SPD: Projekt wurde „eingestampft“
Hickhack um Historikerpreis

Münster -

Der SPD-Fraktionschef Dr. Michael Jung war mit einer Bewertung schnell bei der Hand: Oberbürgermeister Markus Lewe habe den Historikerpreis der Stadt Münster „eingestampft“, wetterte der im Urlaub weilende Kommunalpolitiker jüngst per Pressemitteilung. Die CDU wehrt sich.

Mittwoch, 22.07.2015, 12:07 Uhr

Henryk Samsonowicz (r.), einer der bekanntesten polnischen Historiker, war 2009 der bislang letzte Preisträger des Historikerpreises. Das Bild zeigt ihn mit dem damaligen Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann.
Henryk Samsonowicz (r.), einer der bekanntesten polnischen Historiker, war 2009 der bislang letzte Preisträger des Historikerpreises. Das Bild zeigt ihn mit dem damaligen Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann. Foto: ms

Dr. Hannes Lambacher , Leiter des Stadtarchives, erklärte am Dienstag derweil, dass die Stadtverwaltung für das Jahr 2016 die Verleihung des achten Historikerpreises vorbereite – eine entsprechende Beschlussfassung des Rates vorausgesetzt. Seinen Vorgesetzten sprach Lambacher von jeder Schuld frei: „Der Oberbürgermeister hat nicht geschlafen.“

Wie dem auch sei: Die Geschichte mit dem Historikerpreis gestaltet sich sehr zäh. Der früher übliche Fünf-Jahres-Rhythmus konnte bereits 2009 nicht eingehalten werden, aus fünf Jahren wurden sechs. Der nächste Termin wäre folgerichtig 2014 gewesen. Doch 2013 strich der Ältestenrat – übrigens mit Zustimmung der SPD – das Datum 2014 aus Kostengründen.

Preisträger

Der Historikerpreis der Stadt Münster wurde 1978 eingeführt. Anlass war seinerzeit der 330. Jahrestag des Westfälischen Friedens. In der Zeit zwischen 1981 und 2009 wurde er insgesamt sieben Mal vergeben. Die Preisträger waren:► 1981 Prof. Gordon A. Craig► 1984 Prof. Thomas Nipperdey► 1988 Prof. Hans-Peter Schwarz► 1993 Prof. Jacques Le Goff► 1998 Prof. Konrad Repgen► 2003 Prof. Reinhart Koselleck► 2009 Prof. Henryk Samsonowicz.Der Preis ist mit 12 500 Euro dotiert, der Jury gehören Historiker aus den Reihen der Universität Münster, Vertreter der Stadtverwaltung sowie Ratsmitglieder an.

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Im Sommer 2014 erinnerte der CDU-Ratsherr Dr. Dietmar Erber die damalige Kulturdezernentin Dr. An­drea Hanke an den Preis und erkundigte sich nach dem weiteren Vorgehen. In dem Antwortschreiben Hankes, das unserer Zeitung vorliegt, heißt es, „dass sich der Ältestenrat in einer der nächsten Sitzungen erneut mit dem Thema befassen wird“. Im November 2014 war es dann so weit: Der Ältestenrat beschloss, wieder einzusteigen.

Das Dumme dabei: Bereits im Oktober hatte die Stadt Braunschweig Dr. Hanke zur neuen Sozialdezernentin gewählt, ihre Tage waren damit in Münster gezählt, das Projekt „Historikerpreis“ rutschte auf der Prioritätenliste weiter nach unten.

Genau das hätte laut Dr. Jung nicht passieren dürfen. „Über ein halbes Jahr hat sich gar nichts getan.“ Der CDU-Ratsherr Erber hingegen erinnert Jung daran, dass nicht die SPD, sondern die CDU das Thema seinerzeit überhaupt aus der Versenkung geholt habe.

Offen ist nach Auskunft Lambachers noch, ob die Verleihung des nächsten Historikerpreises an eine Veranstaltung, ein Thema beziehungsweise ein Jubiläum gekoppelt werden solle. Anbieten könne sich die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren.

Die ursprünglichen Festlegungen dazu sind allgemein gehalten. Gewürdigt werden sollen mit dem Preis Historiker und Historikerinnen, die sich um die „europäische Geschichtsschreibung“ verdient gemacht haben.

Kommentar: Nichts für den Wahlkampf

Hand aufs Herz: Mit der Frage nach dem Historikerpreis der Stadt Münster kann man selbst gut informierte Münsteraner ins Schwitzen bringen. Die Existenz dieser Auszeichnung ist weithin unbekannt.

Von daher dürften sich die Hoffnungen der SPD, die lange Vakanz seit der letzten Preisverleihung 2009 als Wahlkampfthema gegen den amtierenden Oberbürgermeister Markus Lewe instrumentalisieren zu können, in Luft auflösen. Nein, mit so etwas Drögem wie dem Historikerpreis kann man nicht auf Stimmenfang gehen.

In der Sache indes lohnt sich ein neues Nachdenken. Wenn man den Historikerpreis mit dem weitaus bekannteren Poesiepreis der Stadt Münster vergleicht, dann springen die Defizite ins Auge. Der Poesiepreis hat eine feste Anbindung an das Lyrikertreffen und überdies an den Literaturverein und dessen rührigen Vorsitzenden Hermann Wallmann. All das fehlt beim Historikerpreis, weswegen er auch so schnell vergessen wird. Traurig, aber wahr!

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