Lärmserie: Was der Krach mit dem Ohr macht
Die Psyche spielt mit

Münster -

Dr. Hendrik Berssenbrügge ist ein Experte für das Ohr. Hier sagt er, was der Lärm in uns auslöst.

Samstag, 07.05.2016, 13:05 Uhr

Oberarzt in der UKM-Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde: Dr. Hendrik Berssenbrügge.
Oberarzt in der UKM-Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde: Dr. Hendrik Berssenbrügge. Foto: Matthias Ahlke

Münsters Politik diskutiert über den Lärmaktionsplan . Aber wie wirkt sich Lärm eigentlich aus? Dr. Hendrik Berssenbrügge (39) ist Oberarzt an der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am UKM. Redakteur Günter Benning sprach mit ihm über die medizinischen Folgen des Krachs .

Schäden am Ohr sind ihr Alltag?

Berssenbrügge: Ja, wir werden im Alltag mit Schwerhörigkeiten konfrontiert, die durchaus auch lärmbedingt sein können.

Bei Schwerhörigkeit assoziiert man leicht Senioren mit Hörgeräten. Kommt sie automatisch mit dem Alter?

Berssenbrügge: Häufig ist, dass sie mit Alterungsprozessen im Innenohr, an den Sinneszellen zu tun hat. Das spielt bei vielen Menschen im Alter eine Rolle, ähnlich wie beim Sehvermögen. Aber nicht jeder entwickelt eine solche Schwerhörigkeit, dass man auch ein Hörgerät bräuchte.

Welche Rolle spielt dabei die Lärmbelastung?

Berssenbrügge: Das ist ein Faktor, der eine Rolle spielt. In Deutschland haben wir Millionen Menschen, die im Beruf einer Lärmbelastung ausgesetzt sind, bei einigen führt dies zur Schwerhörigkeit. Bei vielen Personen lässt sich aber nicht klären, inwieweit Diskothekenbesuche und laute Musik diesen Prozess mitbeeinflussen. Das sind Prozesse, die über Jahrzehnte schleichend ablaufen.

Die Kausalität kann man also nachträglich nicht herleiten?

Berssenbrügge: Stimmt. Aber es gibt Berechnungen darüber, dass im Verhältnis zum lauten Musikhören gewisse Höreinschränkungen zu erwarten sind, die nicht reparabel sind.

Viele Menschen tragen heute Kopfhörer. Hat das zu einer Verschlimmerung des Hörvermögens geführt?

Berssenbrügge: Bislang gibt es keine direkten Erkenntnisse dazu. Es hängt sicher davon ab, wie lange man die Stecker verwendet. Und wie laut sie sind. Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, über Kopfhörer Musik zu hören, aber die Lautstärke darf nicht unverhältnismäßig hoch sein. Dann sind Schäden zu erwarten.

Die Menschen gehen freiwillig in die Diskothek, wo man von den Bässen weggepustet wird. Was wird eigentlich als zu laut empfunden?

Berssenbrügge: Es spielt eine Rolle, ob der Lärm vermeidbar ist. Oder nicht – wie bei Personen, die kontinuierlichem Verkehrslärm ausgesetzt sind. Die Psyche spielt da mit. Der Besuch einer Tanzveranstaltung ist positiv assoziiert, Straßenlärm nicht. Maschinenlärm oder Verkehr kann man nicht einfach abstellen.

Lärm wird in Dezibeln gemessen. Was ist zumutbar?

Berssenbrügge: Für Arbeitsplätze gibt es eine sehr klare Regel. Über 85 Dezibel gilt als gesundheitsgefährdend für das Ohr. Dort sind Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, da ist Gehörschutz nötig. Es gibt Bestrebungen, dass man das vergleichbar für Freizeitveranstaltungen weiterführt. In der Schweiz und Österreich ist das teilweise so. Den Besuchern wird zumindest Gehörschutz angeboten. Aber da sind die Grenzwerte höher, weil der Zeitraum der Belastung ja nicht so lang ist wie bei der Arbeit.

Lärm scheint auch einen besonderen Reiz zu haben. Es wummert so schön. Was passiert da?

Berssenbrügge: Über Lärm werden hormonelle Veränderungen angestoßen, das führt zur vermehrten Ausschüttung von Adrenalin und Cortison. Da kann eine Euphorisierung stattfinden. Man beobachtet aber besonders in Untersuchungen von Schlaf, dass diese Faktoren eine Rolle bei Schlafstörungen spielen.

Haben Sie heute vermehrt mit Hörschäden zu tun?

Berssenbrügge: Man sieht eine gewisse Verschiebung durch konsequentere Vorsorgemaßnahmen bei der Arbeitssicherheit. Was die Arbeit angeht, gehen Lärmschwerhörigkeit durch in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurück. Das ist eine positive Entwicklung. Demgegenüber scheint es so sein, dass Verkehrs- und Freizeitlärm eine größere Rolle spielen und dass die Masse der Bevölkerung eher stärker von Lärm betroffen ist. Vermutlich wird die Zahl der Lärmgeschädigten zunehmen.

Lärm hat psychische Wirkung. Was können Sie dazu sagen?

Berssenbrügge: Wir sehen, dass Schwerhörigkeit nicht selten mit Ohrgeräuschen einhergeht. Die Ohrgeräusche werden von einzelnen Betroffenen als sehr unangenehm empfunden, oft als unangenehmer als die Schwerhörigkeit selbst. Das führt zu Konzentrationsproblemen, Nervosität, Reizbarkeit. Das mindert die Lebensqualität.

Die Technik der Hörgeräte hat sich drastisch verbessert. Wo führt das hin?

Berssenbrügge: Für die Mehrzahl der Betroffenen sind Hörgeräte die Mittel der Wahl. Durch die Digitalisierung gibt es deutliche Fortschritte. Aber ein gutes Ohr können sie leider auch nicht ersetzen.

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