Ordnungsamt schlägt Alarm
Bis zu 50 000 Schrotträder

Münster -

Nach Schätzungen des Ordnungsamtes stehen in Münster bis zu 50 000 Schrotträder herum, die fahruntauglich seien und um die sich niemand kümmere. Gleichwohl fehlten das Personal und zudem die rechtliche Handhabe, um diese Räder aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. 

Sonntag, 01.11.2015, 11:11 Uhr

Fahrräder kreuz und quer hinter dem Hauptbahnhof: An vielen Stellen gibt es kein Durchkommen für Fußgänger – schuld sind nicht zuletzt zahllose Schrotträder.
Fahrräder kreuz und quer hinter dem Hauptbahnhof: An vielen Stellen gibt es kein Durchkommen für Fußgänger – schuld sind nicht zuletzt zahllose Schrotträder. Foto: Oliver Werner

Keine Kette, kein Sattel, platte Reifen – und Rost, wohin man schaut: Das Ordnungsamt schätzt, das bis zu 50 000 solcher Schrotträder im Stadtgebiet herumstehen oder -liegen. Immer wieder gebe es Beschwerden von Bürgern, doch der Behörde fehle schlichtweg das Personal, um Räder, die nicht mehr fahrtüchtig sind und die offenbar niemand mehr haben will, zu beseitigen, klagt Behördenleiter Martin Schulze-Werner .

Die Personaldecke des Fahrradkontrolldienstes ist in den vergangenen Jahren immer dünner geworden. Nur noch zwei Mitarbeiter sind aktuell für das Ordnungsamt im Einsatz – viel zu wenige, sagt Schulze-Werner. „Damit ist, statistisch gesehen, ein Mitarbeiter für 151 Quadratkilometer Fläche zuständig, auf denen sich 250 000 Räder befinden.“ Deshalb spricht er von einer „Herkulesaufgabe“, die nicht zu bewältigen sei. „Um das Schrottfahrräder-Problem zu lösen, müssten wir in Kompaniestärke unterwegs sein.“

Alle zwei Wochen wird kontrolliert

Immerhin: Alle 14 Tage durchkämmen die beiden Mitarbeiter die öffentlichen Fahrradständer. Zeit für Routinekontrollen in den Wohngebieten bleibe hingegen nicht. Nur wenn sich Bürger beschweren – was immer wieder vorkomme –, mache sich das Ordnungsamt auf dem Weg.

Schwachstellen der Fahrradhauptstadt

1/39
  • Was nervt Radfahrer in Münster? Auf diese Frage haben wir viele Antworten von Lesern bekommen, die in dieser Bilderstrecke gezeigt werden. Bei den formulierten Missständen handelt es sich um persönliche Meinungen, die wir unkommentiert lassen. 

    Das erste Beispiel: Fahrrad-Schutzstreifen, die von Autos blockiert werden.

    Foto: Jan Hullmann
  • Beim Ludgerikreisel ist vor allem die Einfahrt sehr problematisch. Durch das Fehlen eines eigenen Radweges werden Fahrradfahrer oft von Autos geschnitten und müssen deshalb nach rechts ausweichen. Auch stehen Autos zu weit recht und nehmen den Radfahrern den Platz.

    Foto: Tobias Denne
  • Die Bremer Straße, vom Albersloher Weg kommend, ist sehr eng. Durch die Verlagerung des Radweges auf die Straße wird diese zusätzlich verengt. So müssen Autofahrer teilweise den Radweg befahren, um dem Gegenverkehr ausweichen zu können. Das macht die Situation für Auto- und Fahrradfahrer gefährlicher.

    Foto: Tobias Denne
  • Die Vorfahrtregelung der Promenadenübergänge ist gefährlich und wird den Verkehrsströmen nicht gerecht. Das Nebeneinander von Zebrastreifen an dem die Autofahrer halten müssen und dem Vorfahrt achten der Fahrradfahrer ist unsinnig, verwirrend und gefährlich.

    Foto: Tobias Denne
  • Die Kopfsteinpflaster sind nicht nur für Radfahrer sehr unangenehm zu befahren. Auch beispielsweise für Menschen mit Kinderwagen oder Rollator ist es sehr schwer die Straße zu kreuzen. An den Markttagen ist der Prinzipalmarkt sehr voll und Gruppen, die die volle Breite der Straße ausnutzen oder Personen, die mitten auf der Straße ein Bild machen wollen, erschweren die Fahrt.

    Foto: Jan Hullmann
  • Autofahrer blockieren oft die Radwege in der Stadt, um die Straße einsehen zu können.

    Foto: Jan Hullmann
  • Der Radweg am Hansaring ist vom Albersloher Weg bis zur Star-Tankstelle immer von Autos zugeparkt, bzw in der Breite halbiert. Überholen von langsameren Radlern ist dadurch unmöglich, wenn man nicht auf den sehr breiten Gehweg ausweichen möchte.

    Foto: Jan Hullmann
  • Der Radweg an der Piusallee ist durch die Baumwurzeln überall angehoben und dementsprechend sind die Pflastersteine locker, teilweise kaputt.

    Foto: Tobias Denne
  • Durch das beidseitige Parken ist die Unterführung für Radfahrer ein gefährliches und für Autofahrer ein nerviges Nadelöhr.

    Foto: Tobias Denne
  • Stadtauswärts auf Warendorfer Straße muss man nach der Kanalbrücke die Straße kreuzen. Auch der abgesenkte Bordstein kann jede Fahrradfelge beschädigen.

    Foto: Tobias Denne
  • Der Radweg der Hammer Straße stadteinwärts ist sehr eng.

    Foto: Mira Taylor
  • Die Ampelregelung ist unklar. Muss man hier bei Rot halten?

    Foto: Jan Hullmann
  • Zu Stoßzeiten an der Promenade ist es sehr unübersichtlich und gefährlich.

    Foto: Mira Taylor
  • Auf der Warendorfer Straße in Richtung Schiffahrter Damm ist die Ampelschaltung sehr ungünstig. Spätestens wenn man links in den Schiffahrter Damm einbiegen will, muss man die Ampelschaltung umfahren, um die nächste grüne Radfahrerampel nutzen zu können.

    Foto: Tobias Denne
  • Es fehlt ein Radweg im Hamburger Tunnel. Zu Stoßzeiten müssen sich Fahrradfahrer zwischen den Menschen durchschlängeln, obwohl der Tunnel breit genug ist.

    Foto: Tobias Denne
  • In der Kurve kurz vor der Ampel Richtung Wolbecker Straße fahrend, schneiden Autofahrer regelmäßig den Radweg. Die Markierung des Fahrradweges ist sehr schlecht sichtbar.

    Foto: Tobias Denne
  • Ampel zeigt für Radfahrer selbst dann rot, wenn gar kein Verkehr kreuzen kann, weil das Tor bei Brillux geschlossen ist.

    Foto: Jan Hullmann
  • Die Ampelschaltung ist sehr verwirrend, da rechtsabbiegende Fahrzeuge glauben, sie hätten freie Fahrt. Gefährlich für Radfahrer.

    Foto: Mira Taylor
  • Der Radweg ist zu eng und die Ampel für Radfahrer überflüssig.

    Foto: Mira Taylor
  • Wenn man den Ring an der roten Ampel am Aasee  überquert, ist nicht eindeutig geregelt, ob die neben dem Ring fahrenden Radler anhalten müssen.

    Foto: Mira Taylor
  • Hier fehlt eine Linksabbiergespur auf die Promenade für Radfahrer, die von der Steinfurter Straße aus kommen. Im Moment müssen Radler entweder die rote Ampel missachten oder sich auf den Fußgängerweg stellen.

    Foto: Mira Taylor
  • In den Bahnunterführungen ist es extrem eng.

    Foto: Jan Hullmann
  • Geh- und Radweg sind hier sehr eng. Dazu stehen Laternenmasten im Weg. Kommen Leute mit Einkaufswagen aus dem Supermarkt, wird es brenzlig.

    Foto: Tobias Denne
  • Richtig eng wird es für Fußgänger und Radfahrer, wenn (wegen fehlender Abstellmöglichkeiten) vor den Cafés noch Fahrräder auf dem Gehweg parken.

    Foto: Jan Hullmann
  • Der Zustand des Radweges ist durch Baumwurzeln sehr schlecht. Radfahrer weichen auf die Fahrbahn aus. Zusätzlich ist hier viel Verkehr zu den Uni-Sportanlagen und der Radweg dafür zu eng.

    Anmerkung: Dieser Bereich wurde im Frühjahr 2017 umgebaut. Radfahrer fahren dort jetzt auf der Straße.

    Foto: Mira Taylor
  • Hier ist es unklar, ob man an Fußgängerampeln halten muss oder nicht.

    Foto: Jan Hullmann
  • Diese Stelle ist viel zu eng für die Menge an Radfahrern und Fußgängern. Die Rotphase dauert sehr lang und die Vorfahrt ist durch fehlende Markierungen ungeklärt.

    Foto: Mira Taylor
  • Hier fehlt eine Linksabbieger-Regelung. Zuerst muss man sich an die Autoampel halten und dann über die Fußgängerampel fahren. Fahrradfahrer sollten nicht an der Autoampel halten müssen.

    Foto: Mira Taylor
  • Besonders zu den Stoßzeiten gibt es einen absoluten Mangel an Abstellmöglichkeiten. Die Fahrräder werden auf dem grünen Streifen zwischen Radweg und Straße, oder aber am Geländer zum Aasee abgestellt, sodass es sehr eng, chaotisch und gefährlich wird.

    Foto: Mira Taylor
  • Diese Einfahrt zum Schlossparkplatz ist bei jedem Event gesperrt. Trotzdem muss man an der roten Ampel halten, obwohl niemand kreuzen kann. Und auch sonst wird die Einfahrt fast nie genutzt. Die Ampel ist unnötig.

    Ein anderer Leser widerspricht: Morgens trifft dort der Berufsverkehr mit den Schülern zusammen, sowohl der Querverkehr als auch der geradelaufende Verkehr könnte ohne rote Ampel nicht gefährdungsfrei abbiegen. Außerdem ist diese Einfahrt - auch bei Veranstaltungen - nie komplett gesperrt.

    Foto: Mira Taylor
  • An DER Hauptroute für Radfahrer ist an den meisten Kreuzung Vorfahrt achten. Zu Stoßzeiten blockiert der an Zebrastreifen wartende Verkehr die Straße, es ist eng und unübersichtlich.

    Foto: Tobias Denne
  • Die Schillerstraße ist offiziell eine Fahrradstraße. Durch die am Rand parkenden Autos aber so eng, dass man von überholenden Autos arg bedrängt wird.

    Foto: Tobias Denne
  • Dadurch, dass man sehr schlecht die Straße einsehen kann, müssen Autos auf den Radweg fahren. Fahrradfahrer müssen dann ausweichen.

    Foto: Jan Hullmann
  • Autofahrer, die aus den Seitenstraßen kommen, blockieren vorm Abbiegen den Radweg.

    Foto: Tobias Denne
  • Radfahren müsste in Fußgängerzonen länger erlaubt sein. Bis 10 Uhr, abends und sonntags sind nur wenige Fußgänger unterwegs.

    Foto: Tobias Denne
  • Für Radfahrer ist die Jüdefelder Straße eine gute Querverbindung. Warum ist sie als Einbahnstraße nicht für Radfahrer in beiden Richtungen befahrbar?

    Foto: Mira Taylor
  • Die Einbahnstraße ist für Radfahrer nicht beidseitig befahrbar. Warum?

    Foto: Tobias Denne
  • Eine Möglichkeit von der Promenade nach links in Richtung Bült abzubiegen, fehlt. Die Verkehrsführung zwingt einen, abzusteigen und Umwege zu gehen.

    Foto: Tobias Denne
  • Um Konflikte mit rechtsabbiegenden Fahrzeugen zu vermeiden, wurde die Ampelschaltung geändert. Das Ergebnis: Die Grünphase für Radfahrer wurde gekürzt.

    Foto: Jan Hullmann

Beispiel Kreuzviertel: Gerade vor Studentenhäusern, in denen immer wieder die Mieter wechseln, befinden sich zum Teil regelrechte Fahrradberge auf dem Bürgersteig. Es gibt Stellen, an denen nicht einmal mehr die Hälfte der Räder fahrtüchtig ist. Für Fußgänger, Menschen mit Rollator, Kinderwagen gibt es oft kein Durchkommen.

Doch solche Räder darf das Ordnungsamt nicht einfach abräumen, stellt Schulze-Werner klar. „Es muss völlig klar sein, dass das Rad nicht mehr benutzbar ist.“ Wenn ein Sattel fehle oder keine Luft auf den Reifen ist, sei es nicht automatisch herrenlos. „Nehmen wir solche Räder mit, dann kann es sein, dass wir Schadensersatz zahlen müssen.“

Weiterverarbeiten oder einschmelzen

Kein Lenker, keine Kette, nicht abgeschlossen: Bei solchen Rädern sei der Fall hingegen klar. Solche Drahtesel werden mitgenommen, an der Fundstation abgegeben, eventuell weiterverarbeitet oder direkt eingeschmolzen. Das passiert pro Woche „fünf bis zehn Mal“, sagt er.

So bleibt ihm nicht mehr, als an Hausbesitzer und Hausbewohner zu appellieren, sich selbst um Schrotträder vor ihren Türen zu kümmern. „Mehr ist nicht drin“, stellt er resigniert fest. Zumindest nicht, so lange es keine gesetzlichen Möglichkeiten für die Stadt gibt, den Fahrradverkehr zu regeln. Doch die seien nicht absehbar, sagt Schulze-Werner – weil das Problem nur wenige Städte in Deutschland so stark betreffe wie Münster .

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3598417?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F4847834%2F4847836%2F
Vorfreude auf den Demo-Tag
Selmar Ibrahimovic, hat die Demo in Warendorf mitorganisiert.
Nachrichten-Ticker