Klaus Töpfer zum demografischen Wandel
Schrumpfkur für Dörfer

Münster -

Der ehemalige Bundesminister Klaus Töpfer war Festredner der „wohnungswirtschaftlichen Gespräche“ in Münster. Er skizzierte dabei die absehbaren Strukturprobleme des ländlichen Raums.

Freitag, 19.09.2014, 20:09 Uhr

„Es ist schwierig, eine Prognose für ein Jahr zu erstellen, das man selbst noch erlebt.“ Prof. Klaus Töpfer , ehemaliger Bundesminister und prominenter Gast bei den „Wohnungswirtschaftlichen Gesprächen“ der Uni Münster , weiß genau, wovon er spricht.

In den 1960er-Jahren war Töpfer Assistent am WWU-Institut für Siedlungs- und Wohnungswesen und musste eine Prognose zum Wohnungsbedarf des Jahres 2000 erstellen. Töpfers Urteil über seine damalige Prognose war vernichtend. Er habe so weit daneben gelegen, dass ihm nur ein einziger Wunsch bleibe: „Hoffentlich ist mein Gutachten im Instituts-Archiv nicht mehr zu finden.“

Als Festredner vor Vertretern der Wohnungswirtschaft kam Töpfer am Freitag im Hörsaalgebäude am Schlossplatz aber nicht umhin, neuerlich eine Prognose für die weitere Entwicklung der Wohnungswirtschaft abzugeben.

Er machte sie fest an einer einfachen Beobachtung: „Je dünner die Regionen in unserem Land besiedelt sind, desto höher ist die Abwanderungsquote.“ Will sagen: Attraktive Ballungsräume auf der einen Seite und strukturschwache ländliche Räume werden eine dramatisch unterschiedliche Entwicklung erleben.

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert müsse man schlicht festhalten, so Töpfer: „Die Wissensgesellschaft ist eine urbane Gesellschaft.“

Zwar vermied es der Referent ausdrücklich, das Wort „Landflucht“ in den Mund zu nehmen. Gleichwohl klang es schon provozierend, als er dem ein oder anderen Bürgermeister auf dem platten Land eine „Schrumpfungsstrategie“ an Herz legte.

Denn die Probleme seien unübersehbar. Eine funktionierende Infrastruktur – Energie, Verkehr, Internet – sei im ländlichen Raum vergleichsweise teuer und bei sinkender Bevölkerungszahl unbezahlbar. „Es gibt Gemeinden, für die ist es günstiger, das Abwasser zur nächsten Kläranlage zu kutschieren, als eine eigene Kläranlage zu betreiben.“

Insgesamt profitiere Deutschland demografisch davon, dass „wir mit den Wanderungsgewinnen den Geburtenrückgang kompensieren können“. Nicht zuletzt junge, ehrgeizige Südeuropäer würden ihre Heimat verlassen. Es sei aber eine Illusion zu glauben, man könne auf diesem Wege das Problem der Jugendarbeitslosigkeit in Italien und Spanien lösen.

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