Neue Konzepte bei Westfalenfleiß
Westfalenfleiß: Gegen Klischees anarbeiten

Münster -

90 Jahre nach der Gründung der Westfalenfleiß GmbH gibt es viele Erfolge bei der Integration von behinderten Menschen. Längst noch nicht genug, sagen die Geschäftsführer von Westfalenfleiß im Interview und erläutern neue Strategien und Konzepte.

Samstag, 28.03.2015, 11:03 Uhr

Sie arbeiten immer wieder an neuen Integrationskonzepten: Die Westfalenfleiß-Geschäftsführer Gerda Fockenbrock und Hubert Puder.
Sie arbeiten immer wieder an neuen Integrationskonzepten: Die Westfalenfleiß-Geschäftsführer Gerda Fockenbrock und Hubert Puder. Foto: hö

Inklusion ist zum Modewort geworden. Die Integration von Menschen mit Behinderungen wird indes in der Westfalenfleiß GmbH täglich gelebt – in Werkstätten, Wohngruppen, Kontaktzirkeln mit Schulen und bei sportlichen Großereignissen wie dem Marathon. Das Erreichte ist den Verantwortlichen noch nicht genug. Über neue Projekte und Konzepte von Westfalenfleiß, aber auch über Erfolge und weithin Unbekanntes in der wechselvollen 90-jährigen Geschichte sprach Redakteurin Karin Höller mit den Westfalenfleiß-Geschäftsführern Gerda Fockenbrock und Hubert Puder .

Was ist das Kernziel Ihrer Arbeit?

Fockenbrock: Wir wollen Menschen mit Behinderung eine unbehinderte Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. Je nach dem individuellen Bedarf bieten wir Wohnformen für insgesamt 272 Menschen an: von einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung bis hin zur Begleitung zu bestimmten Zeiten. Der Fachdienst Ambulant Unterstütztes Wohnen assistiert zudem 60 Menschen in den eigenen Wohnungen. Ein ganz neues Wohnkonzept verfolgt das integrative Wohnhaus in Nienberge am Baumberger Hof, in dem neben einer stationären Wohngruppe Wohnungen an Menschen mit und ohne Behinderung vermietet werden. Ein Gemeinschaftsraum soll Platz für Begegnung schaffen.

Puder: Da sich Menschen meist über ihre Arbeit definieren, bieten wir über 900 Arbeitsplätze in einem breiten Spektrum an: in der Holzproduktion, der Elektromontage, einer Näherei, Wäscherei, im Bereich Landwirtschaft, Hauswirtschaft, in der Gärtnerei, in der Papierverarbeitung und Konfektionierung.

Was war die Keimzelle von Westfalenfleiß?

Fockenbrock: Vor 90 Jahren wurde eine sogenannte Erwerbsbeschränkten-Werkstatt gegründet, die den Kriegsversehrten des Ersten Weltkrieges, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance mehr hatten, Arbeit bot. Träger waren 1925 der Landesfürsorgeverband der Provinz Westfalen , Vorläufer des Landschaftsverbandes, und die Stadt Münster . In den 70er-Jahren wurden deren Anteile der Awo und der Lebenshilfe übertragen. Schon 1926 wurden übrigens vor allen wichtigen Gebäuden in Münster Radwachen betrieben. Auch heute ist die Parkplatzbewirtschaftung ein wichtiges Standbein. 1968 wurde gesetzlich geregelt, dass in beschützenden Werkstätten auch Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen sowie psychisch Erkrankte Beschäftigung finden.

Ist es angesichts der zunehmenden Zahl von Integrationsbetrieben schwieriger geworden, Aufträge zu bekommen?

Puder: Ja, aber durch die Qualität, die wir abliefern, haben wir uns einen festen Kundenstamm aufgebaut und bekommen auch Anfragen von außerhalb. In unseren Werkstätten haben wir das Know-how für Spezialaufträge. In unserer Wäscherei werden beispielsweise die Uniformen der Feuerwehr und der Rettungsdienste, die mit einer besonderen Imprägnierung versehen sind, gereinigt. Die Stühle für die Erlöserkirche wurden in unserer Tischlerei gefertigt.

Bekommt das Catering einen zunehmenden Stellenwert?

Puder: Ja, wir liefern Buffets zu vielen Anlässen – bei Firmenjubiläen, Vernissagen oder Privatpartys. Die Großküche unseres Integrationsbetriebs MSD, in dem insgesamt 130 Behinderte und nicht Behinderte zusammenarbeiten, liefert täglich 2300 Essen. Unter anderem an das Stift Tilbeck, an Kitas und Betriebskantinen.

Nach dem Jahrhundertregen war das Café auf Gut Kinderhaus geschlossen. Wie wird es weitergehen?

Puder: Wir sind froh, Ostersonntag nach umfangreicher Sanierung wieder eröffnen zu können. Künftig wollen wir noch stärker Familien ansprechen – mit Baumpflanzaktionen etwa nach Tauffeiern, Blumen zum Selberpflücken und Aktionen wie Stockbrotbacken. Schon jetzt erreichen wir viele Familien bei der Erdbeer- oder Himbeerente und beim Verkauf der Früchte von 7000 Obstbäumen.

Was tun Sie für die Zukunftsfähigkeit der Werkstätten am Stammsitz am Kesslerweg?

Puder: Es werden Konzepte ständig weiterentwickelt. Wir haben beispielsweise eine komplett neue Holzwerkstatt errichtet, die mit modernsten CNC-Maschinen ausgestattet ist.

Gibt es neue Integrationsprojekte über den Bereich Arbeit hinaus?

Fockenbrock: Uns ist daran gelegen, dass Klischees von Behinderten ersetzt werden durch tatsächliche Begegnungen. Beispielsweise durch unser Projekt der Sozialführerscheine, die wir für Jugendliche in enger Kooperation mit den weiterführenden Schulen anbieten. Etwa 700 Schüler haben bereits teilgenommen, haben behinderte Menschen in ihren Wohnhäusern besucht, ihre Lebenswelt kennengelernt. In den Stadtteilen, in denen die Kooperationen schon über einen längeren Zeitraum laufen, spüren wir ein Umdenken und mehr Offenheit gegenüber behinderten Menschen.

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