Theologen über die Rolle des Islam
Gewalt hat viele Gründe

Münster -

Terror im Namen des Islam mitten in Paris, Aufmärsche zur vermeintlich notwendigen Rettung des Abendlandes in Deutschland. Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Theologie, und Prof. Perry Schmidt-Leukel, Religionswissenschaftler und Theologe an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Münster, versuchen im Interview mit WN-Redakteurin Karin Völker eine Analyse.

Donnerstag, 15.01.2015, 22:01 Uhr

 Islam und Christentum, Abendland und Morgenland: Die münsterischen Professoren Perry Schmidt-Leukel (l.) von der evangelisch-theologischen Fakultät und der islamische Theologe Mouhanad Khorchide diskutierten über die Rolle der Religionen im der aktuellen politischen Lage.
 Islam und Christentum, Abendland und Morgenland: Die münsterischen Professoren Perry Schmidt-Leukel (l.) von der evangelisch-theologischen Fakultät und der islamische Theologe Mouhanad Khorchide diskutierten über die Rolle der Religionen in der aktuellen politischen Lage. Foto: Wilfried Gerharz

Wie geht es Theologen nach den Ereignissen der vergangenen Woche?

Schmidt-Leukel : Als Mensch bin ich erschüttert wie viele andere. Als Religionswissenschaftler bin ich nicht sonderlich überrascht.

Alle Religionen begründen Gewalt

Terrorakte wie die in Paris waren also vorhersehbar?

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Schmidt-Leukel

Schmidt-Leukel: Ich bin nicht überrascht, weil es in jeder Religion, auch im Islam , Begründungen für Gewaltakte gibt. In Paris ging es vordergründig um Rache für die Beleidigung des Propheten. Majestätsbeleidigung war in früheren Zeiten übrigens auch in unseren Breiten ein todeswürdiges Verbrechen. Dass junge, in Frankreich aufgewachsene Muslime nun solche Terrorakte verüben, hängt aber auch mit der französischen Kolonialgeschichte zusammen. Diese algerisch-stämmigen Täter haben sich als Außenseiter gefühlt und Diskriminierung erlebt. Solche Gefühle machen anfällig für radikale Ideologien.

Prekäre Verhältnisse

Khorchide : Das stimmt, es reicht nicht, den Hintergrund des Terrors nur theologisch zu erklären zu wollen. Die prekären sozialen Verhältnisse, in denen er entsteht, müssen auch angesprochen werden. Die Täter sind junge Männer, die sich in ihren Gesellschaften marginalisiert fühlen. Und in den islamischen Ländern können die westlichen Länder nicht erwarten, dass sie als die Heilsbringer demokratischer Werte wahrgenommen werden. Sie werden rezipiert als Mächte, die Gewalt und Krieg bringen. Die Ursachen liegen auch im politischen und gesellschaftlichen Umfeld, nicht nur im religiösen Hintergrund.

Karikaturen lassen kalt

Haben Sie sich schon einmal von Mohammed-Karikaturen oder allgemein von satirischen Darstellungen religiöser Themen provoziert gefühlt?

Khorchide: Nein, denn ich erkenne meinen Propheten in diesen Karikaturen nicht wieder und daher lässt mich das wirklich kalt.

Schmidt-Leukel: Ich habe da auch ein dickes Fell, finde aber, dass ein Bewusstsein dafür herrschen sollte, dass ich meinen Nachbarn nicht wahllos beleidigen darf. Auch bei uns in Deutschland hat die Meinungsfreiheit Grenzen, hört zum Beispiel bei Beleidigung und Volksverhetzung auf. Ich habe mir die Karikaturen der Charlie Hebdo einmal angesehen – und ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, die sich davon getroffen fühlen. Auf einem Bild sieht man zum Beispiel, wie Mohammed seinen nackten Hintern ins Bild streckt, die Botschaft an Muslime lautet ganz klar. eurer Prophet ist ein A...

Grenzen der Provokation

Gibt es also Grenzen bei der Provokation?

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Khorchide

Khorchide : Solche Darstellungen sind geschmacklos, aber beleidigt bin ich deswegen nicht. Von Mohammed heißt es übrigens, er stand immer über den Dingen. Als ein Nachbar, der ihm in dieser Absicht jeden Tag Müll vor die Tür gekippt hatte, dies eines Tages nicht getan hatte, war Mohammed um den Nachbarn besorgt, ist hingegangen und hat nachgesehen, ob es ihm gut geht.

Schmidt-Leukel: An Karikaturen über das Christentum haben wir uns gewöhnt. Aber wir verstehen – zurecht – wenig Spaß, wenn auf Kosten des Judentums geschmacklose Späße gemacht werden. Angesichts mancher Mohammed-Karikaturen fragt man sich, ob es denn wirklich immer erst solch fataler Entwicklungen bedarf, bevor wir die notwendige Sensibilität entwickeln. Ich vermisse in der bisherigen Diskussion, dass alle Seiten sich bemühen, sich in den anderen hineinzuversetzen.

Was hat der Islam damit zu tun?

Herr Khorchide, viele Muslime distanzierten sich in diesem Tagen vom Islamismus. Aber was hat der Islamismus denn mit dem Islam zu tun?

Khorchide: Es gibt im Koran, der im Kontext seiner Entstehungszeit gelesen werden muss, Aussagen, die Gewalt ansprechen. In der gegenwärtigen islamischen Theologie in einigen muslimisch geprägten Ländern werden diese Aussagen leider häufig wörtlich hingenommen.

Der Islam ist eine Religion mit sehr vielen Regeln und Gesetzen...

Khorchide: Es geht eben nicht darum, diese Gesetze ahistorisch im Wortsinn zu befolgen, sondern sie als ethische Prinzipien, wie Gleichheit und Gerechtigkeit, zu begreifen.

Schmidt-Leukel: Als die Gesetze im Koran aufgeschrieben wurden, war das, gemessen an den Verhältnissen im frühen Mittelalter, humanisierend. Veränderte Gesellschaften brauchen aber auch veränderte Gesetze.

Der liberale Islam

Herr Khorchide, Sie stehen für einen europäischen, liberal geprägten Islam. Wie kommt es, dass die konservative Strömung in der Religion allem Anschein nach so viel stärker ist?

Khorchide: Ich stehe für einen humanistisch geprägten Islam. Dass fundamentalistische Strömungen stark sind, hängt aber auch mit der politischen Situation in vielen muslimisch geprägten Ländern zusammen. Der Islam war in seiner Geschichte und Gegenwart stark von den politischen Mächten kontrolliert und von deren Interessen beeinflusst. Und autoritäre Regime haben ein Interesse daran, dass die Religion Gehorsam predigt und Furcht vor Strafe einflößt. Damit kann man das Volk besser unter Kontrolle halten.

Schmidt-Leukel: Das ist aber keine Besonderheit des Islams. Auch im Christentum gab es Konfessionskriege und immer wieder grausame Verfolgungen des Judentums. Wie der Islam kennt auch das Christentum die Hölle, die Angst vor einem strafenden Gott. Lange galt sogar die Vorstellung, dass alle Ungetauften in die Hölle kommen.

Wie ist Gott?

Gibt es problematische Religionen und weniger problematische?

Khorchide: Nein, die Grenze verläuft nicht zwischen, sondern innerhalb der Religionen. Die Frage ist doch immer: Glauben wir an einen Gott, der an die Menschen glaubt? Oder an einen Gott, der lediglich an sich selbst glaubt?

Schmidt-Leukel: Alle Religionen sind ambivalent, haben positive und negative Aspekte. Ich glaube jedoch an die Kraft der positiven Potenziale.

Khorchide: Es ist unsere Aufgabe als Theologen, die argumentativ stark zu machen.

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Verschleierte Frauen - Salafisten Foto: dpa

In der vergangenen Woche hat die Bertelsmann-Stiftung den aktuellen Religionsmonitor vorgestellt. Ein Ergebnis darin lautet, dass in Deutschland immer mehr Menschen Ablehnung gegenüber dem Islam empfinden. Ist das für sie nicht besorgniserregend?

Schmidt-Leukel: Allerdings! Aber ich frage mich auch, wie ganz normale Menschen ein zutreffendes Bild über den Islam bekommen sollen, wenn in der öffentlichen Meinung immer Gewalt und negative Aspekten im Vordergrund stehen.

Khorchide: Ereignisse, wie der 11. September prägen nun einmal das kollektive Gedächtnis. Und auf Interesse stößt ja immer das, was gegen die Norm verstößt, nicht, was der Norm entspricht.

Die Schuld der Medien

Sind Medien schuld an der allgemeinen negativen Islam-Wahrnehmung und dem zugespitzten Verhältnis?

Schmidt-Leukel: Das wäre zu einfach. Es gibt ja tatsächlich viel Gewalt in islamischen Ländern aufgrund der politischen Umstände. Doch haben wir im Westen aufgrund der Geschichte gegenüber dem Islam eine besondere Empfindlichkeit. Nur ein Beispiel: Im Bürgerkrieg in Sri Lanka wurde sehr viel Blut im Namen des Buddhismus vergossen, was hier jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle spielte.

Khorchide: Es gibt aber gerade angesichts der aktuellen Entwicklung ein großes Bemühen der Medien, die Situation differenziert zu betrachten. Ich habe in den vergangenen Tagen viele Gespräche mit Journalisten geführt – alle diese Journalisten sehen sich in der Verantwortung.

Eine Frage der Toleranz

Ein anderes Ergebnis des Religionsmonitors ist, dass religiöse Menschen gegenüber Andersgläubigen mehr Toleranz aufbringen als Atheisten. Haben wir auch vor dem Hintergrund der Pegida-Bewegung eher ein Problem mit zu wenig Religion in der Gesellschaft, als mit zu viel?

Schmidt-Leukel: Das wäre mir zu vereinfachend. Es gibt auch viele Gläubige, die ihren Glauben als den allein selig machenden verstehen. Umgekehrt kenne ich viele Atheisten, die religiösen Menschen gegenüber durchaus offen sind.

Khorchide: Meine Erfahrung ist, dass religiöse Laien in meiner Religion in der Regel viel offener und toleranter sind als viele Theologen, die durch längst überholte Positionen geprägt sind. Das muss in der islamischen Theologie dringend reflektiert werden.

In Münster hat es in der vergangenen Woche spontan eine der größten Anti-Pegida-Kundgebungen für Toleranz gegeben. Wie haben Sie das wahrgenommen?

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Anti-Pediga-Demonstration in Münster Foto: Oliver Werner

Schmidt-Leukel: Das war großartig, und ich bin sicher, dass noch viel mehr Menschen gekommen wären, wenn die Demonstration nicht so kurzfristig angekündigt worden wäre. Dass so viele Menschen auf die Straße gegangen sind, ist ein Zeichen, dass wir in Münster vielleicht schon ein bisschen weiter sind, als anderswo. Die islamische Theologie hier an der Universität spielt bei der Verständigung eine wichtige Rolle. Wo früher nur Autodidakten Auskunft geben konnten, haben wir jetzt kompetente Wissenschaftler, die die Religion aus ihrer Tradition heraus erklären könne.n

Welche Aufgabe sehen Sie jetzt für Theologen?

Schmidt-Leukel: Jeder Pfarrer, jeder Priester und jeder Imam sollte die Möglichkeit zum Dialog und zur praktischen Zusammenarbeit in der Seelsorge wahrnehmen, wir müssen miteinander reden – auch streiten, davon lebt die Theologie.

Khorchide: Dialog ist wichtig, auch Aktionen, wie die Mahnwache am Dienstagabend am Brandenburger Tor. Wir müssen uns als Muslime klar gegen den Terror abgrenzen, aber wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass unsere Statements nicht viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gefunden haben. Es reicht aber nicht, nur als Feuerlöscher aktiv zu werden, wenn wieder etwas passiert ist. Wir als Gesellschaft haben den Extremismus klar unterschätzt. Die Salafisten haben Zulauf. Dagegen hilft nur, das Bewusstsein für eine aufgeklärte Auffassung von Religion langfristig zu stärken, zum Beispiel durch den muslimischen Religionsunterricht, für den wir hier in Münster Lehrer ausbilden.

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide ist Direktor des Zentrums für islamische Theologie an der Universität Münster. Dort werden Religionslehrer an staatlichen Schulen und Imame ausgebildet.

Der Theologe Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel ist Religionswissenschaftler und Experte für interreligiösen Dialog an der evangelisch-theologischen Fakultät der Uni Münster. Beide Theologen arbeiten im Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster.

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