Kreuzschmerzen
Achterbahn der Gefühle

Harmlose Rückenschmerzen – das glaubt Marcel Kalze anfangs, als seine Beschwerden beginnen. Als sie immer schlimmer werden, folgt der Schock: Diagnose Krebs. Der 22-Jährige hat einen faustgroßen Tumor. Chemo, Bestrahlung, Operation – eine harte Zeit liegt hinter ihm.

Montag, 15.09.2014, 14:09 Uhr

Professor Dr. Tobias Schulte erklärt seinem Patienten Marcel Kalze am Skelettmodell, welche Rippen und Wirbel von seinem Tumor betroffen waren und wie operiert worden ist.
Professor Dr. Tobias Schulte erklärt seinem Patienten Marcel Kalze am Skelettmodell, welche Rippen und Wirbel von seinem Tumor betroffen waren und wie operiert worden ist. Foto: Jürgen Christ

Na ja, ein bisschen Rücken, das hat schließlich jeder mal . . . Denkt sich Marcel Kalze und jammert nicht. Er geht zum Hausarzt, der verschreibt Tabletten. Die Schmerzen bleiben. Er geht zum Orthopäden, bekommt neue Medikamente. Die Schmerzen bleiben. „Sie waren so schlimm, dass ich nachts nicht mehr schlafen konnte“, erinnert sich der 22-Jährige an die Zeit, in der seine Leidensgeschichte beginnt. Er ist zum dem Zeitpunkt Azubi, macht eine Ausbildung als Nutzfahrzeug-Mechatroniker und glaubt, dass er sich schlicht verhoben hat. Kein Gedanke daran, dass etwas Schlimmes dahinterstecken könnte.

Und doch ist es so. Nur wenige Wochen später bekommt der junge Mann die Diagnose , die sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Er hat Krebs. „Ein Tumor im Rücken verursacht diese Schmerzen“, erfährt er. Und ist fassungslos. Wie vor den Kopf geschlagen sei er gewesen, erzählt er. Seine Eltern, seine Geschwister – sie alle können es nicht glauben. „Man denkt doch nicht daran, dass jemand, der so jung ist, Krebs hat“, sagt sein Vater in der Rückschau. Die Diagnose habe die ganze Familie förmlich überrollt.

Die Aufnahme zeigt den Medizinern sofort, wo der Tumor angesiedelt war und wie groß er war.

Die Aufnahme zeigt den Medizinern sofort, wo der Tumor angesiedelt war und wie groß er war. Foto: Jürgen Christ

Marcel kommt in die Universitätsklinik Münster . Er wird Patient auf der Station der Kinder- und Jugendonkologie mit Prof. Dr. Heribert Jürgens als Direktor. „Gott sei Dank“, sagt die Familie heute. Denn mit den umfassenden Informationen dort, mit der wohltuenden Atmosphäre und dem Gefühl, „hier wird man abgeholt, wo man steht“, sehen sie endlich Licht am Ende des finsteren Tunnels. „Die Art des Tumors ist durch eine Probeentnahme bekannt, es wird ein Behandlungsplan erstellt, das Vorgehen erläutert und Schritt für Schritt erklärt. Das hat uns in dieser schwierigen Situation sehr geholfen und Sicherheit vermittelt“, erzählen Vater Siegfried Kalze und Sohn Marcel übereinstimmend.

Der Tumor – ein sogenanntes Ewing-Sarkom – ist groß. Groß wie eine geballte Faust. Er umfasst den siebten und achten Brustwirbel und die siebte, achte und neunte Rippe. „Eine Chance auf Heilung besteht nur, wenn der Tumor vollständig als ein Block entfernt wird, ohne dass der Tumor bei der Operation verletzt und eröffnet wird. Das würde sonst eine Verschleppung von Tumorzellen bedeuten und die Prognose sehr schlecht machen. Die vollständige Entfernung von solchen Tumoren der Wirbelsäule ist nicht immer einfach, da das Rückenmark, das mitten durch die Wirbelsäule verläuft, natürlich erhalten bleiben soll, damit die Funktion der Beine gesichert ist“, erklärt Prof. Dr. Tobias Schulte , der die Sektion Wirbelsäulenorthopädie in der Universitätsklinik für Allgemeine und Tumor-Orthopädie leitet und in all den vergangenen Monaten wichtiger Ansprechpartner für die ganze Familie Kalze im Uniklinikum Münster ist. Bevor diese Operation durchgeführt werden kann, steht eine Chemotherapie an, um den Tumor zu verkleinern. So sieht es der Behandlungsplan vor.

Das ist der Stand im Sommer des vergangenen Jahres. Die Chemotherapie erstreckt sich über Wochen. „Und die ist wirklich sehr hart“, sagt Marcel heute, nachdem er sie durchgestanden hat. 20 Kilogramm nimmt er ab, leidet unter ständiger Übelkeit, seine Mundhöhle ist angegriffen und kaputt. Essen wird zur Qual.

Die Schmerzen waren so schlimm, dass ich nachts nicht mehr schlafen konnte.

Marcel Kalze

Das einzig Gute bei all dem Leiden: Die Therapie schlägt an. Der Tumor schrumpft, wird deutlich kleiner – endlich die Aussicht auf die ersehnte Operation. Im Januar dieses Jahres ist es dann so weit. Prof. Schulte und sein OP-Team operieren Marcel. Neben erfahrenen Anästhesisten ist auch Privatdozent Dr. Wiebe, Leiter der Thoraxchirurgie der Universitätsklinik, beteiligt. „Die Behandlung von Patienten wie Marcel ist eine Aufgabe, die man nur interdisziplinär lösen kann. Spezialisten aus den verschiedensten Bereichen der Universitätsklinik arbeiten Hand in Hand zusammen“, betont Prof. Schulte. Der Eingriff dauert Stunden: „Drei Rippen und zwei Wirbel samt Tumor müssen als ein Block ohne Beschädigung des Tumors entfernt werden, der gesamte Bereich muss dann mit speziellen Implantaten stabilisiert und rekonstruiert werden, so dass die gesamte Wirbelsäule wieder funktionsfähig ist und das Rückenmark erhalten bleibt“, erläutert der Mediziner. Stunde um Stunde vergeht an diesem Januartag, es dauert lange, bis Eltern und Geschwister endlich nach Mitternacht die erlösende Nachricht bekommen: „Die Operation ist beendet. Sie war erfolgreich.“ 17 Stunden hat der Eingriff insgesamt gedauert, dann folgen einige Tage auf der Intensivstation. Das Wichtigste, als Marcel wach wird: „Ich konnte meine Beine bewegen.“ Und noch an dem Tag beginnen die ersten Übungen mit Physiotherapeuten, um den Körper langsam wieder aufzubauen, Muskeln und Gelenke mobil zu machen. Nach einigen Tagen dann die wichtige Nachricht der Pathologen, die den entfernten Tumor untersucht haben: „Der Tumor ist vollständig und unbeschädigt entfernt worden. Das ist sehr gut für Marcel.“

Therapie ist nach der OP nicht zu Ende

Auch nach der Operation ist die Therapie nicht zu Ende: Eine weitere Chemotherapie sowie Bestrahlung schließen sich laut Behandlungsplan an, um sicherzugehen, dass auch wirklich jede Krebszelle im Körper vernichtet ist. Bisherige Untersuchungen bestätigen: „Marcel ist aktuell frei von Tumoren.“ Aber auch in Zukunft wird er engmaschig überwacht und kontrolliert, um jedes Risiko zu minimieren.

Dazu zählen regelmäßige MRT-Untersuchungen. „Um bei diesen Untersuchungen keine Störphänomene durch Metall zu haben, haben wir bei Marcel spezielle Implantate aus Carbon und Kunststoff gewählt anstelle der sonst üblichen Titan-Implantate“, so Prof. Schulte. „Das ist eine Errungenschaft der modernen Medizin, die die Sicherheit für Patienten wie Marcel deutlich erhöht.“

Der 22-Jährige blickt positiv in die Zukunft. Er wird eine Reha antreten, um wieder zu Kräften zu kommen, aber auch, um die zurückliegenden Monate mit all ihren Strapazen, Ängsten und seelischen Belastungen zu verarbeiten. Er schmiedet Pläne, hat eine neue Ausbildungsstelle als Speditions- und Logistikkaufmann gefunden und brennt darauf, endlich wieder ein normales Leben zu führen.

Zwei Dinge nimmt er mit aus dieser Zeit, sie wird er nicht vergessen: „Die Uniklinik, die netten Menschen, die ich dort getroffen habe und die alles daran gesetzt haben, mich zu ermutigen und mir so gut geholfen haben.“ Und natürlich seine Familie: „Wir hatten immer ein gutes Verhältnis“, sagt sein Vater. Aber in einer solchen Situation rücke man als Familie noch viel näher zusammen. Und Marcel ist ganz sicher: „Zusammen lassen wir uns nicht unterkriegen.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2743627?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F2572714%2F4847850%2F
Nachrichten-Ticker