Interview: Was traumatisierten Jugendlichen hilft
Was traumatisierten Jugendlichen hilft – Interview mit dem Trauma-Experten Joachim Häcker

Münster -

Als Fachberater für Psychotraumatologie hat der Münsteraner Joachim Häcker vor allem mit Einsatzkräften der Feuerwehr zu tun, die im Einsatz Traumatisches erleben. Doch auch mit dem Fall des 14-Jährigen Münsteraners ist er vertraut.

Samstag, 18.04.2015, 12:04 Uhr

Wie ergeht es einem Jugendlichen, der Gewalt am eigenen Leib erlebt?

Häcker : Eine solche Situation kann neben körperlichen Verletzungen auch eine Verletzung der Seele, psychische Traumatisierung, zur Folge haben. Insbesondere dann, wenn die Gewalterfahrung als existenziell bedrohlich erlebt wird. Dabei geht es nicht darum, wie groß die Bedrohung wirklich ist, sondern wie der Jugendliche sie wahrnimmt und bewertet. Der Jugendliche erlebt unter Umständen Ohnmacht und tiefe Hilflosigkeit. Er erlebt, dass sein bis dahin erworbenes Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten und sein Vertrauen in die Mitmenschen nachhaltig und tiefgreifend erschüttert werden – und das Sicherheitsgefühl geht verloren.

Und wie wirkt sich die Traumatisierung aus?

Häcker: Bei einer existenziellen Bedrohung haben Sie zwei Möglichkeiten: fliehen, der Situation entkommen können, oder kämpfen, durch Gegenwehr abwehren können. Wenn beides nicht stattfindet, ist einer Traumatisierung Tür und Tor geöffnet. Die Seele schaltet auf ein Notfallprogramm um: Die Wahrnehmung verändert sich, Gefühle und Körperzustände sind wie betäubt. Traumatische Erfahrungen werden schlagartig im Gehirn verankert. Besonders schlimme Teile des Erlebten werden abgespaltet und gelangen nicht ins Langzeitgedächtnis.

Das ist ein Schutzmechanismus?

Häcker: Dieser Schutzmechanismus hilft zunächst einmal, um in der traumatischen Situation psychisch zu überleben. Später können aber die abgespaltenen Teile immer wieder hervorkommen und das Opfer mit dem Erlebten in Form von Alpträumen, Erinnerungsfetzen, Bildern, Gerüchen, Geräuschen und sogenannten Flashbacks konfrontieren. Die Betroffenen haben dann das Gefühl, wieder mitten im Geschehen zu sein, da alle Erlebniszustände wieder präsent sind.

Wie lässt sich das erkennen?

Häcker: Die Betroffenen vermeiden Situationen, Handlungen, Gedanken, die im Zusammenhang mit dem das Trauma auslösende Ereignis stehen. Sie leiden etwa unter Schlafstörungen, Empfindungsstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Schreckhaftigkeit. Sie befinden sich in einem hohen Erregungszustand. Abfall schulischer Leistungen, motorische Unruhe, besondere Ängstlichkeit, Rückzug von Freunden und Familie sind insbesondere bei betroffenen Kindern und Jugendlichen zu beobachten. Aufmerksame Eltern merken das.

Wie kann man helfen?

Häcker: Die emotionale Stabilisierung des Jugendlichen steht im Vordergrund. Es ist wichtig, dass er die Möglichkeit hat in vertrauensvoller Atmosphäre darüber zu sprechen. Eltern und andere wichtige Bezugspersonen wie Lehrer oder Erzieher sollten hierfür zur Verfügung stehen. In der weiteren Begleitung gilt es Faktoren, die den Verarbeitungsprozess unterstützen, zu stärken, Ressourcen zugänglich zu machen sowie Risikofaktoren, die den Verarbeitungsprozess negativ beeinflussen können, zu minimieren. Eltern wissen häufig nicht, wie das geht. Sie brauchen da Beratung.

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Häcker: Eltern können ihr Kind nicht ständig behüten, es muss auch seine eigenen Erfahrungen machen können. Aber Eltern können ihre Kinder auf brenzlige Situationen vorbereiten und mit ihnen Strategien entwickeln – und vor allem müssen sie da sein, wenn das Kind sie braucht. Kinder und Jugendliche können bis ins Erwachsenenalter reichende Störungen entwickeln, wenn das Erlebte nicht aufgearbeitet wird.

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