Kurden in Münster
Die Kinder der Flüchtlinge

Münster -

Metin Güler (27) ist Rechtsreferendar. Medya Yilmaz (24) berät Kunden bei der Sparkasse. Beide zeichnet ein Schicksal aus, an das sie sich kaum erinnern können: Ihre Eltern flohen in den 90er-Jahren aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Deutschland.

Samstag, 09.01.2016, 11:01 Uhr

DKGZ-Vorsitzende Medya Yilmaz (l., 24) und Metin Güler (27) sorgen sich um die kurdische Minderheit in der Osttürkei.
DKGZ-Vorsitzende Medya Yilmaz (l., 24) und Metin Güler (27) sorgen sich um die kurdische Minderheit in der Osttürkei. Foto: bn

Dort herrscht das Militär. Politische Verfolgung und Folter waren Alltag. Eine Geschichte, die heute die nächste Generation wieder einholt. Güler: „In der Türkei herrscht Bürgerkrieg – man fragt sich, warum alle darüber hinwegsehen.“

Fast eine Million Kurden kamen in den 90er-Jahren nach Deutschland. Im Münsterland, schätzt Medya Yilmaz, leben etwa 2000 bis 3000. Die 24-Jährige ist Vorsitzende des Demokratisch Kurdischen Gesellschaftszentrums (DKGZ).

Der junge Verein, sagt sie, habe über 100 Mitglieder und fällt bisher vor allem durch Demonstrationen gegen die Anti-Kurden-Politik der Regierung Erdogans in der Türkei auf.

Für die jungen Kurden liegt dieser Konflikt vor der digitalen Haustür. Yilmaz stammt aus Nusaybin, eine überwiegend kurdische Stadt, durch die die türkisch-syrische Grenze verläuft. Besuche dort sind derzeit nicht möglich. Aber natürlich hat sie Kontakt zu ihren Verwandten: „Seit den Sommerferien können die Kinder nicht mehr zur Schule gehen, die Lehrer wurden abgezogen.“

Seit Jahrzehnten schwelt in der Osttürkei der Konflikt zwischen Türken und Kurden. Hier die PKK-Kämpfer, dort die türkische Armee. In der Mitte Zivilisten, deren Häuser beschossen und belagert werden.

Bis zur vorletzten Parlamentswahl in der Türkei, die im Sommer stattfand, schien sich der Konflikt zu lockern. Es gab Verhandlungen, Annäherungen. „Die Kurden wollen einige Autonomierechte“, sagt Metin Güler, „zum Beispiel auch Schulunterricht in unserer Sprache.“

Als Premier Erdogan im Sommer die Wahl verlor und eine kurdische Partei respektable 13 Prozent holte, wurde die Gangart erneut verschärft.

Metin Gülers Familie stammt aus einem kleinen Dorf bei Erzurum in Ostanatolien: „Mein Onkel, meine Tante leben da, die Dorfgemeinschaft ist wie eine große Familie.“ Überall würden kurdische Politiker verfolgt, Städte vom Militär abgeriegelt, Bürgermeister verhaftet. Güler: „Es gibt Ausgangssperren, die Menschen riskieren, erschossen zu werden, wenn sie abends aus dem Haus gehen.“

Die jungen Kurden in Münster verfolgen die Lage über soziale Medien. Anatolien rückt dabei ganz nah. Und die Verschärfung des Konflikts beeinflusst auch alte Freundschaften. Metin Güler: „Mein bester Freund war ein Türke.“ Jetzt könne er sich kaum noch mit Türken „normal unterhalten“.

Was er von der Türkei fordert: Kommunale Selbstverwaltung für die Kurden wie in Deutschland, keine Gouverneure aus Ankara. Was er nicht versteht: „Die europäischen Länder schweigen – und man belohnt Erdogan noch mit Geld. Das ist eine Stille, die nicht hinnehmbar ist.“

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