Plagiate bei Medizinern
Mit Vollgas zum Doktor

Münster -

An der medizinischen Fakultät sind reihenweise Dissertationen aufgefallen , in denen die Autoren offenbar geschummelt haben. Die Medienwissenschaftlerin und Plagiatsjägerin Debora Weber Wulff, die die meisten der Plagiate ermittelte und im Internet veröffentlichte, war am Freitag von der Fakultät zu Vortrag und Diskussion eingeladen.

Freitag, 14.11.2014, 20:11 Uhr

Debora Weber-Wulff im Hörsaal der Fakultät.
Debora Weber-Wulff im Hörsaal der Fakultät. Foto: kv

An medizinischen Fakultäten in Deutschland kursiert ein Sprichwort, das gut zur gegenwärtigen Diskussion über Plagiate in Dissertationen passt: „Inskribiert und nicht krepiert ist promoviert.“ Prof. Dr. Debora Weber-Wulff , Medien-Wissenschaftlerin und Informatikerin aus Berlin, und bekannt als Deutschlands wichtigste Plagiatsjägerin, zitierte den Spruch am Freitagnachmittag im Dekanats-Hörsaal der Medizinischen Fakultät der Uni Münster , die sie zum Vortrag eingeladen hatte.

Weber-Wulf hat der Fakultät in diesem Jahr viel Ungemach beschert. In der Internetplattform Vroniplag wiki zeigte sie gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern 22 medizinische Doktorarbeiten aus Münster als Plagiate an. Die Fakultät will Transparent mit der verbreiteten Schummelei umgehen. Dazu gehörte auch, Weber-Wulff zur Diskussion einzuladen und die bei Vroniplag wiki praktizierte Methode erläutern zu lassen.

„Unser System ist keine Software“, stellte die Professorin klar, die für korrekte wissenschaftliche Praxis eine Lanze bricht. Die Doktorarbeiten würden von Wissenschaftlern gelesen und verglichen. Computerprogramme seien allenfalls ein Hilfsmittel. Erst wenn zwei Prüfer feststellten, dass wesentliche Teile der Arbeit abgeschrieben sind, werden sie bei Vroniplag wiki veröffentlicht, so Weber-Wulff.

Sie zeigte den staunenden Zuhörern, darunter auch etliche Professoren der Fakulktät, dass manche der angezeigten und in Münster verfassten Doktorarbeiten komplett oder annähernd komplett abgeschrieben sind: Abgeschrieben in anderen Doktorarbeiten und – sehr häufig – direkt bei Wikipedia herauskopiert. Ein Schaubild zeigte das Netz der Schummelei. „Ein solches „Kettenplagiat“, so Weber-Wulff, „habe ich in Münster erstmals beobachtet.“

Das Problem der Plagiate bei Doktorarbeiten sieht sie allgemein im Fach Medizin als besonders virulent. Hier gebe es, so erklärte sie mit einem Blick in die Geschichte, bereits seit über 200 Jahren die Neigung, es mit der Dissertation nicht sonderlich ernst zu nehmen, den Titel weniger als Ausweis wissenschaftlicher Fähigkeiten, sondern als Statussymbol zu sehen. Aktuelle Buchtitel wie etwa „Promovieren leichtgemacht“ oder „Mit Vollgas zum Doktor“ unterstreichen laut Weber-Wulff die laxe Haltung von Medizinern zum Promovieren. Eine Lösung könnte in ihren Augen sein, in der Medizin, ähnlich wie in den USA, zwei Arten von Doktortiteln zu vergeben. Einen für Ärzte ohne Forscher-Ambitionen, einen anderen für angehende Wissenschaftler.

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