Interview
Was die Narren kurzvor dem Sessionsstart bewegt

Münster -

Der Bund Westfälischer Karneval tagt an diesem Wochenende in Münster. Der Vizepräsident im Bürgerausschuss Münsterscher Karneval, Dr. Helge Nieswandt, berichtet im Interview, was die Narren derzeit bewegt.

Freitag, 23.10.2015, 21:10 Uhr

Helge Nieswandt ist Vizepräsident im Bürgerausschuss Münsterscher Karneval und gehört zu den Organisatoren des BWK-Kongresses an diesem Wochenende in Münster.
Helge Nieswandt ist Vizepräsident im Bürgerausschuss Münsterscher Karneval und gehört zu den Organisatoren des BWK-Kongresses an diesem Wochenende in Münster. Foto: hpe

An diesem Wochenende findet der Kongress des Bundes Westfälischer Karneval (BWK) nach 33 Jahren erstmals wieder in der Stadt Münster statt. Was dort läuft und die Narren kurz vor Beginn der Session bewegt, erläuterte der Vizepräsident im Bürgerausschuss Münsterscher Karneval (BMK), Dr. Helge Nieswandt (56), im jecken Gespräch unserem Redakteur Helmut P. Etzkorn .

Was bedeutet es für den Bürgerausschuss, den BWK-Kongress mit knapp 200 Präsidenten und Vorständlern aus Westfalen ausrichten zu dürfen?

Nieswandt: Der BWK wurde am 11. Februar 1949 in Münster gegründet und viele Jahre durch Präsidenten aus unseren Reihen geprägt. Die Idee, Münster mal wieder zum Tagungsort vorzuschlagen, kam von meinem Vorstandskollegen Bernhard Averhoff. Ohne die Dachorganisationen müssten wir Gema-Gebühren selbst aushandeln, hätten keine landesweit einheitliche Ausbildung der Trainer für die Tanzkorps und nicht die Bedeutung, die der westfälische Karneval bundesweit hat. Die hohe Anmeldezahl beweist die Attraktivität Münsters als Tagungsort. Das macht uns stolz.

Ein großes Problem im Karneval ist die Überalterung der Vorstände, wie kann man den Karneval verjüngen?

Nieswandt: Der Prozess kann nur in den betroffenen Gesellschaften von innen heraus erfolgen und nicht durch den Bürgerausschuss aufoktroyiert werden. Ein gutes Beispiel ist die Karnevalsgesellschaft Hiltrup. Eine junge, dynamische Crew macht dort Volkskarneval, der Zulauf ist riesig, Inzwischen wurde gar ein Karnevalsumzug in Hiltrup auf die Beine gestellt. Die KG Monasteria Principale beweist mit ihrer immer ausverkauften Mädchensitzung, dass junge Leute durchaus für die Narretei zu begeistern sind, wenn es einen pfiffigen Mix aus Party und Programm gibt. Leider können mache alte Vorstände nicht loslassen, dann verabschieden sich aber die Nachwuchskräfte, und es geht bergab. Vorstände dürfen nicht eifersüchtig sein, weil kreative Ideen von jungen Leuten eine Bereicherung für die KG sind. Kommt kein frisches Blut, werden schon bald einige Gesellschaften nicht mehr existieren.

Wie kann der Spagat zwischen Brauchtumspflege und Öffnung für neue Ideen funktionieren?

Nieswandt: Die uralte Gesellschaft Freudenthal ist dafür ein gutes Beispiel. Ein junger Präsident organisiert eine Gala mit Lasershow und Tanz, die verstaubten Bühnenbilder sind futsch, und solche Innovationen werden begeistert aufgenommen. Trotzdem treten die Kooperationen auf und erinnern an die lange Vergangenheit der Gesellschaft. Auch an den vollen Oktoberfestzelten sieht man, wie wichtig neue Formate im Karneval sind. Nur Party machen wäre aber falsch, weil dann Veranstaltungen und Gesellschaften austauschbar wären. Und ganz wichtig, man darf sich selbst im Karneval nicht zu ernst nehmen. Der pointierte Humor ist der Stachel im Fleisch der Politik.

Der Rosenmontagszug leidet ja seit Jahren unter fehlenden lokalen Themen, was kann man hier besser machen?

Nieswandt: Wir müssen als Bürgerausschuss den Wagenbauern künftig konkrete Themengebiete vorschlagen, vielleicht muss auch mal eine Schulung mit Zugexperten aus Köln sein. Der Wagenbau kostet Geld, doch das wird von den Gesellschaften eher für Programmpunkte bei Sitzungen ausgegeben. Mehr wahrgenommen werden jedoch die Wagen beim Rosenmontagszug.

Warum klappt das in den Stadtteilen besser?

Nieswandt: Beispiel ZiBoMo Wolbeck. Dort gibt es engagierte Fußgruppen, die lokale Themen originell umsetzen. Jeder im Dorf kennt den Hippenmajor, der Gemeinsinn ist stärker als in der Stadt. Für die Jugend gibt es eine Zeltdisco, so etwas fehlt bei uns in der City. Ich würde mir wünschen, wir dürften an den Tagen rund um Rosenmontag in der Stadt ein Festzelt aufstellen. Leider fehlt uns ein zentraler Standort, und auf die Stubengasse dürfen wir nicht.

Gibt es zu viele Gesellschaften in Münster?

Nieswandt: Wir haben 34 Gesellschaften, 25 wären besser. Fusionen sind zwar kein Allheilmittel, aber aktuell kocht jeder sein eigenes Süppchen. In Sprakel und Wolbeck, wo es nur eine Gesellschaft gibt, ist das Zelt voll. Man nimmt sich nicht gegenseitig die Besucher weg. Wir haben zu viele Spaltpilzgesellschaften, die eigentlich nur entstanden sind, weil es in großen Vereinen Ärger gab und die Geschassten dann eine eigene KG gegründet haben.

Warum feiern immer weniger Gesellschaften ihre Gala in der Halle Münsterland?

Nieswandt: Die Halle kann sich finanziell kaum noch eine Gesellschaft erlauben, weil die Preise in jedem Jahr anziehen. Bald wird dort überhaupt keine Gala mehr stattfinden. Es fehlt an bezahlbaren Sälen, und das ist ein Riesenproblem, zumal der Karneval immer weniger Sponsoren hat.

Oft wird belächelt, dass der Prinz in Münster keine Prinzessin hat. Wird sich das mal ändern?

Nieswandt: Das muss die Prinzengarde unter sich klären. Aber es wird so weit kommen, denn die Frauen werden in den Gesellschaften immer aktiver und kriegen bei Sitzungen von sich aus Spaß. Ganz im Gegensatz zu den Männern, die bespaßt werden wollen.

Was werden am Wochenende die Schwerpunkte der Tagung sein?

Nieswandt: Es geht um eine bessere Öffentlichkeitsarbeit, die Prävention sexueller Gewalt im Verein und um das Thema Mindestlohn.

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