Charlotte Roche im Interview
Sie kann auch richtig spießig sein

Münster -

Charlotte Roche wurde mit ihrem Buch „Feuchtgebiete“ zur Bestseller-Autorin. Im Dezember wird sie ihren neuen Roman in Münster vorstellen. Im Interview mit unserer Zeitung berichtet sie, wie wichtig ihr Disziplin ist – und was sie an Münster so mag.

Donnerstag, 29.10.2015, 06:10 Uhr

Charlotte Roche hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt „Mädchen für alles“ und wird von Kritikern als „Befreiungsschlag einer überforderten Familienmutter“ bezeichnet. Am 20. Dezember kommt die Autorin nach Münster.
Charlotte Roche hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt „Mädchen für alles“ und wird von Kritikern als „Befreiungsschlag einer überforderten Familienmutter“ bezeichnet. Am 20. Dezember kommt die Autorin nach Münster. Foto: dpa

Ihre Romane „ Feuchtgebiete “ und „Schoßgebete“ wurden zu Bestsellern und brachten Charlotte Roche den Ruf einer „Skandalautorin“ ein. Nun hat die gebürtige Britin ihren dritten Roman vorgelegt, „Mädchen für alles“. Die 37-jährige Mutter einer 13-jährigen Tochter wird das Buch persönlich in Münster vorstellen, am 20. Dezember in der Aula am Aasee . Mit Charlotte Roche sprach unser Redakteur Martin Kalitschke .

Frau Roche, hat Ihre Tochter das neue Buch schon gelesen?

Roche: Nein, um Gottes Willen! Sie ist 13, wer das Buch liest, sollte mindestens 16, vielleicht sogar 18 sein. Es enthält sehr viel Gewalt – und die ist ja bekanntlich viel gefährlicher als Sexualität. Aber zu Hause sind meine Bücher auch gar nicht von Interesse.

Aber Ihre Tochter bekommt doch bestimmt mit, wenn Sie mal wieder ein Buch schreiben.

Roche: Die Leute stellen sich das immer so krass vor, eine Mutter, die ein Kind hat und Bücher schreibt, die nicht jugendfrei sind. Ich glaube, die würden sich wundern, wie weit weg das Bücherschreiben von meiner Tochter ist.

Irgendwann wird sie es aber mal erfahren.

Roche: Ja, aber es gibt doch kaum was Langweiligeres für Kinder als die Arbeit der Eltern. Auch wenn man Bücher schreibt.

Sie werden sicherlich immer wieder gefragt, ob die Hauptpersonen mit Ihnen identisch sind.

Roche: Sicherlich steckt in den Büchern sehr viel von mir drin. Aber das heißt nicht, dass ich so bin wie die Hauptpersonen. Natürlich habe ich eine gewisse Art, die Welt zu sehen, und die ist manchmal sehr radikal. In meine Bücher packe ich diese krasse Welt hinein, um sie für mich zu verarbeiten. Aber privat, da führe ich kein Rock‘n‘Roll-Leben voller Gewalt, Sexualität und Drogen.

Sind Sie privat womöglich langweilig?

Roche: Ich arbeite zwei Jahre an einem Buch, da müssen die Rahmenbedingungen perfekt und damit auch irgendwie langweilig sein, sonst kann ich nicht schreiben. Morgens versorge ich die Familie, dann frühstücke ich selber gesund, mache vielleicht Sport. Danach gehe ich in ein Gemeinschaftsbüro und schreibe, ohne zuvor auf dem Handy Nachrichten von Freunden oder im Internet gelesen zu haben. Wenn da nämlich etwas Falsches steht, dann kann mich das so aus der Bahn werfen, dass ich nicht mehr schreiben kann. Ich habe übrigens noch nie einen Tag gehabt, an dem ich nicht schreiben konnte.

Hört sich wirklich nicht so spannend an.

Roche: Das ist alles ganz, ganz spießig.

Sie scheinen viel Disziplin zu haben.

Roche: Ja, und die ist sehr wichtig für mich. Dabei habe ich sie nie gelernt, nicht in der Schule und nicht bei den Eltern. Ich hatte früher immer nur ein Nomadenleben und habe gemacht, was ich wollte. Es ist wirklich ein Wunder, das mir das heute alles so gelingt.

In Ihrem Buch geht es auch um Angst und Panik, psychische Zustände, die Sie selbst gut kennen.

Roche: Ja, und das Schreiben hat mir dabei geholfen, dass heute viele Ängste weg sind. Es hat mich stabiler und selbstbewusster gemacht. Es ist ein Zauber, dass mir das Schreiben dabei geholfen hat, und es ist ein Zauber, dass meine Bücher auch anderen helfen. Ich treffe bei Lesungen immer wieder Menschen, die sich bedanken, dass ich solche Bücher geschrieben habe. Ich nehme sie dann in den Arm und freue mich, dass ich sie mit meinen Büchern berührt habe.

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Charlotte Roche stellt ihr Buch am 20. Dezember um 20 Uhr in der Aula am Aasee vor.

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Das neue Buch setzt sich auch kritisch mit der Rolle von Müttern auseinander.

Roche: Ich habe in Deutschland immer noch den Eindruck, dass wir bei der Rolle der Mutter gegenüber anderen Ländern etwas hinterher hängen. Hier wird so christlich auf die Mutter geschaut, sie soll immer entspannt, großzügig und mild sein. Dabei stehen viele Mütter unter großem Druck, müssen immer wieder Entscheidungen treffen, sind verzweifelt, dass sie nicht so sein können, wie es erwartet wird. Ich möchte an diesem Mutter-Bild ein wenig kratzen und zeigen, dass man auch eine entspannte Mutter sein kann.

Was verbinden Sie mit Münster?

Roche: Ich habe sehr gute Gefühle bei Münster. Vor ein paar Jahren habe ich mit Christoph Maria Herbst eine Lesung gemacht, in der wir aus einer Doktorarbeit über Penisverletzungen vorlasen. In keiner Stadt sind so viele Menschen in Ohnmacht gefallen wie in Münster. Das war sehr, sehr lustig, das darf ich ja sagen, denn die sind ja alle wieder wach geworden. Ich glaube, dass es auch an den Studenten liegt, dass hier die Lesungen so gut sind. Die kommen schon betrunken zur Lesung, da ist von Anfang an die Stimmung super.

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