Es wird bunter
Die Zahl der Zuwanderer wächst, der Rassismus nicht, hofft der Soziologe El-Mafaalani

Münster -

„Münster l(i)ebt Vielfalt“ – unter diesem Motto beginnen am Montag (16. März) die „Münsteraner Wochen gegen Rassismus“. Mit Rassismus wird auch die islamfeindliche Pegida-Bewegung in Verbindung gebracht, die am 23. März Gegenstand einer Abendveranstaltung an der Fachhochschule Münster ist (Beginn 18 Uhr im großen Hörsaal, Robert-Koch-Straße 28), die vom Soziologen an der FH Münster, Prof. Aladin El-Mafaalani, moderiert wird.

Sonntag, 15.03.2015, 19:03 Uhr

Aladin El-Mafaalani ist Soziologie-Professor an der Fachhochschule. Er forscht über Migration und Integration in Deutschland.
Aladin El-Mafaalani ist Soziologie-Professor an der Fachhochschule. Er forscht über Migration und Integration in Deutschland. Foto: Wilfried Gerharz

El-Mafaalani, der aus einer aus Syrien zugewanderten Familie stammt und im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, hat selbst in seiner Jugend „Alltagserfahrungen“ mit Rassismus gemacht – ein Thema bleibt es trotzdem, wie er im Gespräch mit unserer Redakteurin Karin Völker sagt.

Herr Mafaalani , was versteht ein Soziologe unter dem Begriff Rassismus?

Mafaalani: Wissenschaftlich gesehen ist jede Handlung, bei der Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion abgewertet und ausgeschlossen werden, rassistisch. Rassistisch wären danach sehr viele Menschen. Im Ergebnis führt Rassismus zur systematischen Ausgrenzung bestimmter Gruppen.

Sehen Sie – Stichwort Pegida – in letzter Zeit mehr Rassismus in unserer Gesellschaft?

Mafaalani: Studien zeigen, dass Skepsis und Ablehnung gegenüber bestimmten Gruppen aktuell zunehmen: speziell gegen Muslime, Roma, Flüchtlinge, auch Juden. Aber – und das ist auch wichtig festzustellen – es gibt deutlich weniger Rassismus in der Gesellschaft als vor 20 Jahren.

Dann wird die Gesellschaft also eigentlich toleranter?

Mafaalani: T atsache ist, dass sehr viele Migranten heute viel besser integriert sind. Aber andererseits bedeutet gestiegene Integration nicht zwangläufig, dass Rassismus keine Chance mehr hat. Der Holocaust geschah, obwohl Juden in Deutschland bestens integriert waren. Oder die rechtskonservative Teaparty-Bewegung in den USA: Sie wurde mächtig, seitdem mit Barack Obama der erste schwarze Präsident im Amt ist.

Rassismus ist also ein Phänomen, für dessen Entstehen es keine klaren Kriterien gibt?

Mafaalani: Rassismus hat viel mit Gefühlen zu tun, nicht nur mit objektiven Entwicklungen. Es ist schon spannend, dass sich bei uns eine Pegida-Bewegung formiert, obwohl es Deutschland wirtschaftlich so gut geht wie keinem anderen EU-Land.

Die Pegida-Aufmärsche sind aktuell ziemlich zusammengeschrumpft . . .

Mafaalani: Weil in Deutschland sofort eine zivilgesellschaftliche Gegenbewegung entsteht, wenn rechte Strömungen auftauchen und diese dann unterdrückt.

Das heißt, Pegida schläft nur, die Ressentiments schwelen weiter?

Mafaalani: Danach sieht es aus. Wobei es zu den Kennzeichen der Pegida-Bewegung ja gehört, dass es dort, wo sie sich formiert, besonders wenige Migranten gibt, aber gleichzeitig auch wenig Wohlstand. Schauen sie einmal nach Süddeutschland, nach München oder nach Stuttgart: Dort gibt es einen teils noch höheren Migrantenanteil als in den Ruhrgebietsstädten, aber wenig Armut. Migration ist ein Kennzeichen einer positiven ökonomischen Entwicklung. Das wird bisher noch zu wenig gesehen.

Schauen wir nach Münster . Hier gibt es keine Pegida, aber große Gegenkundgebungen gegen Rassismus . . .

Mafaalani: Münster ist keine typische deutsche Großstadt. Einerseits gibt es ein konservatives Milieu und weniger Migranten als in vielen anderen Regionen. Insofern könnte es hier ähnlich sein wie in Dresden. In Münster werden rechte Strömungen aber besonders strikt abgelehnt, weil wir hier eine stark bildungsbürgerlich und vom studentischen Milieu geprägte Gesellschaft haben. Außerdem geht es Münster wirtschaftlich gut, es ist ein bisschen ein Biotop der Glückseligen.

Funktioniert Integration in diesem Biotop auch besonders gut?

Mafaalani: Funktionierende Integration zeigt sich stark an den Bildungsinstitutionen – und wir vermuten, dass Migrantenkinder in Münster nicht weniger kompetent sind als in Ruhrgebietsstädten, aber trotzdem niedrigere Bildungsabschlüsse machen. In Münster waren auch weit überdurchschnittlich viele Zuwanderer-Kinder in den Förderschulen. Aber diese Schulen wird es in Zukunft immer weniger geben.

Werden Kinder aus Mi­grantenfamilien in Münster von den Lehrern gezielt benachteiligt – oder nicht genug gefördert?

Mafaalani: Es liegt vor allem daran, dass die Zuwanderer-Kinder mit einer starken Mehrheit von Gleichaltrigen in den Schulen konkurrieren, die in ihren bildungsbürgerlich geprägten Familien meistens bestens gefördert werden. Die Benachteiligung entsteht ja nicht erst in der Schule, sondern die Weichen dafür werden schon viel früher gestellt. Dies auszugleichen, muss das Ziel sein.

Brauchen Zuwanderer mehr Förderung durch Staat und Gesellschaft?

Mafaalani: Die Förderung von Migranten funktioniert schon recht gut. Es wird sich generell aber viel ändern. In 20 bis 30 Jahren werden noch viel mehr Menschen mit Migrationsgeschichte hier leben. Es ist wichtig, nicht nur die Zuwanderer zu fördern. Wir müssen auch die Einheimischen mitnehmen, denn die Gesellschaft verändert sich ja insgesamt, indem die Zuwanderer ihre Interessen leben.

Deutschland wird also bunter?

Mafaalani: Auch mit seinen Werten und Lebensvorstellungen. Die Haltung, die wir jetzt bei einem Teil der Gesellschaft wahrnehmen, dass Einheimische mit ihren Vorstellungen weiter tonangebend bleiben sollen, führt zu Konflikten. Gerade gut integrierte Menschen stellen nämlich Forderungen.

Werden diese Konflikte die Gesellschaft spalten?

Mafaalani: Ich sehe eher, dass wir in der richtigen Richtung unterwegs sind. Unter Migranten in Deutschland gibt es mittlerweile positive Vorbilder. Auch die Ängste eines Teils der angestammten Bevölkerung werden sich auswachsen. In 20 Jahren werden wir nicht mehr über Migration diskutieren, sondern nur noch über soziale Probleme.

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