Initiative Foodsharing
„Immer mehr Betriebe kommen auf uns zu“

Raphael Fellmer setzt sich seit Jahren gegen Lebensmittelverschwendung ein. Er ist Mitbegründer der Initiative Foodsharing, die freiwillige Lebensmittelretter mit Produzenten und Märkten zusammenbringt. Zudem lebte der Vater von zwei Kindern fünf Jahre im Geldstreik. Mit seinem Buch „Glücklich ohne Geld!” kommt der Berliner am 14. Dezember um 19 Uhr ins Gleis 22 in Münster.

Samstag, 05.12.2015, 10:00 Uhr aktualisiert: 08.12.2015, 15:36 Uhr
Raphael Fellmer kommt nach Münster.
Raphael Fellmer kommt nach Münster. Foto: Patrick Lipke

Sie haben 2009 vor Ihrer Reise von Holland nach Mexiko per Anhalter und ohne Geld mit dem Containern angefangen, haben also nachts illegal weggeworfenes Essen aus Tonnen von Supermärkten geholt. Was ist Ihnen dabei klar geworden?

Fellmer: Ich habe erlebt, wie unglaublich krass die Lebensmittelverschwendung nicht nur in Europa, sondern weltweit ist. Je nach Land werden zwischen 30 und 50 Prozent der Lebensmittel vernichtet. Dabei sind nicht nur Backwaren, Obst und Gemüse, sondern auch Zahnpasta, Aufstriche, Trockenwaren, Klamotten. Alles, was im Supermarkt verkauft wird, wird früher oder später weggeschmissen.

Wie sind Sie überhaupt auf’s Containern gekommen?

Ich habe einen Film über Lebensmittelverschwendung geguckt, konnte es nicht glauben und wollte persönlich erleben, ob das wirklich stimmt. Dann war ich schockiert, dass das so viel ist

War Nahrung beschaffen Ihre Hauptbeschäftigung? Ich stelle mir das sehr zeitintensiv vor.

Auf der Reise mussten wir natürlich drei Mal am Tag etwas essen, da haben wir in Restaurants, an Marktständen und Supermärkten gefragt oder sind direkt zu den Tonnen gegangen. In Berlin war es einfacher: Da hatte ich meine drei Supermärkte, wo ich auch wusste, wann da am meisten zu holen ist. Das war auf jeden Fall zeitaufwendig. Man muss die Sachen ja auch noch waschen. Das wurde dann weniger, als ich das ab 2012 legal machen konnte. Durch Kooperationen mit Supermärkten konnte ich auch tagsüber retten und musste nicht mehr in Tonnen rumwühlen. Ich habe die Sachen erhalten, bevor Mitarbeiter sie wegschmissen. Dadurch wurde es weniger zeitintensiv.

Da war alles dabei, was Sie und Ihre Familie brauchten?

Fast. Müsli oder Öl waren schwierig. Wir hatten aber Mitbewohner, bei denen wir mitessen durften. Meine Frau Nieves hat auch mal etwas gekauft. Aber das war sehr selten.

Dann haben Sie die Foodsharing-Plattform gebaut.

Vorher habe ich noch mit dem Lebensmittelretten begonnen und ein Team in Berlin aufgebaut. Das wurden dann immer mehr. Dann hab ich von Foodsharing gehört und mich drum gekümmert, dass das bekannter wird. Später hab ich dann mit einem Freund die Lebensmittelretten-Plattform gegründet, auf der das als Freiwilligenplattform von Foodsharing alles koordiniert und das Abholen realisiert wurde. Seit Dezember 2014 läuft das alles unter Foodsharing.de zusammen.

Wie viele machen bei Ihrer Initiative Foodsharing mit?

Fellmer: Wir sind da mittlerweile sehr gut aufgestellt, haben 14.000 Betriebe angesprochen, von 2000 holen wir regelmäßig Lebensmittel ab, darunter konventionelle ebenso wie Bio-Supermärkte, Kantinen, Gastronomen, Produzenten, viele kleine, aber auch sehr große Betriebe. 11.000 ehrenamtliche Lebensmittelretter haben bisher 2,7 Millionen Kilogramm Nahrungsmittel gerettet. Wir haben schon 200.000 Abholungen gemeistert und jeden Tag kommen knapp 1000 dazu.

2000 Kooperationen von 14.000 angesprochenen Betrieben: Würden Sie die Quote als gut bezeichnen?

Fellmer: Ja, würde ich. Denn 2000 kooperieren mit uns und die anderen haben teilweise Kooperationen mit Tafeln oder schmeißen nichts weg. Dort müssen wir uns gar nicht erst um die Verschwendung kümmern. Zudem kommen immer mehr Betriebe auf uns zu. Wir sind sehr dankbar, dass sich das so verbreitet hat und dass die Initiative Food­sharing das verlässlich koordiniert. Die Quote könnte natürlich noch besser sein. Aber sie wächst ständig. Und irgendwo muss man ja mal anfangen.

Das heißt, die Märkte verlieren die Angst, durch die Abgabe von Lebensmitteln Kunden zu verlieren?

Fellmer: Die Angst gibt es teilweise, ist aber nicht berechtigt – und die meisten Betriebe wissen das auch. Sie schmeißen ja nur einen Bruchteil dessen weg, was sie verkaufen. Wenn ein Laden jeden Tag ein, zwei Einkaufswagen voll wegschmeißt, dann ist das zwar viel in unseren Augen. Auf der anderen Seite hat er am gleichen Tag 1000 Einkaufswagen verkauft. Prozentual gesehen ist das für einen Gesamtumsatz gar nicht so viel, in der Menge bei so vielen Betrieben aber dann doch.

Sie haben fünf Jahre im Geldstreik gelebt, nichts Neues gekauft. Was ist dennoch unverzichtbar für Sie?

Fellmer: Das Wichtigste ist der Computer. Das ist mein Arbeitswerkzeug, mit dem ich täglich zu tun habe und das mich zu Vortragsreisen und Konferenzen begleitet.

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