Interview mit Prof. Duning von der Uniklinik
Alzheimer breitet sich aus

Münster -

Bis zu drei Millionen Menschen werden 2030 unter der Krankheit Alzheimer leiden. Das schätzen Experten. Prof. Thomas Duning berichtet über den aktuellen Stand der Forschung.

Samstag, 10.10.2015, 06:10 Uhr

Prof. Dr. Thomas Duning
Prof. Dr. Thomas Duning Foto: UKM

Fußball-Legende Gerd Müller ist an Alzheimer erkrankt: Die Nachricht sorgte in dieser Woche bundesweit für Schlagzeilen. Müller ist einer von rund 1,5 Millionen Betroffen in Deutschland . Über Anzeichen, Diagnose und Perspektiven einer Alzheimer-Erkrankung sprach unser Redakteur Martin Kalitschke mit Prof. Dr. Thomas Duning von der Uniklinik Münster.

Prof. Duning, was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie morgens in der Zeitung lesen, dass ein Prominenter – wie jetzt Gerd Müller – an Alzheimer erkrankt ist?

Duning: Auch Prominente sind nicht vor dieser Krankheit gefeit. Wenn sie an die Öffentlichkeit gehen, dann ist das ihre persönliche Entscheidung, die ich allerdings begrüße – gerade wenn man sich anschaut, was in den kommenden Jahren auf uns zukommen wird.

Was wird denn auf uns zukommen?

Duning: Aktuell gibt es 1,5 Millionen Alzheimer-Patienten in Deutschland, ihre Zahl wird bis 2030 nach konservativen Schätzungen auf drei Millionen anwachsen. Mir ist keine andere Krankheit bekannt, die sich ähnlich dramatisch entwickelt. Wenn es bis dahin keine neuen Behandlungsmöglichkeiten gibt, stehen wir vor großen Herausforderungen.

Wie können sich Gesundheitssystem und Gesellschaft schon heute darauf einstellen?

Duning: Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Lösung. Ich denke aber, dass man bewusster machen sollte, dass es diese Krankheit gibt, und hoffe, dass es bis 2030 verbesserte Therapieansätze geben wird. Vor allem aber ist es wichtig, dass die Krankheit bei den Betroffen früh entdeckt wird.

Gibt es Risikofaktoren, die Alzheimer beeinflussen?

Duning: Entscheidend sind Alter und Veranlagung, also Faktoren, die man nicht beeinflussen kann.

Was heißt Veranlagung?

Duning: Alzheimer ist keine Erbkrankheit. Sie beruht wahrscheinlich auf giftigen Ablagerungen im Gehirn, die ab einem bestimmtem Alter jeder hat. Die Frage ist, wie mein Gehirn mit diesen Ablagerungen umgeht.

Was heißt „giftig“?

Duning: Es handelt sich um Eiweißablagerungen, die wahrscheinlich dazu führen, dass Nervenzellen zugrunde gehen. Genau weiß man das allerdings bislang nicht. Fest steht: Es gibt kein Gehirn ab 50, dass von solchen Ablagerungen frei ist. Das heißt allerdings nicht, dass man automatisch Alzheimer bekommt. Das Gehirn kann damit gut zurechtkommen. Ist das irgendwann nicht mehr der Fall, dann bricht die Krankheit aus.

Gibt es eigentlich auch beeinflussbare Risikofaktoren?

Duning: Ja, die klassischen: Bewegungsmangel, Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck, ein schlecht eingestellter Diabetes. Wer fit und gesund ist, bei dem ist das Risiko deutlich reduziert, dass sich die Ablagerungen bemerkbar machen.

Wann bricht die Krankheit denn aus?

Duning: Vor 65 nur selten. Zwischen dem 80. und 90. Lebensjahr ist allerdings bereits jeder Dritte betroffen, bei über 100-Jährigen ist nur jeder Zwanzigste nicht dement.

Wie macht sich Alzheimer bemerkbar?

Duning: Fast immer durch Gedächtnisstörungen, aber auch durch Sprach- und Koordinationsstörungen und Probleme bei der zeitlichen und räumlichen Orientierung. Man sollte allerdings nicht jede Gedächtnisstörung überinterpretieren. Wenn sie alltagsrelevant werden und der Patient nicht mehr ohne fremde Hilfe zurechtkommt, dann handelt es sich um eine krankhafte Störung.

Was raten Sie Betroffenen?

Duning: Die Diagnose einer Frühform von Alzheimer ist schwierig. Wer sich Sorgen macht, kann zum Beispiel zu einer speziellen Gedächtnisambulanz gehen. In Münster gibt es mehrere Spezialeinrichtungen. Was viele nicht wissen: Die Symptome der Krankheit können auch aktuell schon gut behandelt werden.

Und wie?

Duning: Selbst unter manchen Kollegen herrscht bei Alzheimer ein großer Fatalismus. Dabei gibt es inzwischen Medikamente, die den Verlauf deutlich positiv beeinflussen können. Alzheimer ist nicht heilbar, aber das Voranschreiten der Krankheit kann recht effektiv verzögert werden. Insbesondere wer recht früh behandelt wird, bei dem können neue Krankheitssymptome nach hinten geschoben werden, sodass eine Pflegebedürftigkeit verhindert wird.

Wie weit ist die Forschung bei der Suche nach weiteren Medikamenten?

Duning: Auch hier an der Uniklinik wird geforscht. Dabei ist es ein Ziel, die Eiweißablagerungen direkt zu bekämpfen – und zwar durch Impfungen. Aktuell laufen entsprechende Studien, bei denen Patienten noch nicht zugelassene Medikamente erhalten. Die ersten Daten waren allerdings niederschmetternd – dabei verliefen solche Impfungen bei Tieren vielversprechend.

Was ist der Grund?

Duning: Wir vermuten, dass die Krankheit zu spät behandelt wurde und unter den Patienten auch Personen waren, bei denen nicht Alzheimer der Grund für eine Demenz war. Aktuell behandeln wir nur noch Patienten mit diesen Medikamenten, die sicher eine Alzheimererkrankung in einer frühen Phase haben. Ich denke, dass wir in den nächsten zwei Jahren wissen, ob die Therapie wirksam ist.

Wird man irgendwann Alzheimer heilen können?

Duning: Da bleibe ich skeptisch. Jeder von uns wird auch in Zukunft erkranken – wenn er nur alt genug wird. Wenn bessere Medikamente gefunden werden, könnte man aber zukünftig in ganz frühen Stadien die Krankheit aufhalten, sodass sie den Patienten beim Älterwerden kaum noch beeinträchtigt.

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