Interview mit Dr. Georgios Tsakalidis
Durchs Netz gefallen

Münster -

Immer neue Flüchtlinge in Münster – das stellt die Stadt vor eine Herausforderung. Dr. Georgios Tsakalidis, Soziologe und Politikberater mit griechischen Wurzeln, ist seit 15 Jahren Mitglied in Ausländerbeirat und Integrationsrat. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Samstag, 03.10.2015, 12:10 Uhr

Dr. Georgios Tsakalidis ist fast 15 Jahre Mitglied im Integrationsrat und dessen Vorgänger. Aber in den letzten Wochen hat sich die Arbeit dramatisch verschärft.
Dr. Georgios Tsakalidis ist fast 15 Jahre Mitglied im Integrationsrat und dessen Vorgänger. Aber in den letzten Wochen hat sich die Arbeit dramatisch verschärft. Foto: bn

Im Augenblick kommen viele Flüchtlinge nach Münster . Definiert der Integrationsrat seine Arbeit jetzt neu?

Tsakalidis : Wir definieren sie neu, indem wir nicht nur die politische Arbeit machen, die Koordination. Wir sind sehr aktiv im sozialen Bereich, in der direkten Hilfe für Flüchtlinge. Wir wissen, in Münster gibt es eine sehr gute Sozialberatungsszene, aber trotzdem fallen Leute durchs Netz. Vieler solcher Fälle haben wir uns in jüngster Zeit angenommen.

Obwohl das eigentlich nicht die originäre Aufgabe eines Integrationsrates ist?

Tsakalidis: Das ist der Punkt. Aber wir empfinden es als unsere politische Aufgabe, diesen Menschen zu helfen, weil sie Hilfe brauchen. Strukturell haben Sie recht, wir bräuchten in Münster eine Anlaufstelle, wo alle Flüchtlinge, Migranten und Ratsuchenden ankommen und wo ihnen direkt eine Hilfe gewährleistet wird. Nicht immer dieses Spezielle: Soziales – Sozialamt, Wohnung – Amt für Wohnungswesen und so weiter.

Haben Migranten Probleme mit der deutschen Bürokratie?

Tsakalidis: Genauso ist es. Ich sehe das jeden Tag. Ich habe mir sechs Wochen Zeit genommen, um zu helfen, mehr kann ich nicht. Die Leute verstehen die Verwaltung nicht, die kommen mit Papieren, die wissen nicht, wie das System funktioniert, sie sind gehemmt. Bei uns finden sie offene Türen und offene Ohren. Ich schreibe oft Anträge: Kindergeldanträge, Sozialamtsanträge, Anträge für Wohnungen und das Jobcenter .

Wie viele Sprachen werden im Integrationsrat gesprochen?

Tsakalidis: Wir haben in unserem Portfolio so einiges. Ich spreche nur drei Sprachen, aber von unseren 18 Mitgliedern werden über 20 Sprachen gesprochen. Wir sind der interkulturellste Beirat Nordrhein-Westfalens . Arabisch, Russisch, Türkisch, Spanisch – das ist wunderbar. So kann ich mit den Kollegen kommunizieren, wenn ich eine Sprache nicht spreche.

Ist es nicht manchmal schwierig zu entscheiden, ob alles richtig ist, was die Flüchtlinge berichten? Uns sagte ein Syrer, dass sich manche Leute als Syrer ausgeben, die gar keine sind.

Tskalides: Ja, das stimmt. Ich höre das nicht heraus. Aber die Arabisch sprechenden Leute erkennen das. Bei 200 Millionen Arabisch sprechenden Menschen kann man an der Aussprache feststellen, ob einer aus Syrien, dem Libanon oder einem anderen Land kommt.

Wie viele Migrantenvereine haben wir in Münster? Und tun die etwas für die Flüchtlinge?

Tsakalidis: Ich sage immer, wir sind unverschämt glücklich in Münster, dass wir über eine so tolle Landschaft verfügen. Wir haben an die 200 Migranten-Selbstorganisationen. Die Zahl ist dynamisch, jeden Tag erfahre ich, auf dem Markt, in der Presse, auf der Arbeit, dass wieder etwas Neues entstanden ist. Übrigens gibt es ganz viele afrikanische Vereine, viele südosteuropäische und asiatische Vereine. Das ist eine tolle Vielfalt. Unsere politische Aufgabe als Inte­grationsrat ist es, diesen Gruppen zu helfen. Darum ist es ganz wichtig, dass uns der Rat beim nächsten Mal ein bischen mehr Geld zur Verfügung stellt, damit wir die Gruppen unterstützen können.

Stimmt der Eindruck: Die deutschen Vereine darben – aber Migranten gründen Vereine?

Tsakalidis: Ja, da sie viele gemeinsame Schwerpunkte haben: Ob es die Musik ist, ob es die kulturelle Identität ist. Je weiter man von der Heimat entfernt ist, je mehr möchte man ein Forum haben, in dem man sich austauscht. Darüber hinaus gibt es in der Uni-Stadt Münster viele gebildete Ausländer, die sehr erpicht darauf sind, ihre Sprache zu sprechen – auch mit den Kindern. Die machen praktische ehrenamtliche Arbeit.

Wir erleben eine überraschend große Welle an Hilfsbereitschaft . . .

Tsakalidis: Das überrascht mich auch positiv. Ich bin stolz, wenn ich das als griechischer Europäer mit deutscher Gründlichkeit sagen darf, dass diese Form der Solidarität hier überall stattgefunden hat. Aber es gibt eben eine junge Generation, die ist offener, die hat keine xenophoben Ängste. Dieses Klima müssen wir pflegen.

Wenn man derzeit über Kontroversen in Flüchtlingslagern liest, muss man fürchten, dass die wohlwollende Stimmung bald umschlägt?

Tsakalidis: Das ist ein Problem. In Münster hatten wir bisher nicht einen Fall, der erwähnenswert ist. Immer, wenn etwas Komisches passiert, sind wir, ist die Stadt, sind die Ämter da. In ganz Nordrhein-Westfalen ist nicht eine solche Geschichte wie in Hessen vorgekommen. NRW ist ein Land mit einer großen Inte­grationsgeschichte: erst die Polen, dann die Gastarbeiter, jetzt die Flüchtlinge. Wir haben die Strukturen, Menschen wahr- und aufzunehmen. Wir müssen darauf aufpassen, diese positive Stimmung zu erhalten.

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