Benediktiner plädiert für Jerusalem
Pater Nikodemus Schnabel: „Ich lebe nicht im Nahostkonflikt“

Münster -

Nikodemus Claudius Schnabel, 1978 in Stuttgart geboren, lebt seit 2003 als Benediktinermönch im Dormitio-Kloster in Jerusalem. Er berichtet offen von dem Hass, der ihm dort bisweilen begegnet – und schwärmt dennoch von der Stadt und ihren Menschen.

Dienstag, 26.01.2016, 21:01 Uhr

Pater Nikodemus Schnabel hat in den vergangenen Jahren viel Unerfreuliches erlebt. Er wurde bespuckt und beschimpft, die Mauern seines Klosters wurden beschmiert, das Auto beschädigt – und im Sommer gab es einen Brandanschlag auf das Filialkloster in Tabgha am See Genezareth. Dennoch: Wer den Pater fragt, wo er sein Leben verbringen will, hört nur eine Antwort: „Lebenslänglich Jerusalem. Es ist eine Gnade, dort leben zu dürfen.“

Er wird viel gefragt. Als Sprecher seines Klosters, der Abtei „Dormitio Beatae Mariae Virginis“ auf dem Zions­berg, sowie als Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken im Heiligen Land ist der 37-Jährige Benediktiner ein begehrter Gesprächspartner. Vor allem für Journalisten, die ihn als deutsche Stimme aus Jerusalem schätzen. Aber auch für Politiker, Diplomaten und Gruppen aus aller Welt, die von seiner Orts- und Menschenkenntnis profitieren.

Vorurteilen und Klischees begegnet er ständig. Ein Christ, ein Mönch, ein Deutscher noch dazu – das könne doch in der umstrittensten Stadt der Welt nicht gutgehen. Es geht gut, versichert Pater Nikodemus lebhaft: „Ich lebe nicht im Nahostkonflikt.“ Er empfiehlt Jerusalem ausdrücklich als Reiseziel: „In Gruppen ist man sicher, erst recht, wenn man als Tourist erkennbar ist.“

Es stimmt, die Spannung zwischen Juden, Muslimen und den zwei Prozent Christen hat zugenommen. Am eigenen Leib habe er den Hass jüdischer Extremisten gegen Christen erlebt. Für Pater Nikodemus ist das jedoch vor allem ein Anlass, Mitleid mit diesen „Hooligans der Religion“ zu haben – ein Begriff, den er in seinem aktuellen Buch „Zuhause im Niemandsland“ geprägt hat, und auf den er ein wenig stolz ist. Die Täter, gleich welcher Religion, seien Verführte – nicht auf der Suche nach Gott, sondern nach Halt im Leben. Wirklich gefährlich seien die Verführer, die Demagogen jeglicher Couleur.

Auf der anderen Seite gebe es im Heiligen Land eine große Mehrheit „wunderbarer Menschen“, bereit zu Dialog und Toleranz. Der Weihnachtsgottesdienst in seiner Abteikirche beispielsweise werde vor allem von Juden besucht – mit großer Neugier auf dieses populäre Hochfest. Und als Deutscher in Jerusalem habe der gebürtige Stuttgarter schon überhaupt keine Probleme: Deutschland sei in Israel ungeheuer populär, Angela Merkel sagenhaft beliebt, und von Berlin und der Bundesliga schwärmen alle.

Pater Nikodemus hält sich regelmäßig in der alten Heimat auf. Als „Außenminister“ seines Klosters sowie als Autor und Wissenschaftler; er ist unter anderem Direktor des „Jerusalemer Institutes der Görres-Gesellschaft” und Herausgeber der Reihe „Jerusalemer Theologisches Forum“ im Verlag Aschendorff. In dieser Reihe ist 2006 auch „Laetare Jerusalem“ zum 100-jährigen Ankommen der Benediktiner auf dem Zionsberg erschienen. Entstanden ist diese Festschrift in Münster, wo Pater Nikodemus rund ein Jahr lang am Borromäum lebte und Arabistik studierte: „Eine spannende Zeit.“

Für die gegenwärtige Verunsicherung der deutschen Gesellschaft hat Pater Nikodemus nur ein mildes Lächeln übrig: „Es gibt Herausforderungen, das will ich nicht kleinreden. Aber Deutschland geht es super. Der Adrenalinspiegel ist viel niedriger als in Jerusalem.“

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