Lärmserie: Interview mit Veit Muddemann aus der Stadtverwaltung
Tempo 30 hilft nur am Stück

Münster -

Tempo 30 hilft nur, wenn man es auf größeren Strecken einführt. Da ist sich Veit Muddemann sicher. Er ist in der Stadtverwaltung für den Lärmaktionsplan zuständig.

Freitag, 15.04.2016, 19:04 Uhr

Veit Muddemann beschäftigt sich im Umweltamt mit dem aktuellen Lärmaktionsplan.
Veit Muddemann beschäftigt sich im Umweltamt mit dem aktuellen Lärmaktionsplan. Foto: bn

Münsters Lärmaktionsplan , der jetzt in den Ratsgremien diskutiert wird, wurde städtischerseits durch das Tiefbauamt, die Verkehrsplaner der Stadt , das Ordnungsamt und das Umweltamt entwickelt. Veit Muddemann aus dem Umweltamt hat die Arbeit koordiniert. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning .

Um welchen Lärm geht es beim Lärmaktionsplan?

Muddemann: Es geht nur um Lärm der von Verkehrstrassen und Industriebetrieben ausgeht. Lärm durch Sport, Musik, Kneipen wird nicht geregelt.

Lärm wird unterschiedlich wahrgenommen. Ab wann wird er für Sie relevant?

Muddemann: Ab der von der Weltgesundheitsorganisation und dem Umweltbundesamt definierten Gesundheitsschwelle. Das sind tagsüber 65 Dezibel (dB), nachts 55. Als enteignungsgleiche Eingriffsschwelle ist von Gerichten aber schon 70 dB als Tag- und 60 dB als Nachtwert festgelegt worden. Da liegen nur fünf Dezibel dazwischen, das klingt wenig. Bedeutet aber einen großen Unterschied.

Welche Wirkung hätte denn Tempo 30.

Muddemann: Bei einer Reduzierung von 50 auf Tempo 30 mindert sich der Lärm um drei Dezibel. Diese Größenordnung könnten wir auf andere Weise nur erreichen, wenn wir den Verkehr halbieren. Sie merken, mit Zahlen ist das gar nicht so einfach zu fassen.

Tempo 30. Reicht allein der Tritt auf die Bremse?

Muddemann: Nein, die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Der Verkehr muss gleichförmig fließen. Wenn ich nur kurze Abschnitte mit Tempo 30 habe, muss ich häufig bremsen und anfahren. Der nachfolgende Verkehr auch. Da haben wir den Staueffekt, den wir von Autobahnen kennen, wenn dort aus dem „Nichts“ Staus entstehen.

Also Stückelung funktioniert nicht?

Muddemann: Nein, kurze Abschnitte sind nicht zielführend. Damit werden wir nur geringere Verbesserungen für die Bewohner erreichen. Auf der Schadstoffseite werden die Effekte gering bis gar nicht vorhanden sein. Darum haben wir ein zusammenhängendes Straßennetz vorgeschlagen und stellen es zur Diskussion.

Anderere Städte haben Erfahrungen mit Tempo-30. Münster ist bisher die einzige Stadt, die das zusammenhängende Netz vorschlägt. Warum?

Muddemann: Das machen wir nicht, weil wir Spaß daran haben. Wir halten das für ein sinnvolles Konzept für Verkehrsteilnehmer, die ein durchgängiges, und nachvollziehbares Netz erwarten. Ganztägig Tempo 30 gehört auch dazu. Eine Differenzierung von Tempo-30-Straßen nur tagsüber oder nur nachts würde die Akzeptanz nicht fördern.

Kaum ist der Entwurf des Lärmaktionsplanes da, gibt es Kritik von der Feuerwehr, die an einigen Straßenzügen, etwa der Geiststraße fürchtet, dass sich Rettungszeiten ändern. Was tut man da?

Muddemann: Das ist für uns ein wichtiges Anliegen. Es wird in jedem Fall eine Testphase und eine Untersuchung geben. Und die Fragestellung, wie sich dann die Rettungszeiten ändern, wird dabei eine Rolle spielen.

Wieviele Menschen in Münster sind von gesundheitsschädigendem Lärmpegel beeinträchtigt?

Muddemann: Wenn wir die Gesundheitsschwelle zugrunde legen, sind das über 13 000.

Lärm wird ja unterschiedlich empfunden. Manche nervt schon der Mähroboter beim Nachbarn. Wie sehen Sie das?

Muddemann: Lärm ist nicht gleich Lärm, es kommt auch darauf an, wie wir zu dem Lärm stehen. Für unsere Zwecke wird Lärm berechnet, selten gemessen. Das sind dann Mittelpegel, also statistische Größen, die ein mittleres Niveau spiegeln. Lärmspitzen werden damit nicht gesondert erfasst.

Werden nicht die Menschen gerade durch die Spitzenwerte genervt?

Muddemann: Genau das ist das Thema für Leute, die an übergeordneten Straßen wohnen. Oder in schönen Landschaften, wenn da Motorradfahrer vorbeiziehen. Laute Motorräder, sportive Autos, Lkws, das nehmen die Leute wahr. Tempo 30 bietet in Innenstädten eine gute Möglichkeit, das zeigen viele Untersuchungen der letzten Jahre, die Spitzenpegel zu senken. Da kommt man nicht mehr über 65 bis 70 Dezibel.

Bei Tempo 30 lässt es keiner knattern?

Muddemann: Ja, da werden die Pegel geglättet. Aber nur, wenn der Verkehr flüssig läuft.

Ist der Zugverkehr auch ein Thema für sie?

Muddemann: Ja, aber mehr ein grundsätzliches. Da hat es schon Sanierungsbemühungen der Bahn gegeben. Wir haben erhebliche Meterzahlen an Lärmschutzwänden. Außerdem hat die Stadt hier wenig Einflussmöglichkeiten.

Temporeduzierung ist das eine. Viele Anwohner wünschen sich Flüsterasphalt. Wie steht es damit?

Muddemann: Unser Tiefbauamt ist sehr bemüht, einige Bereiche mit lärmarmen Asphalt zu versehen, wenn es mölich ist. Da gab es schon den Wunderasphalt aus Düsseldorf, LOA 5d. Der ist als Standardbelag durchgefallen. Einmal weil er sehr spezielle Wetterbedingungen zum Aufbringen erfordert. Andererseits hält er nicht so lange und die Wirkung lässt schnell nach. Wir verwenden andere Beläge, je nachdem, welche Belastung auf der Straße vorhanden ist.

Die Leute fanden es trotzdem gut, wenn sie Flüsterasphalt hatten?

Muddemann: Ja, die Wirkung ist von Anliegern und Autofahrern als positiv empfunden worden.

Machen Sie mit

Verkehrsberuhigung, Tempo 30, Flüsterasphalt, Lärmaktionsplan – das sind Schlagworte aus einer Debatte über den Lärm in unseren Städten. Unsere Zeitung widmet sich in einer Serie dem Lärm-Problem in Münster. Schreiben Sie uns über Ihre Erfahrungen. Wo sehen Sie Lärmgefahren? Wo gibt es Lösungen? Wie sind Sie persönlich durch Lärm beeinträchtigt? Mail an: laerm@zeitungsgruppe-muenster.de.

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