Vom Abriss bedroht
Ostviertel bangt um ein Kleinod

Münster -

Wenn die Denkmalschützer den Investoren keinen Strich durch die Rechnung machen, dann werden wohl schon bald Abrissbagger am Grundstück Ostmarkstraße 65/67 anrücken. Dort steht das wohl älteste Wohngebäude im Osten Münsters.

Mittwoch, 02.09.2015, 07:09 Uhr

Diese Ostviertel-Bewohner, Mieter und Nachbarn bangen um das historische Gebäudeensemble an der Ostmarkstraße 65/67: (v.l.) Monika Krohnenfeldt, Monika Wißmann, Julien Köhler, Theodor Heuer, Detlef Lenz und Lars Duve.
Diese Ostviertel-Bewohner, Mieter und Nachbarn bangen um das historische Gebäudeensemble an der Ostmarkstraße 65/67: (v.l.) Monika Krohnenfeldt, Monika Wißmann, Julien Köhler, Theodor Heuer, Detlef Lenz und Lars Duve. Foto: kal

„Anfang 2016 soll das gesamte Ensemble verschwinden“, sagt Theodor Heuer , der hier seit 32 Jahren eine Tischler-Werkstatt betreibt. Damit würde ein altes Stück Ostviertel dem Boden gleichgemacht, denn die zweigeschossige Werkstatt, der dreigeschossige Speicher und ein Wohnhaus wurden nach Recherchen von Anwohner Lars Duve bereits zwischen 1860 und 1875 errichtet – und sind bis heute nahezu vollständig erhalten. „Wenn das abgerissen wird“, sagt Monika Krohnenfeldt, die hier als Kind auf dem Hof spielte und von der Großmutter der heutigen Besitzer Waffeln bekam, „dann möchte ich nicht dabei sein.“

Nach dem Tod der bisherigen Besitzerin planen die Erben nun, einen Neubau mit rund 20 Wohnungen zu errichten, sagen Heuer und Duve. Die Investoren selbst wollen sich nicht zu dem Projekt äußern – man müsse sich erst unter den Erben beraten. Auf die Frage, ob der gesamte historische Komplex verschwinden soll, antwortete am Dienstag ein Erbe: „Wenn sie das als historisch bezeichnen wollen.“ Nach Angaben von Dr. Paul Lodde, Anwalt der Investoren, gibt es bei den Gebäuden statische Probleme, eine Sanierung sei „unmöglich“.

Denkmalbehörde verweist auf "offenes Verfahren"

Vor allem in der zweigeschossigen Werkstatt fühlt man sich nach wenigen Schritten ins 19. Jahrhundert versetzt. Fußböden, Fachwerk, Holzdecken – alles ist im Original erhalten. Dennoch steht das Ensemble nicht unter Denkmalschutz. Warum, möchte Mechthild Mennebröcker von der Unteren Denkmalbehörde mit Verweis auf ein „offenes Verfahren“ nicht sagen. In Kürze sei aber zusammen mit Denkmalschützern des Landschaftsverbandes ein Ortstermin geplant.

Historisches Ensemble ist von Abriss bedroht

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  • Anwohner der Ostmarkstraße kämpfen gegen den Abriss eines Gebäudeensembles aus dem 19. Jahrhundert Foto: kal
  • Anwohner der Ostmarkstraße kämpfen gegen den Abriss eines Gebäudeensembles aus dem 19. Jahrhundert Foto: kal
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  • Anwohner der Ostmarkstraße kämpfen gegen den Abriss eines Gebäudeensembles aus dem 19. Jahrhundert Foto: kal
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  • Anwohner der Ostmarkstraße kämpfen gegen den Abriss eines Gebäudeensembles aus dem 19. Jahrhundert Foto: kal
  • Anwohner der Ostmarkstraße kämpfen gegen den Abriss eines Gebäudeensembles aus dem 19. Jahrhundert Foto: kal
  • Anwohner der Ostmarkstraße kämpfen gegen den Abriss eines Gebäudeensembles aus dem 19. Jahrhundert Foto: kal

„Das dürfte hier das älteste Gebäude im Ostviertel neben dem Gefängnis sein“, sagt Nachbar Lars Duve. Er und sein Mitbewohner Detlef Lenz mussten bereits Ende Juni das ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammende Wohnhaus des Ensembles verlassen, sagt Duve. Doch das sei nicht der Hauptgrund, dass er sich für den Erhalt engagiere und nun sogar Unterschriften sammeln und eine Bürgerinitiative gründen will: „Mir geht es darum, ein Stück Geschichte zu erhalten.“ Heuer ergänzt: „Wenn das verschwindet, geht im Ostviertel ein Stück Lebensqualität verloren.“ Die letzte Hoffnung ruht nun auf den Denkmalschützern – bewerten sie das Ensemble als erhaltenswert, kann der Abriss womöglich noch abgewendet werden. 


Kommentar zum Thema: Die letzte Chance

Die Ausgangslage ist eindeutig: Das historische Handwerker-Ensemble an der Ostmarkstraße steht (bislang) nicht unter Denkmalschutz – solange das geplante Neubauvorhaben die Vorgaben des Bebauungsplanes erfüllt, steht es den Besitzern frei, mit ihrer Immobilie zu machen, was sie wollen. Auf der anderen Seite ist der Protest gegen den Abriss nachvollziehbar.  Viele historische Gebäude haben in den vergangenen Jahren Neubauten Platz gemacht. Nicht selten folgten auf Häuser mit Geschichte und Seele, die viele als schlicht und einfach „schön“ wahrgenommen haben, austauschbare Immobilien. Nicht wenige Straßenzüge verloren – und verlieren – so eine über Jahre gewachsene Ausstrahlung und Individualität. Nur der Denkmalschutz, so scheint es, kann den Abriss verhindern. Warum das prächtige, so gut erhaltene Ensemble bislang nicht als schützenswert galt, erscheint schleierhaft. Nach den Protesten haben die Denkmalschützer einen neuen Besuch angekündigt. Das dürfte die letzte Chance sein, den Erhalt noch zu sichern. 

Von Martin Kalitschke

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