Institut für Theologische Zoologie besteht seit fünf Jahren
„Die Fleischfrage wird zur Systemfrage“

Münster -

Das Institut für Theologische Zoologie in Münster feiert ein kleines Jubiläum. Seit fünf Jahren engagieren sich die Mitarbeiter für eine Theologie, die gerade auch die Tiere als Mitgeschöpfe in den Blick nimmt. Auf Fragen unseres Redaktionsmitglieds Johannes Loy zieht der Leiter des Instituts, Dr. Rainer Hagencord, eine Zwischenbilanz.

Donnerstag, 11.09.2014, 17:09 Uhr

Dr. Rainer Hagencord ist Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster, das jetzt sein fünfjähriges Bestehen feiert.
Dr. Rainer Hagencord ist Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster, das jetzt sein fünfjähriges Bestehen feiert. Foto: Tatjana Jentsch

Fünf Jahre sind eine kurze Zeit im Wissenschaftsbetrieb. Was konnten Sie und Ihre Mitarbeiter bislang gedanklich anstoßen?

Rainer Hagencord : Was mich sehr freut und ich damals nicht erwartet hatte: In diesen Jahren haben die Anfragen von Hochschulen, Lehrerinnen und Lehrern, Menschen, die in der Katechese arbeiten, und solchen, die sich in Umweltschutzverbänden und Bürgerinitiativen für einen respektvolleren Umgang mit unseren Mitgeschöpfen engagieren, mehr und mehr zugenommen.

Die Theologische Zoologie wird auch von den Medien als ein wesentlicher Beitrag der Theologie zu den bedrängenden Fragen wahrgenommen, die die ökologische Katastrophe aufwirft: Dass wir als Christinnen und Christen unsere Verantwortung für die sogenannten Drei Welten ernster nehmen: die Nach-Welt; die natürliche Mit-Welt und die DritteWelt. Dass wir uns von der Herrschaftsattitüde verabschieden und uns als Mitgeschöpfe verstehen.

Es hat in der Vergangenheit auch heftige Dispute zwischen Ihnen und Vertretern der heimischen Landwirtschaft gegeben. Auch Bischof Felix Genn ging nach Protesten auf Distanz zu Ihnen . . .

Hagencord: Der Bischof hat zugleich deutlich gemacht, dass ich im Rahmen der akademischen Freiheit meine Anfragen einbringen kann: in die äußerst anspruchsvolle und komplizierte Debatte um den angemessenen Umgang mit den uns anvertrauten Schweinen, Puten, Hühnern und Rindern. Je mehr ich mich mit dem Thema der industriellen Tierhaltung beschäftige, um so klarer sehe ich, dass die „Front“ eher im Blick auf die Verbraucherinnen und Verbraucher zu erkennen ist, die weiterhin nach dem Motto „Billig will ich“ einkaufen; auf Christinnen und Christen, denen diese Fragen gleichgültig sind, und auf eine Politik, die sich von den Interessen der Fleisch- und Pharmalobby dominieren lässt. Denn vor allem diejenigen, die dort ihr Geld verdienen, gewinnen! Alle anderen verlieren.

Ist es aus Sicht einer Theologischen Zoologie überhaupt noch erlaubt, Fleisch zu konsumieren?

Hagencord: Wenn ich die Erkenntnisse der Verhaltensbiologie und die Wertschätzung, die in vielen biblischen Texten den Tieren zukommt, zusammenlese, dann wird diese Frage für mich immer größer und bedrängender: Denn auch die sogenannten Nutztiere verfügen über ein umfangreiches Repertoire von Emotionalität, sozialer Kompetenz, Fähigkeiten, Probleme zu lösen, zu denken, ja Anfänge von Bewusstsein. Und in der Bibel sind sie die Zuerst-Gesegneten der Schöpfung, beseeltes Gegenüber des Adam, Bündnispartner Gottes nach der Sintflut, Mitbewohner einer Welt ohne Gewalt, in der auch Bärin und Kalb sich anfreunden, Lehrerinnen und Lehrer für Hiob, den Propheten Bileam und Jesus selbst.

Nicht zuletzt gilt: Wer die Fleischfrage stellt, stellt die Systemfrage; denn 98 Prozent des Fleisches kommt aus der industriellen Tierhaltung, einem System also, in dem nicht die Haltungsbedingungen an die Tiere, sondern die Tiere an die Bedingungen angepasst werden.

Wie sieht es mit dem Stellenwert der Theologischen Zoologie im Konzert der anderen theologischen Disziplinen aus? Ist man da „angekommen“?

Hagencord: Ich bin sehr dankbar, dass in den letzten Jahren sowohl hier in Münster als auch in Osnabrück, im letzten Wintersemester auch in Graz, die Theologische Zoologie in Form von Lehraufträgen präsent war und weiterhin sein wird.

Welche Zielperspektiven hat das Institut im Blick?

Hagencord: Dass im Rahmen eines dringend nötigen Bewusstseinswandels die Theologische Zoologie als eine wichtige Stimme wahrgenommen wird und ihren Beitrag leisten kann, ist das eine. Dazu zählt die Präsenz des Themas in Pädagogik, Katechese, Verkündigung und Medien.

Das andere ist eine strukturelle Sicherheit: dass es feste Stellen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt; denn im Moment schultert eine wunderbare Gruppe von engagierten Frauen und Männern ehrenamtlich die viele Arbeit. Zudem sorgen Förderer dafür, dass (noch) in begrenzten Zeiträumen befristete Stellen eingerichtet werden können.

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