute sehen wollen, die uns gerade erst entdeckt haben.

Heißt das denn, dass ihr Songs aus der Phase spielt, die Eike gar nicht mitbekommen hat?

Distelmeyer: Mal gucken ( lacht ). Das fällt in den Bereich der Überraschung. Es hat sich für uns auch erst ergeben, aber unser Set steht größtenteils.

Ich habe den Grund für die Trennung nie verstanden. Lagerkoller? Konntet ihr in dem Konstrukt Band nicht eure Kreativität so ausleben, wie ihr wolltet?

Distelmeyer: Ich habe mich in Blumfeld immer sehr frei gefühlt. Die Alben, die wir als Blumfeld in verschiedenen Besetzungen aufgenommen haben, sehe ich im Zusammenhang. Verschiedene Etappen, auf denen man etwas erzählen kann. Nachträglich habe ich festgestellt, dass es mit den Aufnahmen zum Album „Verbotene Früchte“ einen schönen Abschluss gab. Einfach rund. Dann habe ich gemerkt, dass ich ein Stück weiter und auch andere Wege gehen will. Und das ist noch nicht abgeschlossen.

Wie hast du die vergangenen acht Jahre genutzt?

Distelmeyer: Ich war nach dem Soloalbum „Heavy“ auf Tour und habe mich dann an der Arbeit zum neuen Album befunden. Bei den Vorbereitungen habe ich festgestellt, dass das, was mich inhaltlich beschäftigt, nicht zu den Songs und der Musik passt. Beim Spazierengehen hatte ich das große Glück, dass mir quasi die ersten fünf Seiten meines Buches zugeflogen sind. Und damit habe ich die letzten zwei Jahre zugebracht.

Und das neue Soloalbum? Ist das so wie bei Clint Eastwood und „Erbarmungslos“? Muss das jetzt erst reifen, bis es bereit ist aufgenommen zu werden? Oder komponierst du erst komplett neue Songs?

Distelmeyer: Das kann ich noch gar nicht sagen. Das Buch ist abgeschlossen und wird im Frühjahr nächsten Jahres erscheinen. Danach gehe ich auf Lesereise, und parallel werde ich mit meiner Soloband an einem neuen Album arbeiten. Wenn wir dann zusammenarbeiten wird etwas Neues entstehen. Klar. Das ist ein normaler Prozess. Auch während des Romanschreibens sind neue Ideen aufgekommen.

Was bedeutet eine Rückbesinnung auf ein 20 Jahre altes Album? Bringt man etwas Neues mit in die Lieder? Klängen Blumfeld heute ähnlich wie früher?

Distelmeyer: Wir werden die alten Sachen so ähnlich spielen, wie wir sie früher gespielt haben, werden aber natürlich auch Neues hinzufügen. Ich habe in späteren Blumfeld-Konstellationen und auch solo immer wieder Material von den ersten beiden Blumfeld-Alben gespielt, weil sie zu jedem Zeitpunkt noch aktuell waren.

Zeitlos.

Distelmeyer: Ja, von dem, was sie für die Momente bedeuten können, in denen man sie spielt. Das war ein für mich überraschender Eindruck, dass das Material musikalisch als auch textlich immer noch gegenwärtig ist. Vieles von dem, was uns noch und auch wieder beschäftigt – politisch, gesellschaftlich oder privat – wird da bereits erzählt. Und da die Songs bereits geschrieben sind, muss ich nicht noch Fortsetzungen davon auf Papier bringen. Ich kann mich auf tiefere Einblicke und Hintergründe konzentrieren.

 

Wenn man auf 1994 zurückblickt, fragt man sich da nicht, wie das damals war? Wie man damals zum Beispiel ohne Smartphone miteinander kommuniziert hat?

Distelmeyer: Genauso. Nur ohne die Apparate. Man war anders vernetzt, hat anders miteinander gesprochen und interagiert. Das findet sich auch in der Art wieder, wie die Texte auf dem Album gebaut sind: Collagetechnik, Zitate, in mehreren Zungen sprechend. Das ist heute Standardkulturtechnik. Und war auch damals keine neue Erfindung. Die ist vor tausenden von Jahren auch schon von anderen Autoren vollzogen worden.

Steht Blumfeld eigentlich im Guiness-Buch der Rekorde mit dem Song, das am meisten „O“‘s hat?

Distelmeyer: Wüsste ich nicht ( lacht ).

Wortspiele und Lautmalerei wie in dem Song „Strobohobo“ sind ja dein Ding. Ich bin gespannt, ob dein Buch, wenn du es auf Lesereisen vorträgst, auch so einen Klang hat, wie das bei Texten von Franzobel der Fall ist.

Distelmeyer: Ja klar. Ich bin Sänger. Das habe ich auch früher immer betont. Ich sehe mich als Musiker und Sänger. Das, was ich schreibe, unterliegt immer dem Kriterium, dass es singbar sein muss, dass es klingt, und sich gut anfühlt. Und das ist das, was meine Arbeit als Songwriter mit meiner Arbeit als Autor verbindet.

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