Das erste weibliche Stadtoberhaupt
Vor 20 Jahren: Marion Tüns wird Oberbürgermeisterin

Münster -

Genau 20 Jahre ist es her, dass Münster zum ersten Mal ein weibliches Stadtoberhaupt erhielt. Im November 1994 wurde Marion Tüns zur Oberbürgermeisterin gewählt. Fünf Jahre blieb sie im Amt. Nach ihrer Abwahl zog sie sich völlig erschöpft in ihr Privatleben zurück – bis heute. 

Samstag, 22.11.2014, 05:11 Uhr

Münsters ehemalige Oberbürgermeisterin Marion Tüns in ihrer Wohnung im Geistviertel. Eines ihrer Enkelkinder wohnt nur wenige Meter entfernt.
Münsters ehemalige Oberbürgermeisterin Marion Tüns in ihrer Wohnung im Geistviertel. Eines ihrer Enkelkinder wohnt nur wenige Meter entfernt. Foto: kal

Wenn sich Marion Tüns an die Kommunalwahl erinnert, die ihr die Tür ins Oberbürgermeisterbüro öffnete, dann strahlt ihr Gesicht. „Das war damals eine Riesenüberraschung, niemand hatte damit gerechnet.“ Damals – das war vor 20 Jahren. Erst gewann Rot-Grün die Wahl, dann, am 9. November 1994, wurde sie zum ersten weiblichen Stadtoberhaupt Münsters gewählt. Drei Jahre übte sie das Amt ehrenamtlich aus, 1997 wurde sie hauptamtliche Verwaltungschefin, 1999 löste sie der CDU-Politiker Dr. Berthold Tillmann ab.

An den Tag der Oberbürgermeisterwahl erinnert sie sich nur schwach. „Es muss mild gewesen sein, ich trug keinen Mantel“, sagt die 68-Jährige. Ansonsten ist der große Tag in Erinnerung verblasst. Das gilt nicht für die folgenden fünf Jahre, die sie – wie sie betont – extrem gefordert haben: „1995 Schlaun-Jubiläum, 1996 Annette-von-Droste-Hülshoff-Jahr, 1997 Skulptur-Projekte, 1998 350 Jahre Westfälischer Frieden“, zählt sie auf. „Das war eine Menge, Menge Arbeit.“ Zu der noch mehr Arbeit dazu kam, als sie 1997 Verwaltungschefin wurde. Hatte die gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfin Respekt, ja, vielleicht sogar Angst vor dieser Herausforderung? „Nein“, sagt Tüns, „das hatten doch andere vor mir auch schon geschafft. Und die kochten auch nur mit Wasser.“ Im Übrigen: „Die wenigsten Entscheidungen habe ich doch alleine gefällt. Meistens hatte der Rat das letzte Wort.“

Man merkt ihr an, dass sie eine Münster-liebende Frau ist.

Oberbürgermeister Markus Lewe

Konversion von Kasernen, neue Kindertagesstätten und eine – wie sie sagt – erfolgreiche rot-grüne Wirtschaftspolitik bleiben Tüns in Erinnerung. 1999, nach nur fünf Jahren, war ihre Oberbürgermeisterzeit wieder zu Ende. Bei der ersten Direktwahl eines Oberbürgermeisters unterlag sie bereits im ersten Wahlgang gegen Dr. Berthold Tillmann. Eine bittere Niederlage? „Nein“, versichert Tüns. „Am Ende meiner Oberbürgermeisterzeit war ich fix und alle, heute würde man vermutlich von einem Burn-Out-Syndrom sprechen.“ Am Abend des Wahltages habe sie sich ins Bett gelegt und „drei, vier Tage fast nur geschlafen“.

Sie war immer fair – obwohl ich bei der Wahl 1998 als ihr Kämmerer gegen sie angetreten bin.

Tüns-Nachfolger Berthold Tillmann

Was folgte, war ein fast völliger Rückzug aus der Politik. Marion Tüns begann, sich vor allem um sich selbst und um ihre Familie zu kümmern. Joggen, Radfahren und Schwimmen lösten nun die langen Sitzungstage in Rat und Verwaltung ab, „und dann fing ich an, mit meinem Mann die Reisen zu machen, die wir immer schon machen wollten“. Marion Tüns kümmerte sich aber auch um ihre pflegebedürftige Mutter, und ihre drei Töchter bescherten ihr fünf Enkelkinder.

Auch zu ihrer eigenen Partei, der SPD, ging Tüns nur noch selten – „es sei denn, ich wurde von den Frauen eingeladen“. Sie habe genug Menschen erlebt, die plötzlich in der zweiten Reihe standen, aber nicht aufhören wollten. „Ich wollte nicht zu jenen Menschen gehören, die sagen: Früher war alles anders.“

Ich war davon angetan, wie sie die Stadt repräsentiert hat. Sie konnte gut auf Menschen zugehen.

Tüns-Vorgänger Jörg Twenhöven

Einmal noch kehrte sie in die Politik zurück, 2002, als ein Bürgerbegehren gegen den Verkauf der Stadtwerke anstand. Sie war eine der Sprecherinnen der Verkaufs-Gegner, das Bürgerbegehren war erfolgreich. Ein Erfolg auch für sie? „Ach, es ging doch nicht darum, Erfolg zu haben – sondern darum, sich für eine Sache, von der man überzeugt ist, zu engagieren.“ Ein anderes Bürgerbegehren verlor sie in ihrer Zeit als Oberbürgermeisterin: Die Menschen in Münster wollten keine städtische Gesamtschule. „Das“, sagt Tüns, „war für mich eine Niederlage.“

Am Ende meiner Zeit als Oberbürgermeisterin war ich fix und fertig.

Marion Tüns, Oberbürgermeisterin von 1994 bis 1999

An einer Wand in ihrer Wohnung hängt ein Kunstwerk von James Rizzi. „For Marion“, hat der Künstler 1993 darunter geschrieben. Andere Hinweise, dass sie sich vor vielen Jahren in der ersten Reihe der Stadtgesellschaft befand, sucht man dort heute vergeblich.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2893086?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F2572714%2F4847848%2F
Tierisches Vergnügen beim Dschungelbuch-Musical
Halle Münsterland: Tierisches Vergnügen beim Dschungelbuch-Musical
Nachrichten-Ticker