Wahlkampf in Münster
Hauptsache mobilisieren

Münster -

Der Wahlkampf um das Oberbürgermeisteramt geht auf die Zielgerade – Zeit, im Interview mit Politikwissenschaftler Norbert Kersting eine erste Analyse zu wagen

Samstag, 29.08.2015, 18:08 Uhr

Prof. Norbert Kersting vermisst im OB-Wahlkampf ein großes Thema .
Prof. Norbert Kersting vermisst im OB-Wahlkampf ein großes Thema . Foto: bn

Noch zwei Wochen, dann wird in Münster das Oberbürgermeisteramt neu vergeben. Viele Plakate mit den Kandidatenporträts hängen schon den ganzen Sommer und vergilben am Straßenrand – andererseits versuchen die Kandidaten, die Münsteraner bei Veranstaltungen für die Wahl zu mobilisieren. Keine leichte Aufgabe, sagt Prof. Norbert Kersting , Politikwissenschaftler an der Universität Münster und Experte für Kommunalpolitik. Im Interview mit unserer Redakteurin Karin Völker zieht er ein erstes Wahlkampf-Resümee.

Ist das ein engagierter Wahlkampf , den wir gerade in Münster erleben?

Kersting: Dem Wahlkampf fehlen die großen Themen, es gibt auch kaum wirkliche Kontroversen zu wichtigen Fragen, viel Einigkeit im Grundsatz. Ein bisschen Streit gab es allenfalls um Tempo 30 oder den Start der Tour de France.

Eine eher langatmige Angelegenheit für die Münsteraner also . . .

Kersting: Die Parteien haben in der Tat schon sehr früh angefangen zu plakatieren. Und es ist schwer, einen Wahlkampf über viele Wochen zu gestalten. Einigen Parteien fehlen dafür meist die ehrenamtlichen Helfer – bei Veranstaltungen, aber auch einfach, um die Plakate am Straßenrand in Ordnung zu halten.

Nehmen Sie beim OB-Wahlkampf in Münster Unterschiede zwischen den Parteien war?

Kersting: Vor allem die CDU hat dabei gemerkt, dass sie vor der Kommunalwahl im vergangenen Jahr zu wenige Wahlplakate und vor allem Großplakate ohne Lokalbezug hatte. Mein Eindruck ist, dass die CDU diesmal mehr klotzt als kleckert.

Dabei wirbt ihr Kandidat, Oberbürgermeister Markus Lewe , ja noch nicht einmal mit dem CDU-Logo . . .

Kersting: Stimmt, aber das Oberbürgermeisteramt in Großstädten hat für die CDU mittlerweile ein hohes Prestige. Denn fast alle Großstädte bundesweit werden mittlerweile von SPD-, in Baden-Württemberg auch von grünen Oberbürgermeistern regiert. Es ist für die CDU insgesamt darum sehr wichtig, dass in Münster ihr Kandidat gewinnt – auch wenn auf seinen Plakaten nicht das Partei-Logo steht.

Wird das Markus Lewe helfen, mehr Stimmen aus anderen Lagern zu gewinnen?

Kersting: Markus Lewe präsentiert sich – wie es übrigens auch alle Kandidaten tun – als überparteilicher Oberbürgermeister, der für die Anliegen aller Bürger offen ist. Genau das erwarten viele Menschen auch von einem Stadtoberhaupt. Die meisten Leute stellen sich in diesem Amt keinen Technokraten vor, der minutiös über Verwaltungsfragen Bescheid weiß, sie wünschen sich eher eine Person, die vermitteln und harmonisieren kann.

Macht Markus Lewe also alles richtig?

Kersting: Schon, insofern er versucht, viel Offenheit zu zeigen. Er war aber wirklich schlecht beraten, sich konsequent nahezu allen Podiumsdiskussionen mit seinen Herausforderern zu verweigern. Diese Haltung vermittelt nämlich das Gegenteil von Offenheit – abgesehen davon, dass solche Veranstaltungen die gute Gelegenheit bieten, mit potenziellen Wählern direkt in Kontakt zu kommen.

Bei der von unserer Zeitung und Antenne Münster veranstalteten Wahlarena im Cineplex hat Markus Lewe eine Ausnahme gemacht . . .

Kersting: Das war eine gute Veranstaltung – und endlich eine Gelegenheit, die Kandidaten der Ratsparteien im direkten Schlagabtausch zu erleben. Solche direkten Konfrontationen zeigen aber auch, dass es für Oberbürgermeister, die nicht nur für Anhänger der eigenen Partei wählbar sein wollen, schwer ist, in kontroversen Sachfragen klare Positionen zu vertreten. Markus Lewe hat sich ja etwa, als er die Diskussion über Tempo 30 in der Innenstadt angestoßen hat, ganz klar abseits der eigenen Parteilinie gestellt. Das bringt in solchen Publikums-Debatten Probleme.

Maria Klein-Schmeink ist die einzige Frau unter den Kandidaten. Könnte ihr allein das einen Vorteil bei Wählerinnen verschaffen?

Kersting: Es ist durchaus zu beobachten, dass es bei Wahlen so etwas wie eine Frauensolidarität abseits von Parteipräferenzen gibt. Letzt-endlich ist aber genau diese Bindung an politische Lager immer noch für die Wahlentscheidung ausschlaggebend. Ich glaube, es wird bei den bisherigen Mehrheitsverhältnissen bei Wahlen in Münster eine spannende Angelegenheit.

Wir bekommen also eine Stichwahl?

Kersting: Es wäre für mich überraschend, wenn einer der Kandidaten im ersten Durchgang die absolute Mehrheit erobern würde. Und über den Ausgang einer Stichwahl würde ich nicht zu spekulieren wagen. Da gibt es sehr große Unwägbarkeiten – zum Beispiel, ob eine Partei, deren Kandidat ausgeschieden ist, Wahlempfehlungen für einen anderen ausspricht. Die größte Unsicherheit ist aber die dabei zu erwartende sehr geringe Wahlbeteiligung. Es wird schon schwer genug, am 13. September eine breite, hohe Wahlbeteiligung zu schaffen.

Mit welcher Beteiligung rechnen Sie?

Kersting: Wenn wir beim ersten Durchgang 50 Prozent in Münster erreichen, wäre das für Oberbürgermeisterwahlen schon ein ganz respektables Ergebnis. Bei einer Stichwahl würden sicher noch weniger Menschen zur Wahl gehen. In manchen Städten kann sich ein Bürgermeister am Ende nur auf weniger als 20 Prozent der Bevölkerung stützen. Darum bleibt es die wichtigste Aufgabe im Wahlkampf, überhaupt zum Wählen zu mobilisieren.

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