Die Mär vom kriminellen Migranten
Gewalt und Vorurteil

Münster -

Populisten warnen vor „kriminellen Ausländern“, doch die Wissenschaft stützt derartige Thesen nicht. Ein münsterischer Kriminologe hat in diesem Jahr eine Studie vorgelegt, in der er untersucht hat, ob Jugendliche aus Migrantenfamilien häufiger straffällig werden.

Freitag, 12.12.2014, 08:12 Uhr

Werden Jugendliche mit Migrationshintergrund eher kriminell? Studien und Untersuchungen stützen eine solche Annahme nicht.
Werden Jugendliche mit Migrationshintergrund eher kriminell? Studien und Untersuchungen stützen eine solche Annahme nicht. Foto: dpa

Sind Jugendliche mit Migrationshintergrund krimineller als Jugendliche aus deutschen Familien? Zu dieser Frage meint fast jeder, die Antwort zu wissen, sagt Kriminalwissenschaftler Dr. Christian Walburg . Etwa die Hälfte der Menschen in Deutschland stimme der Aussage zu, dass Einwanderung ein Grund für mehr Kriminalität sei. Walburgs Antwort ist eine andere: Nein, sagt er – und stützt sich auf Daten aus seiner Studie „Migration und Jugenddelinquenz“. Am Dienstag hielt der Wissenschaftler der Uni Münster dazu einen Vortrag.

Über das Thema zu reden sei wichtig, aber heikel: Es bestehe die Gefahr, eine ganze Gruppe zu Unrecht zu stigmatisieren. Vieles werde vermischt in der Debatte um „Ausländerkriminalität“ – ein Begriff, den Walburg nicht für geeignet hält. Jemand mit Migrationsgeschichte sei kein Ausländer, wenn er die deutsche Staatsbürgerschaft hat, und ein Ausländer, der in Deutschland eine Straftat begeht, gehöre nicht zwangsläufig zu den hier lebenden Migranten – was die Aussagekraft etwa von polizeilichen Kriminalstatistiken schmälere, die zwar über die Staatsbürgerschaft Auskunft geben, nicht aber explizit über den Migrationshintergrund.

Statistiken sind mit Vorsicht zu genießen

Statistiken seien also mit Vorsicht zu lesen – doch sie würden ohnehin nicht darauf hindeuten, dass Migration die Kriminalitätsrate steigen lässt, sagte Walburg. Seit Deutschland zum Einwanderungsland wurde, „gibt es hier jedenfalls nicht mehr Mord und Totschlag“. Im Gegenteil: Die Zahl der Tötungsdelikte sei um mehr als 30 Prozent niedriger als 1971, die Gewalt unter Jugendlichen bis zum Jahr 2007 zwar drastisch gestiegen, seitdem aber um 40 Prozent zurückgegangen. „Gleichzeitig hat die ethnische Vielfalt zugenommen“, betonte der Kriminologe. Gestiegen sei jüngst die Zahl der Taschendiebstähle und Wohnungseinbrüche. Bei Letzteren seien – bei niedriger Aufklärungsquote – 35 Prozent der gefassten Täter Ausländer. Ob sie zu den Migranten zählen, also in Deutschland leben, sei offen.

Zugang zu Bildung Schlüssel, um Delinquenz-Risiken zu verringern

Wo die Aussagekraft von Kriminalstatistiken aufhört, sind Wissenschaftler in Schulen gegangen, um Jugendliche zu befragen – rund 40 000 Neuntklässler deutschlandweit. Den Ergebnissen nach gaben Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger an, in den vergangenen zwölf Monaten in mindestens eine Gewalttat verwickelt gewesen zu sein – jedoch über alle Herkunftsländer und Religionen hinweg. Den gleichen Trend habe 2003 eine Befragung von Schülern in Münster wiedergegeben. Statt mit Herkunft oder Religion hingen die Ergebnisse womöglich mit den Lebensumständen der Migranten zusammen, folgert Walburg. Denn unter den Straffälligen seien überproportional viele mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus. Aus seiner Sicht ist es wichtig, dass Jugendliche aus Migrantenfamilien Zugang zu Bildung haben – „das ist ein wesentlicher Schlüssel, um Delinquenz-Risiken zu verringern“.

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