Lebensmittelverschwendung
„Blätter nehme ich auch“

Zehn Millionen Tonnen Lebensmittel landen einer Studie des World Wide Fund For Nature (WWF) zufolge pro Jahr in Deutschland im Müll, obwohl diese Verschwendung vermeidbar wäre, etwa durch veränderte Konsumgewohnheiten und besseres Management. Initiativen versuchen dem großen Wegschmeißen zuvorzukommen. Ein Besuch bei freiwilligen Lebensmittelrettern in Münster.

Samstag, 05.12.2015, 10:12 Uhr

Vier junge Münsteraner marschieren mit Rucksäcken hintereinander quer durch einen Bio-Supermarkt. Die drei Frauen und ein Mann laufen bis zum Lager durch, an dessen Eingangstür sie schon ein Mitarbeiter freundlich begrüßt. Er winkt sie durch in den Bereich, zu dem sonst nur Mitarbeiter Zugang haben. Er weiß: Jeden Montagnachmittag kommen freiwillige Lebensmittelretter der Initiative Foodsharing und nehmen mit, was weder Mitarbeiter noch Kunden haben wollten: Obst und Gemüse mit verfärbten, matschigen und sogar fauligen Stellen.

Gegen das große Wegwerfen

Hinter aufgestapelten Plastikkisten holen die Lebensmittelretter drei Kisten mit aussortiertem Grünzeug hervor. Sie stellen sie auf den Betonboden, daneben zwei leere Behälter, und fangen an, die genießbaren von den ungenießbaren Lebensmitteln zu trennen. „Wenn ich mehr als die Hälfte wegschneiden muss, lasse ich es hier“, sagt Linda Kotzian. Angeschimmeltes nehme die Foodsharing-Botschafterin überhaupt nicht mit, erklärt sie zwei Neulingen im Team.

Zahlen und Fakten

► mehr als 18 Mio. Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland pro Jahr im Müll

► davon wären zehn Mio. Tonnen vermeidbar gewesen

► das Vermeidungspotenzial liegt mit fast fünf Mio. Tonnen beim Endverbraucher am höchsten

► weitere fünf Mio. Tonnen liegen bei den Großverbrauchern

► für diese zehn Mio. Tonnen wurden umgerechnet jährlich 2,6 Mio. Hektar Ackerfläche „umsonst“ bewirtschaftet

► und fast 48 Mio. Tonnen Treibhausgase ausgestoßen

► 30 Prozent an Möhren und ca. zehn Prozent an Äpfeln werden in Deutschland erst gar nicht geerntet.

www.wwf.de

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Geplatzte Tomaten, glitschige Salatblätter und wabbelige Gurken wandern mit spitzen Fingern in den Korb, der später entsorgt wird. Der andere Korb mit Essbarem füllt sich schnell – mit Paprika, Zitronen, Salatköpfen, Granatäpfeln, Kartoffeln, hier und da einer Avocado und sehr viel Grünkohl. „Einzelne Blätter nehme ich auch“, sagt Linda Kotzian. „Aus zermatschten Früchten mache ich Smoothies.“

Was die Freiwilligen für den eigenen Verzehr nicht verwenden können – immerhin müssen sie die Lebensmittel schnell verarbeiten – bringen sie in öffentliche Verteiler in der Stadt, an denen sich jeder bedienen kann, sowie zu Einrichtungen, die Interesse daran haben.

Als drei Kisten aussortiert sind, fangen die vier an, untereinander aufzuteilen. „Möchte jemand eine Avocado?“, fragt Linda Kotzian. Vom Grünkohl möchte sie nichts mehr haben. „Den kann ich nicht mehr sehen.“ Zu oft habe sie das Wintergemüse in den letzten Wochen schon gerettet. Stattdessen stopft sie den Kohl in ihren Rucksack, mit dem sie später noch bei der Redaktion der Obdachlosen-Zeitschrift „Draußen“ vorbeifahren wird. „Die können da noch einen schönen großen Eintopf draus machen.“

Die anderen füllen sich ebenfalls ihre Tüten. Das Mitgenommene ersetze ungefähr eine große Mahlzeit, so die 27-jährige Kunstgeschichtsstudentin. Nach solch einem Rettungseinsatz gibt es in der WG von Philosophiestudent Jörn Elgert meistens eine Gemüsepfanne. „Aber es geht nicht darum, die Lebensmittel für Lau zu bekommen“, bekräftigt Kotzian. Vielmehr freue sie sich, etwas gegen die Wegschmeißkultur zu unternehmen. Zudem reduzieren die Retter den Müll der Betriebe. Diese erhalten von der Foodsharing-Initiative außerdem Aufkleber, mit denen sie werben können.

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