Höchsttemperatur
Wenn das Thermometer irrt

Das Thermometer auf dem Balkontisch zeigt schon weit über 40 Grad und dennoch wird gerätselt, ob Münsters Temperaturrekord von 37,5 Grad am Wochenende gebrochen wird. Wie kann das sein?

Dienstag, 24.07.2018, 14:09 Uhr

34 Grad
34 Grad zeigt die Thermometer-App auf diesem Smartphone in der Ludgeristraße. Doch ist die Messung zuverlässig? Foto: Philipp Posmyk

Die Fakten sind schnell geklärt: Der Temperatursensor sollte in zwei Metern Höhe im Schatten angebracht werden, im Umkreis von zehn Metern dürfen keine hohen Pflanzen wachsen und die Luftzufuhr muss gewährleistet sein. So wird die Temperatur offiziell ermittelt, dadurch sind die gemessenen Werte überall auf der Welt vergleichbar. Oft sind die Thermometer zusammen mit anderen Messinstrumenten in Wetterhütten untergebracht, die all diese Bedingungen erfüllen. 

Wetter in Münster

Am Samstag soll der höchste jemals in Münster gemessene Wert von 37,5 Grad überboten werden. Mit bis zu 39 Grad wird gerechnet. Die Wetter-App der Arbeitsgemeinschaft Klimatologie zeigt, wie heiß es gerade wirklich in der Stadt ist.

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Dass es auch innerhalb einer Stadt dennoch Unterschiede geben kann, weiß Prof. Dr. Otto Klemm . Der Uni-Professor, der die Arbeitsgruppe Klimatologie in Münster leitet, erklärt im Interview, warum Temperaturmessung kein Kinderspiel ist und wo es am Wochenende in der Stadt vermutlich am heißesten wird.

Warum misst man die Temperatur nicht in der Sonne - das wäre für viele doch gerade jetzt interessant zu wissen?

Prof. Dr. Otto Klemm

Prof. Dr. Otto Klemm vor der 2014 eingeweihten Wetterstation auf dem Dach des Geo-Gebäudes Foto: Uni Münster

Prof. Dr. Otto Klemm: “Generell ist die Lufttemperatur in der Sonne und im Schatten gleich. Das Problem ist, wenn Sie das Thermometer direkt der Sonne aussetzen, dann erwärmt sich das Thermometer wegen der Sonneneinstrahlung. Wenn Sie dann die Temperatur ablesen, dann bekommen Sie die Temperatur die das Thermometer gerade hat - und das wollen Sie ja gar nicht wissen. Sie wollen ja wissen, wie warm die Luft ist.”

Sie kennen sich mit dem Mikroklima von Münster ja bestens aus. Wo ist es denn hier besonders heiß?

Otto Klemm: "Ganz grundsätzlich ist es ja so: Jede Stadt hat einen sogenannten Wärmeinseleffekt. In jeder Stadt ist es so, dass es in der Stadt ein wenig wärmer ist als im Umland. Der Unterschied ist vor allem nachts groß. Die Abkühlung in der Nacht funktioniert in der Stadt nicht so gut wie im Umland. Dann ist es so: Je größer die Stadt ist, desto größer ist der Effekt. In Münster ist er am stärksten im Zentrum und ein wenig südlich, im Geistviertel.

Tagsüber ist der Unterschied nicht so hoch, weil dann normalerweise noch recht hohe Windgeschwindigkeiten herrschen, weil der Wind auch durch die Sonne, durch die Erwärmung der Erdoberfläche angetrieben wird. So haben wir tagsüber normalerweise eine relativ gute Durchmischung von Stadt und Umland und auch zwischen den Luftmassen, die weiter oben sind und weiter unten sind. Nachts, wenn sich die Atmosphäre beruhigt, treten die Unterschiede stärker auf."

Zur Person

Prof. Dr. Otto Klemm ist Professor für Klimatologie, seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Klimatologie, Lufthygiene und Mikrometeorologie. Er sitzt zudem im Klimabeirat der Stadt Münster.

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Wie kommt es zu den Unterschieden?

Otto Klemm: "Es gibt dafür verschiedene Ursachen. Eine ist die Abstrahlung von Gebäuden. Wenn Sie direkt neben einer Hauswand stehen, dann strahlt die natürlich auch Wärmeenergie ab, die Sie aufnehmen können. Jetzt kommt aber dazu, dass das Temperaturempfinden von uns Menschen nicht nur von der Lufttemperatur abhängt. Wenn wir bei 26 Grad Celsius in der Sonne stehen oder im Schatten stehen, dann denken wir, dass es in der Sonne wärmer wäre. In Wirklichkeit ist es so, dass die Sonne unsere Haut oder unsere Kleidung stark aufwärmt und deswegen unser Körper auch wirklich stärker erwärmt wird. Das heißt: wir empfinden eine höhere Temperatur."

Im Prinzip sind wir, wenn wir in der Sonne liegen, also wie ein Thermometer, das sich aufheizt?

Otto Klemm: (lacht) "Ja, so kann man es sagen. Stimmt. So ähnlich ist es, nur dass wir ein bisschen komplizierter sind als ein Thermometer. Ein Thermometer würde zum Beispiel nicht wie wir durch Wind abkühlen. Es kann nicht wie wir über die Haut Wasser verdampfen."

City-Umfrage: Tipps zum Abkühlen

Wir fordern unsere Leser auf, uns Aufnahmen vom heißesten Ort im Münsterland zu schicken. Was wäre Ihr Tipp?

Otto Klemm: "Im Geistviertel. Allerdings ist die Frage, wie gut die Messungen der Leser sind. Wenn das Thermometer nicht gut geeicht ist oder der Sonne ausgesetzt war, dann misst es einen zu hohen Wert. Das darf man nicht unterschätzen. Temperaturmessung ist kein Kinderspiel. Die Leute denken immer, es wäre simpel. Aber qualitativ hochwertige Temperaturmessungen zu machen, ist gar nicht so einfach."

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