Spielend ankommen
Münsteraner helfen Flüchtlingsfamilien

Münster -

Am Hoppengarten quartiert die Stadt seit 14 Jahren Flüchtlingsfamilien ein. Genauso lange haben die Zuwanderer, 100 Menschen, etwa die Hälfte von ihnen Kinder, aus den unterschiedlichsten Ländern Unterstützung von einer Initiative aus dem angrenzenden Viertel. Die Münsteraner spielen mit den Kindern, begleiten sie zum Sportverein, helfen bei den Schularbeiten – und erleben dabei viel Freude, und manchmal Enttäuschungen. Ein Besuch.

Sonntag, 07.12.2014, 06:12 Uhr

Im Spielzimmer am Hoppengarten dürfen die Kinder auch mit Farben klecksen. Die Wohnräume der Familien bieten dafür keinen Platz. Marianne Bussmann (2.v.l.) und Corinna Schoneberg machen mit.  
Im Spielzimmer am Hoppengarten dürfen die Kinder auch mit Farben klecksen. Die Wohnräume der Familien bieten dafür keinen Platz. Marianne Bussmann (2.v.l.) und Corinna Schoneberg machen mit.   Foto: Oliver Werner

Gegenwind bringt Dinge in Bewegung. Und ohne den Gegenwind, die „bösen Briefe aus der Nachbarschaft“, wie Marianne Bussmann sagt, wären die vergangenen 14 Jahre ihres Lebens anders verlaufen. Damals ging es darum, die städtische Flüchtlingsunterkunft am Hoppengarten einzurichten. Und als sich das Ressentiment gegen die Ansiedlung der ausländischen Flüchtlinge artikulierte, rief der Pastor der benachbarten Thomas-Morus-Gemeinde seine Schäfchen zur Tat auf: „Jetzt ist mal christliche Nächstenliebe gefragt.“

Seither hat Marianne Bussmann (80) eine zusätzliche wichtige Aufgabe. Mittwochnachmittag im Flüchtlingsheim am Hoppengarten. In dem vielleicht 25 Quadratmeter kleinen Spielzimmer wuseln um die zwölf Kinder um vier Erwachsene herum. Eldin und Mohammed machen sich am Spieleregal zu schaffen, die kleine Tochter einer albanischen Familie, erst seit wenigen Tagen in Münster , klettert auf einen Stuhl und malt mit Kreide auf der Wandtafel, am Tisch nebenan wird mit Wasserfarben gekleckst.

Spielen und Hausaufgabenhilfe

Die Initiative, rund 15 Ehrenamtliche, spielen mit den Kindern der Flüchtlingsfamilien am Hoppengarten. Nebenan im Raum muss Ruhe herrschen, hier helfen sie „bei den Hausaufgaben“. Und manche der Aktiven, wie Dr. Rutger Winkelmann und Hildegard Buhl, gehen dafür häufig auch direkt in die Thomas-Morus-Grundschule, die die meisten der Flüchtlingskinder im Grundschulalter besuchen.

Hildegard Buhl hat schon in der Schule Migranten-Kindern geholfen, bevor die Flüchtlinge kamen. Rutger Winkelmann (82), in seinem aktiven Berufsleben niedergelassener Arzt, folgte zusammen mit seiner Frau, ebenso wie Marianne Bussmann, dem damaligen Wink des Gemeindepfarrers.

Kinder schenken Freude

Auch im Leben der Winkelmanns haben die Flüchtlinge einen festen Platz gewonnen. Die Kinder schenken Freude, aber es gibt auch immer wieder traurige Geschichten, die die Helfer verdauen müssen. Marianne Bussmann erzählt von „einer tschetschenischen Familie mit drei wunderbaren Töchtern, alle gute Schülerinnen“, die nach fünf Jahren wieder in ihre Heimat abgeschoben wurden. Die Tschetschenen waren nicht die einzigen, von denen sich Helfer der Initiative verabschieden mussten. Hildegard Buhl erinnert sich, dass sie einmal weinend im Flur der Thomas-Morus-Schule saß, als sie erfuhr, dass eine Familie, deren Kinder sie lange unterstützt hatte, Münster hatte verlassen müssen.

Manche machen ihren Weg in Münster

Manche aber schaffen es zu bleiben, machen in Münster ihren Weg. Rutger Winkelmann lächelt zufrieden, als er von der Familie aus dem Kosovo erzählt, deren beide Söhne nun nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zum Bauzeichnern und Schreiner absolvieren. Winkelmann, der „die Jungs“ hat heranwachsen sehen, sprach mit den Ausbildungsbetrieben, „vielleicht hat es ein bisschen geholfen“, meint er.

Am Tisch neben Winkelmann sitzt Almira, Viertklässlerin in der Thomas-Morus-Schule. Almira hat sechs Brüder, sie ist das zweitälteste Kind der Familie. Neuerdings hat sie ein eigenes Bett. „Es läuft gut“, erzählt sie, auch in der Schule. Kontakt zu den einheimischen Kindern hat Almira aber nicht – wie die meisten hier am Hoppengarten. War sie schon mal bei einem Kindergeburtstag? Almira guckt ungläubig und schüttelt den Kopf.

Deutsche Kinder kommen nicht zu Besuch

„Die Flüchtlingsfamilien ziehen sich sehr zurück, wollen nicht auffallen“, sagt Karin Schulte-Sutrum, Sozialarbeiterin der Einrichtung am Hoppengarten. Deutsche Kinder kommen hierher nicht zu Besuch – und laden auch die Flüchtlingskinder nicht ein.

Draußen toben die Kinder mit Steffi Waldschmidt. Die Sozialpädagogik-Studentin hat über den „Bunten Kinderverein“ in den Hoppengarten gefunden. Heute ist sie das letzte Mal hier, sie hat ihren Abschluss, zieht jetzt weg. Abschiedsschmerz auch bei Steffi, die mit etlichen anderen jungen Leuten hier hilft. Fußballspielen, Seilchen springen, dafür sorgen die Studenten. Marianne Bussmann geht statt dessen mit zum Fußballtraining in die Vereine, oder zum Basketball mit einem Flüchtlings-Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünschte.

Ein Fahrrad für Yussuf

Neulich klingelte vormittags ihr Telefon: Der kleine Yussef war dran, druckste herum. Es sei ja gerade Fahrradprüfung in der Schule – aber ohne Fahrrad schwer zu machen. Dem Polizisten, der die Prüfung abnahm, hatte er gesagt, er habe sein Rad vergessen. „In Wirklichkeit schämt er sich zu sagen, dass er keines besitzt“, erzählt Marianne Bussmann. Sie ist dann schnell mit ihrem Rad gekommen. „Zum Glück bin ich klein, Yussef kann mit meinem Rad fahren“, sagt sie lachend. Er hat die Prüfung gepackt.

Spielzeug gibt es eigentlich genug im „Kinderzimmer“ der Einrichtung – „aber Fahrräder, besonders Kinderfahrräder, die könnten wir schon hier gebrauchen“, sagt Bussmann.

Ein eingespieltes Team

Karin Schulte-Sutrum freut sich über das eingespielte Team, das hilft, „viele Dinge im Alltag zu regeln“. Die immer neuen, unbekannten Sprachen sind dabei kein Hindernis. Die Helfer winken ab, sie sprechen „perfekt mit Händen und Füßen“.

Das versteht auch das kleine, neu angekommene Mädchen, das immer noch auf dem Stuhl vor der Tafel balanciert. Sie hopst runter, lächelt Rutger Winkelmann zu, den viele Kinder hier „Opa“ rufen. Am nächsten Mittwoch wird sie schon ein paar Worte Deutsch können.

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