Blickpunkt Zivilcourage
Jugendlicher Helfer kassiert Prügel: „Ich wusste, jetzt passiert was“

Münster -

Ein 14-Jähriger erlebt, wie Mitschüler drangsaliert werden. Er greift ein – und wird selbst zum Opfer. Die Gewalterfahrung hat sein Leben verändert.

Samstag, 18.04.2015, 15:01 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 18.04.2015, 12:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 18.04.2015, 15:01 Uhr
Plötzlich kamen die Schläge:   Ein 14-Jähriger (nachgestelltes Foto) wurde im vergangenen Sommer am münsterischen Hafen verprügelt, weil er anderen helfen wollte. Die Polizei hat nun nach monatelanger Ermittlung die Akte geschlossen.
Plötzlich kamen die Schläge:   Ein 14-Jähriger (nachgestelltes Foto) wurde im vergangenen Sommer am münsterischen Hafen verprügelt, weil er anderen helfen wollte. Die Polizei hat nun nach monatelanger Ermittlung die Akte geschlossen. Foto: Matthias Ahlke

 Der zweite Schlag war der schlimmste. Er kam aus dem Nichts, und er zerbrach das Nasenbein. „Man denkt nicht mehr“, sagt der 14-Jährige, der diesen Schlag abbekam, „man reagiert nur noch.“ Er habe instinktiv versucht, aus der Situation rauszukommen.

Aber wie? Es ist dunkel, und er ist vom Schmerz benommen. Vielleicht fünf Angreifer drängen sich um ihn, und er spürt weitere Schläge. Viel mehr gibt die Erinnerung nicht her. Ein Mädchen fängt plötzlich an zu schreien – und der 14-Jährige ist sicher, dass diese Schreie Schlimmeres verhindert haben. Er kommt frei und läuft in den Schein einer Laterne. Da sitzt eine Gruppe von Studenten, die das Konzert auf der anderen Hafenseite verfolgen. Er wird bemerkt, man kümmert sich um ihn. Die Angreifer sind in der Dunkelheit verschwunden.

Den besorgten Eltern das blaue Auge zu erklären, fällt nicht schwer: ein Sportunfall. Der Schmerz wird aber so schlimm, dass er am nächsten Tag auf eigene Faust die Ambulanz aufsucht. Das Gesicht geschwollen, der Kiefer geprellt, die Nase gebrochen, die Rippen geprellt, die Ärzte vermuten eine leichte Gehirnerschütterung. Als er wieder nach Hause kommt, sucht er das Gespräch mit seinen Eltern: „Ich muss euch was erzählen . . .“

Was an diesem Augustabend 2014 an der Südseite des Hafens geschehen ist, beeinflusst das Leben der münsterischen Familie bis heute. Nicht zuletzt, weil die Polizei jetzt ihre Ermittlungen wegen schwerer Körperverletzung einstellen musste – während die Öffentlichkeit über die tragisch ums Leben gekommene Studentin Tuğçe diskutiert. Ein ähnlicher Fall; denn auch der Münsteraner wurde geschlagen, weil er helfen wollte.

Der 14-Jährige – ein sportlicher, erwachsen wirkender Jugendlicher – hatte sich an dem Abend mit Freunden am Hafen getroffen. Dort wurde ein Bekannter von einer Gruppe älterer Jugendlicher drangsaliert. Er ging dazwischen und versuchte zu schlichten – was ihn selbst zum Ziel machte. Drei Mädchen, die mit ihm unterwegs waren, bekamen blöde Sprüche zu hören, eine von ihnen wurde sexuell belästigt, auch diesmal griff er ein. Als ihn die Gruppe daraufhin umringte, „wusste ich, dass da was passiert“. Dann kam der erste Schlag. Die Schmerzen begleiteten ihn lange, empfindlich ist sein Gesicht immer noch.

Der Gang zur Polizei kostet die Familie einige Überwindung; bis zur Anzeige dauert es zwei Wochen. Doch die Entscheidung ist richtig: Der Fall wird vom Jugendkommissariat sehr ernst genommen. „Wir haben uns gut unterstützt gefühlt“, sagt die Mutter. Dem Ermittler gelingt es tatsächlich, mehrere Zeugen ausfindig zu machen. Auch als die Akte geschlossen wird, gibt es ein klärendes Gespräch. Die Angreifer stammen vermutlich nicht aus Münster.

Die Polizei agiert sehr professionell; ansonsten erleben der Jugendliche und seine Familie bei Freunden, Bekannten oder in der Schule aber auch viel Sprach-, Rat- und sogar Verständnislosigkeit. „Wir mussten jegliche Unterstützung selbst organisieren“, sagt der Vater. „Das Thema Zivilcourage wird nicht ehrlich genug diskutiert.“

In der Schule gibt es immerhin eine Unterrichtseinheit zum Thema. Die wenigsten Mitschüler könnten sich eine solche Situation vorstellen oder wüssten, wie sie sich zu verhalten hätten, meint der 14-Jährige – der mittlerweile jede Rangelei auf dem Schulhof registriert: „Man guckt genauer hin.“ Er müsse nun akzeptieren, dass die Angreifer nicht zur Rechenschaft gezogen werden: „Wie steht es um die Gerechtigkeit?“ Dennoch: Er würde wieder eingreifen, sagt er – zu tief sei die Erfahrung gewesen, dass die meisten Zeugen einfach nur weggesehen hätten. Sein Fazit: „Zivilcourage hat ihren Preis. So was verändert einen grundlegend.“

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