Interview mit Oberbürgermeister-Kandidatin Klein-Schmeink
„Münster sitzt bei mir mit auf dem Sofa“

Münster -

Wenige Tage nach ihrer offiziellen Nominierung als Oberbürgermeister-Kandidatin der Grünen in Münster stand Maria Klein-Schmeink unserer Zeitung Rede und Antwort.

Sonntag, 26.10.2014, 15:10 Uhr

Seit 26 Jahren ist Maria Klein-Schmeink für die Grünen politisch aktiv. Jetzt strebt sie das höchste Amt in Münster an und sagt: „Ich weiß genau, worauf ich mich einlasse.“
Seit 26 Jahren ist Maria Klein-Schmeink für die Grünen politisch aktiv. Jetzt strebt sie das höchste Amt in Münster an und sagt: „Ich weiß genau, worauf ich mich einlasse.“ Foto: Matthias Ahlke

95 Prozent der grünen Mitglieder nominierten Maria Klein-Schmeink zur Oberbürgermeister-Kandidatin. Mit ihr sprachen die WN-Redakteure Ralf Repöhler und Klaus Baumeister.

Frau Klein-Schmeink, warum möchten Sie Oberbürgermeisterin von Münster werden? 

Klein-Schmeink: Mich verbindet eine lange Zeit mit Münster. 1988 wurde ich in den Kulturausschuss geschickt, mehr als  16 Jahre gehörte ich dem Rat an. An dieser Verbundenheit hat sich auch nichts geändert, als ich 2009 Bundestagsabgeordnete wurde. Zum Spaß habe ich in der Familie schon oft gesagt: Münster sitzt bei mir mit auf dem Sofa. Richtig ernsthaft kam der Gedanke an eine Kandidatur, als wir Grüne bei der Kommunalwahl über 20 Prozent der Stimmen errangen. Es gibt eine Mehrheit im Rat und in der Stadt jenseits der CDU , die eine sozial-ökologische Politik will. Die Chance ist jetzt da. Auch als Frau bin ich ein Gegenentwurf zu Markus Lewe .

Was macht denn der Amtsinhaber so falsch, dass Sie gegen ihn kandidieren?

Klein-Schmeink: Markus Lewe ist ein sympathischer Politiker. Er ist auch ein sympathisches Gesicht hinein in die Bürgerschaft. Aber ich vermisse eine visionäre Gestaltung der Stadtgeschicke. Lewe ist eher zögerlich, grundlegende stadtprägende Entscheidungen wurden in der letzten Ratsperiode vor allem durch Grüne und SPD oder zu Beginn durch das Sixpack-Bündnis auf die Tagesordnung gesetzt.  Als aktuelles Beispiel nenne ich mal  die längst beschlossene Errichtung einer zweiten städtischen Gesamtschule im Ostviertel, die von der Verwaltung sehr halbherzig und unkoordiniert verfolgt wurde. Auch beim Thema „bezahlbarer Wohnraum“ ist der OB erst sehr spät in Aktion getreten, hat eher reagiert, statt ein konkretes, langfristig gedachtes Gesamtkonzept zu verfolgen.

 

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Lewe? 

Klein-Schmeink: Wir kommen gut miteinander aus.

 

Hat er schon auf ihre Kandidatur reagiert?

Klein-Schmeink: Über die Geschäftsführerin der Grünen hat er mir noch am selben Abend beste Grüße ausrichten lassen.

Gibt es bislang eine Resonanz bei der SPD?

Klein-Schmeink: Nein.

 

Nichts gehört?

Klein-Schmeink: Nein.

 

Können Sie sich vorstellen, die gemeinsame Kandidatin von SPD und Grünen zu sein?

Klein-Schmeink: Ja, das könnte ich mir vorstellen. Die Kooperationsvereinbarung, die SPD und Grüne getroffen haben, wäre eine gute Grundlage, eine gemeinsame inhaltliche Klammer.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es bislang nur eine Gegenkandidatin zu Markus Lewe gibt?

Klein-Schmeink: Ich kann nur vermuten, dass die SPD noch keinen Kandidaten hat. Aber grundsätzlich sollten die Parteien diese Frage eigenständig regeln.

Wie hat Ihre Familie auf die Kandidatur reagiert?

Klein-Schmeink: Meine Familie weiß natürlich schon länger, dass ich kandidieren möchte. Sie steht hinter mir. Überdies wissen sie, was es heißt, wenn ich in den Wahlkampf ziehe. 2004 war ich bereits Oberbürgermeister-Kandidatin der Grünen, 2009 und 2013 standen Bundestagswahlkämpfe an.

 

Waren nicht auch Angehörige in Ihrem Heimatort   Dingden politisch aktiv?

Klein-Schmeink: Ja, mein Onkel war CDU-Landrat im Kreis Borken in den Zeiten der damaligen Gebietsreform.

Was sagen Ihre Verwandten zu Ihrer Karriere als Grünen-Politikerin?

Klein-Schmeink: Zum Einzug in den Bundestag haben sie mir gratuliert. Es hieß zwar: „Das ist nicht unsere Partei.“ Aber die Wertschätzung ist da. 

Ist Münster reif für ein grünes Stadtoberhaupt?

Klein-Schmeink: Ja, das könnte man so sagen. Ich stehe für eine nachhaltige Politik, für  sozialen Zusammenhalt, für eine offene Stadt und für die Vielfalt von Lebensstilen. Die SPD, in Teilen auch die CDU haben in den vergangenen Jahren inhaltliche Positionen übernommen, die wir schon vor 20 bis 25 Jahren eingenommen haben. Wir haben folglich diese Stadt durchaus geprägt. Diese inhaltliche Ausrichtung wird von einem großen Teil der Bevölkerung für Münster gewollt.

 

Sind Sie wählbar für Konservative?

Klein-Schmeink: Ja, ich bin eine  wertebezogene Politikerin. Ansprechen kann ich zum Beispiel christliche Kreise, die sich für eine offene und tolerante Stadt einsetzen und denen Humanität, sozialer Zusammenhalt, Hilfen für Flüchtlinge und  ein lebenswertes Alter am Herzen liegen. Ob diese inhaltlichen Überschneidungen auch dazu führen, dass Konservative mich wählen, weiß ich natürlich nicht.

Marion Tüns war die erste Oberbürgermeisterin in Münster. Ist sie ein Vorbild für Sie?

Klein-Schmeink: Ich würde sie nicht direkt als Vorbild bezeichnen. Aber ich habe vieles von ihr gelernt. Gut in Erinnerung ist mir, wie sie von 1994 bis 1999 die Gesprächsrunden in der rot-grünen Koalition geführt hat. Durch sie habe ich auch eine  Ahnung davon, was eine Frau im Oberbürgermeisteramt so alles erwartet. Ich denke dabei etwa an die öffentliche Debatte über den Hut, den Marion Tüns zur Feier „350 Jahre Westfälischer Frieden“ 1998 getragen hat.

 

Als Oberbürgermeisterin müssten Sie zum Kramermahl.

Klein-Schmeink: Natürlich. Vielleicht ergäbe sich unter meiner Beteiligung sogar die Möglichkeit, die Veranstaltung etwas moderner aufzustellen, etwa was die Beteiligung von Frauen angeht. Ganz abgesehen davon bin ich von Berlin Veranstaltungen aller Art gewohnt.

 

Würde Ihnen der Abschied aus Berlin schwer fallen?

Klein-Schmeink: Sehr. Aber der konkrete Gestaltungsauftrag für Münster wäre nicht weniger reizvoll. Ich habe meine Entscheidung vom Ende her gedacht. Ich weiß genau, worauf ich mich einlasse.

Wie würde sich Ihr Gestaltungswille ausdrücken?

Klein-Schmeink: Es geht darum, Münsters Stärken auszubauen. Wir können uns nicht länger auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen. Der Radverkehr ist – gemessen am gesamten Verkehrsaufkommen – inzwischen so groß, dass wir die Infrastruktur konsequent ausbauen müssen. Der ÖPNV muss deutlich gestärkt werden. Ich habe auch den Ehrgeiz, Flächen zu aktivieren, die vorhanden sind, aber derzeit nicht genutzt werden. Weitere Punkte: Wir müssen uns besser einstellen auf den wachsenden Anteil Älterer und überdies den Wohnraum für Familien wieder erschwinglich machen. Die Familien brauchen ein gutes Unterstützungsangebot und wollen ein differenziertes Schulangebot.

Vermissen Sie das bei den anderen Parteien, etwa der CDU?

Klein-Schmeink: Ich  erlebe dort keine klare Prioritätensetzung, eher eine Politik, die sich an Marketing-Gesichtspunkten ausgerichtet. Genau in einer Zeit, als die Stadt neue Schulden wegen der Hochwasserschäden machen muss, kommt vom OB  der Vorschlag, eine Etappe der Tour de France nach Münster zu holen, was Millionen kostet.

 

Was haben Sie gegen die Tour de France?

Klein-Schmeink: Nichts. Ich bin begeisterte Radrennsportlerin. Aber gute Standortpolitik betreibt man nicht über plakative Events. Entscheidender ist vielmehr eine gute und zuverlässige Infrastruktur, etwa für junge Familien.  

 

Sie haben das Leitbild Münsters als „Stadt der Wissenschaft und Lebensart“ als nicht mehr zeitgemäß kritisiert.

Klein-Schmeink: „Wissenschaft und Lebensart“ ist nur eine Beschreibung, ein Bild von Münster. Es formuliert aber keinen Auftrag. Ich wünsche mir eine Profilierung Münsters entlang der Stärken und zukunftsweisenden Potenziale, als Fahrradstadt, als Klimaschutzstadt, als Friedensstadt, als Gesundheitsstadt, als junge Stadt. Jeder fünfte bis sechste Arbeitsplatz in Münster liegt im Gesundheits- und Sozialwesen. Das wird von der Politik kaum wahrgenommen.

SPD und Grüne möchten gern bis 2020 in Münster regieren, haben aber keine Mehrheit im Rat. Wie würden Sie als Oberbürgermeisterin damit umgehen?

Klein-Schmeink : Ich müsste sicherlich  sehr viele Brücken bauen. Ich habe in Oppositionszeiten gelernt: Über  Fachlichkeit kann man überzeugen und so zu tragfähigen, gemeinsam getragenen Lösungen kommen. Dazu gehört, dass man die längerfristigen Ziele und langen Linien formuliert und aufzeigt.

Vermissen Sie diese langen Linien in der aktuellen Rathauspolitik?

Klein-Schmeink: In Teilen ja.

 

Der frühere Oberbürgermeister Berthold Tillmann hat einmal gesagt, ein Oberbürgermeister in Münster sei „öffentliches  Eigentum“. Teilen Sie diese Ansicht?

Klein-Schmeink: Ich würde für mich beanspruchen, nicht vollständig öffentliches Eigentum zu sein. Auch eine Oberbürgermeisterin sollte eine Privatsphäre haben. Ich glaube, dass in Münster die Bereitschaft besteht, diese zu respektieren. Aber ich bin mir vollkommen dessen bewusst, dass es eine öffentliche Inanspruchnahme meiner Person geben wird. Das ist aber auch als Bundestagsabgeordnete so.

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