Interview mit Sido
"Meine Alben sind immer persönlich"

Er ist das Enfant terrible der deutschen Rapszene und nennt sich selbst DER Maskenmann: Sido. Gerade hat er zusammen mit Andreas Bourani seinen ersten Nummer-eins-Hit gelandet, jetzt holt er das im vergangene Jahr geplante Konzert in Münster nach. An seinem Geburtstag.

Freitag, 30.10.2015, 17:10 Uhr

Interview mit Sido : "Meine Alben sind immer persönlich"
Interview mit Sido im Hyatt-Hotel in Köln. Foto: Gunnar A. Pier

Welchen Berufswunsch hattest du als Kind? Feuerwehrmann? Rapper? Astronaut?
Sido: Astronaut nicht. Bis heute habe ich Angst davor, da oben zu sein. Das hat mich früher als Kind schon gegruselt.

Gab es denn irgendeine Situation, bei der du gedacht hast, dass es etwas für dich sein könnte?
Sido: Batman vielleicht.

Superheld also...
Sido: Nein, nein, nicht irgendein Superheld, sondern Batman. Eigentlich hätte ich sogar Robin cooler gefunden.

Warum?
Sido: Vielleicht weil er jünger gewesen ist. Aber ich wusste: Batman ist der Boss.

Dein Song „Astronaut“ ist jetzt auf Platz eins der Charts. Wie schwer ist es, den Spagat zu schaffen, alte Fans nicht zu verprellen und trotzdem neue hinzuzugewinnen?
Sido: Das weiß ich nicht...

Du besingst es ja quasi in dem Song „Selfie“. Aber es gibt eben Fans, die dir gerade in sozialen Netzwerken vorwerfen, was denn nur aus dir geworden sei...
Sido: Es gibt 14-Jährige, die das sagen. Wie ernst soll man das nehmen? Die waren zwei Jahre alt, als mein erstes Album rauskam (schmunzelt). Die sagen mir heute: „Ey, Aggro-Berlin war viel cooler“ (lacht). Ich will keine Fans klein reden, aber mir ist wurscht, was die Leute über mein Album sagen. Ich gehe mit jedem Album ein neues Risiko ein – ob die Leute das mögen werden oder nicht.

In der SZ stand, dass es nur logisch sei, dass du, nachdem du mit Mark Forster nicht die Chartspitze erklimmen konntest, mit Andreas Bourani auf Nummer sicher gegangen seist. Noch sicherer wäre nur ein Duett mit Helene Fischer gewesen. Ist das so? Kannst du so kalkulieren?
Sido: (lacht) Ich wusste, dass der Song eine Nummer fürs Radio ist. Ich habe den Refrain geschrieben und habe dabei sofort Andreas gehört. Und ich kenne ihn schon länger. Es ist nicht so, dass ich jetzt geschaut habe, wer Nummer eins ist. Das ist nicht meine Intention gewesen. Dass das auf die Eins geht, kann kein Mensch planen.

Sido über Bourani und Business

Es gibt auch Vorwürfe, die besagen, dass du nicht mehr authentisch, sondern ein Geschäftsmann geworden seist.
Sido: Das verstehe ich nicht. Wäre es noch authentisch, wenn ich heute das machen würde, was ich damals gemacht habe? Mit Sicherheit nicht.

Geschäftsmann bist du trotzdem geworden...
Sido: Ich bin Geschäftsmann, aber nicht, was meine Musik angeht. Ich mache meinen eigenen Wodka, eröffne eine Bar, habe ein Tattoo-Studio in Berlin und bald eins in München. Für jemanden mit meinem Status wäre der beste Move, jetzt alles alleine zu machen.  Nach der Musik muss ich gucken, was ich dann machen werde. Daran arbeite ich simultan.

Du hast aber doch mittlerweile den Status, dir aussuchen zu können, mit wem du zusammen arbeitest.
Sido: Das muss aber der Künstler auch selbst entscheiden. Für den Fall, dass eine Plattenfirma sagt, „Andreas nimm mal einen Song mit Sido auf“ sind wir beide schon eine Nummer zu groß. Das entscheiden wir dann schon alles selber. Und an meinem Album lasse ich auch die Plattenfirma nicht rütteln. Ich entscheide, welche Songs drauf kommen und was ich in welchem Song sage.

Meine Alben sind immer persönlich.

Sido

Im Opener deines neuen Albums rappst du über den Maskenmann. Du trägst aber die Maske seit Jahren nicht mehr. Können denn auch die Zweijährigen, die heute 14 sind, etwas damit anfangen?
Sido: (leicht genervt) Ich bin der Maskenmann. Es gibt vielleicht noch andere Maskenmänner, aber ich bin DER Maskenmann.

Und die Leute, die beim sechsten Album einsteigen...
Sido: ... die informieren sich. Das geht schnell. Einmal Sido eingeben, schon steht oben „mit Maske“ (lacht).

Wenn du hier ins Hyatt-Hotel kommst, was ist das erste, das du denkst: „Geil, habe ich mir erarbeitet“ oder „Das ist immer noch komisch für mich“.
Sido: Das ist ein Hotel. Ich mache mir darüber keine Gedanken, was das für eins ist. In einem engen Ibis-Zimmer mit drei Programmen in einem kleinen Fernsehkasten würde ich ungern schlafen. Aber da hätte ich auch ungern drin geschlafen, wenn ich mir nur das hätte leisten können.

In dem Song „Ackan“ heißt es, dass deine Frau Charlotte darauf steht, wenn du ihr einen Pelz kaufst. Ist das Ironie?
Sido: Nein. Sie trägt wirklich gerne Pelze. Keine echten, das muss ich in ihrem Namen dazu sagen. Mir ist das egal. Ich esse auch Fleisch. Ich trage auch Lederschuhe. Es wäre doch verlogen, wenn ich dann sagen würde: Nein, Fell nicht. Dann musst du es ganz durchziehen und auch Vegetarier sein.

Interessant ist es aber, dass du solche privaten Sachen in deine Songs einbaust.
Sido: Das mache ich in allen meinen Alben. Auch, als ich noch die Maske getragen habe. Meine Alben sind immer persönlich.

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Sido: "Der Anspruch an meine Musik ist der, dass sie immer authentisch ist." Foto: Gunnar A. Pier

Es gibt ja andere Künstler, die das nicht so handhaben.
Sido: Ich mache das auf dem Album so, wie ich es für richtig halte. Und auch in Interviews weiß ich, was ich Privates preisgeben möchte und was nicht.

Du bist ja Vater. Wie hat sich dein Leben als Künstler dadurch verändert?
Sido: Der Anspruch an meine Musik ist der, dass sie immer authentisch ist. So wie ich früher war, war meine Musik früher. So wie ich heute bin, ist meine Musik heute. Du musst die Frage anders stellen: Ändert sich dein Leben, wenn du ein Kind bekommst? Und ja: es ändert sich.

Ich habe gerade schon mal das Stichwort „soziale Netzwerke“ fallen gelassen. Die sind ein Einfallstor gerade für rechtes Gedankengut.
Sido: Für alles sind soziale Netzwerke ein Einfallstor.

Guckst du selbst auf deine Facebookseite oder kümmert sich eine Agentur darum?
Sido: Nein, das mache ich alles selber. Deshalb ist Facebook auch so vernachlässigt, ich mag Facebook nicht mehr. Facebook ist nur noch verknüpft mit meinem Twitter- und meinem Instagram-Account.

Trio waren meine Helden.

Sido

Weil du auch die Zeit dafür nicht mehr hast?
Sido: Nein, die Zeit für Twitter und Instagram habe ich ja (lacht). Facebook ist nicht mehr das, was es mal sein sollte. Mein ältester Sohn hatte noch nie einen Facebook-Account, weil das für ihn komplett uninteressant ist. Das worum es gehen sollt – dass du deinen Freunden Fotos oder Videos schickst, das, sagt er, kannst du heute in einer Whatsapp-Gruppe machen. Da passen auch hundert Leute rein. Und das, was du auch woanders haben kannst – Farmville oder dass jeder seine Meinung in der Öffentlichkeit kundtut – das ist nur Schrott. Und das ist das Schlimme auf Facebook, weil jeder denkt, ich erreiche mehr, als nur meine Freunde. Und deshalb fangen sie, an Unfug zu schreiben. Und da kann leicht jeder, der leicht braunes Gedankengut hat, richtig auf die Kacke hauen. Und da wird es gefährlich.

Wird denn sowas an dich herangetragen?
Sido: Ich bekomme das ja mit. Heidenau zum Beispiel. Wenn ich das im Fernsehen sehe, wird es ja an mich herangetragen (schmunzelt).

Du kommst ja aus Ost-Berlin. Hast du noch eine Trennung, eine Mauer im Kopf?
Sido: Ost und West? Auf keinen Fall.

Jüngere Leute wahrscheinlich eh weniger...
Sido: Im tiefsten Osten hat man vielleicht noch solche Gedanken. Also nicht Nazi-, sondern Ost-West-Gedankengut. Diese zwei Welten. Aber vielleicht auch auf dem Land im Westen. Da, wo es urban wird, ist das egal.

Noch mal zum Album. Du zitierst „Geier Sturzflug“.
Sido: (seufzt) Hände gespuckt, oder?

Genau. Du bist aber musikalisch ja eher in den 90ern sozialisiert...
Sido: Ich habe früher Neue Deutsche Welle gehört. Als heranwachsender junger Mann war das die wichtigste Musik überhaupt. Auch “Life is Life“ oder „Da Da Da“. Trio waren meine Helden. Auch Stefan Remmler im Nachhinein noch, als es nicht mehr NDW war.

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Ein Kollaborations-Album von Sido soll 2017 erscheinen. Foto: Gunnar A. Pier

Eigentlich bist du ja zu spät geboren dafür.
Sido: Bei uns zu Hause war Musik immer ein Riesenthema. Meine Mutter hat das aus ihrer Generation in meine getragen.

Sido live

Gewinnen Sie drei Mal zwei Tickets für das Konzert mit Sido in Münster am 30. November um 20 Uhr in der Halle Münsterland. Rufen Sie dazu einfach bis zum 8. November (Sonntag) an unter der Telefonnummer 0137 / 808 400 628 (0,50 Euro/Festnetzanruf, Mobilfunkpreise können stark abweichen) und hinterlassen Sie das Stichwort „Sido“ sowie Ihren Namen, Ihre ­Adresse und Ihre Telefonnummer. Viel Glück!

...

In dem Song „Zuhause ist die Welt noch in Ordnung“ kommt ein Bibelzitat vor.
Sido: Es kommen ab und zu mal Bibelzitate in meinen Songs vor. Nicht, weil ich gläubig bin, sondern weil ich diese Zitate mag. Ich mag auch die Zehn Gebote. Das sind quasi gute Gesetze, es ist nicht doof, was die sagen. Und gerade diesen Spruch aus Pslam 23 finde ich geil, die Welt als finsteres Tal zu bezeichnen.

Ich habe gelesen, dass du jetzt nicht mehr filmen, sondern dich auf die Musik konzentrieren willst?
Sido: Ich mache jetzt erstmal das Live-Geschäft. Dann werde ich eventuell ein Kollabo-Album machen.

Eine Kollaboration wie mit Bushido?
Sido: So ähnlich, aber es ist nicht Bushido. Mit einem anderen Rapper. Die Produktion ist für nächstes Jahr geplant. Erscheinen soll es dann 2017. Und dann kümmere ich mich irgendwann wieder um ein Soloalbum.

Noch ein Wort zum Konzert in Münster?
Sido: Das ist mein Geburtstag. Dementsprechend besonders wird die Show in Münster. Das wird keine Show wie jede andere. MoTrip und JoKa sind dabei, soviel kann ich verraten. Einige Gäste werden kommen. Es wird eine Hiphop-Veranstaltung.

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