Neuer Name für Realschule in Münster
Wagenfeldschule heißt künftig De-Vries-Schule

Münster -

Die Karl-Wagenfeld-Schule soll künftig Erna-de-Vries-Schule heißen. Nach Informationen unserer Zeitung hat die Schulkonferenz so entschieden. Die Realschule sucht schon seit Längerem nach einem neuen Namen: Der Dichter Karl-Wagenfeld stand den Nazis nahe.

Donnerstag, 02.07.2015, 07:07 Uhr

Erna de Vries hatte die Realschule im Vorfeld der Umbenennung mehrmals besucht und den Jugendlichen von ihren Holocaust-Erlebnissen berichtet.
Erna de Vries hatte die Realschule im Vorfeld der Umbenennung mehrmals besucht und den Jugendlichen von ihren Holocaust-Erlebnissen berichtet. Foto: Ahlke

Mit ihrem alten Namen des den Nationalsozialisten nahestehenden Dichters Karl Wagenfeld war die Realschule an der Spichernstraße schon lange nicht mehr glücklich. Aber mit dem Versuch, sich in Landois-Schule umzubenennen, erlitt die Schule unter großer medialer Aufmerksamkeit vor zwei Jahren Schiffbruch. Kein Wunder, dass sich der neuerliche Versuch, einen anderen, würdigeren Namen für die Schule zu finden, vorsichtig hinter den Kulissen abspielte. Er ist gefunden: Die Schulkonferenz entschied nach Informationen unserer Zeitung, die Schule nach der Holocaust-Überlebenden Erna de Vries zu benennen.

Eine kluge Wahl

Die 91-Jährige aus Lathen im Emsland machte es im Alter zu ihrer Aufgabe, Jugendlichen in Schulen vom Holocaust zu berichten, wiederholt war sie in der Wagenfeld-Schule zu Gast, zuletzt noch 2014. Die Verwaltung, so bestätigt das Schulamt, arbeitet momentan an einer Beschlussvorlage für den Rat, der im September über den neuen Namen entscheiden soll.

So weit war die Wagenfeldschule schon einmal. Damals, vor über zwei Jahren, hatte die Schulkonferenz sich mehrheitlich für den Namen Landois – nach dem Gründer des Zoos, Naturforscher und Münster-Original – entschieden. Erna de Vries, so war zu hören, war auch damals schon im Rennen gewesen als Namensgeberin.

Als der Name Landois publik wurde, regte sich aber Widerstand in der Öffentlichkeit. Dem „unwiesen Professor“ Hermann Landois wurden posthum die sogenannten Völkerschauen zum Verhängnis, die er unter anderem mit Afrikanern Ende des vorvergangenen Jahrhunderts im münsterischen Zoo veranstaltet hatte. Nach einer historischen Debatte um Rassismus war der Name Landois nicht mehr zu halten, die Schule entschied sich, die Namensdiskussion ruhen zu lassen.

Erna de Vries

Erna de Vries wurde 1923 in Kaiserslautern als Tochter einer Jüdin und eines evangelischen Unternehmers geboren, der 1931 starb. Als die Mutter 1943 nach Auschwitz deportiert wurde, begleitete Erna de Vries sie freiwillig ins Vernichtungslager. Anders als ihre Mutter überlebte Erna, sie wurde später ins KZ Ravensbrück deportiert. Nach dem Krieg heiratete Erna de Vries und zog mit ihrem Mann ins Emsland. Seit 1998 berichtet sie in Schulen und Bildungsstätten vom Holocaust. Sie ist Ehrenbürgerin ihrer Heimatgemeinde Lathen und erhielt die Verdienstmedaille der Bundesrepublik.

...

Das Ergebnis des aktuellen Beschlusses machte die Schule selbst nicht publik, um eine neuerliche Namensdiskussion à la Professor Landois zu vermeiden. Die Suche nach einem neutralen, nicht personengebundenen Namen für die Schule soll aber ohne Ergebnis verlaufen sein.

Mit dem Namen Erna de Vries, über deren Lebensweg Studierende der Universität Münster im Projekt Zeitlupe eine Filmdokumentation drehten, orientiert sich die Schule an einer Person, die zur Auseinandersetzung, Reflexion und mahnend an die Verbrechen der Nazis erinnert. Weder sie noch die Schulleitung waren in den gerade begonnenen Sommerferien für die Redaktion zu erreichen.

Karl Wagenfeld verliert übrigens mit der Schule eine der letzten Ehrungen. Zahlreiche nach ihm benannte Straßen, auch in Münster , wurden bereits umbenannt. In Ahlen stimmen die Bürger Ende August über die Umbenennung der dortigen Karl-Wagenfeld-Schule ab.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3362254?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F4847834%2F4847840%2F
Nachrichten-Ticker