Sucht- und Jugendhilfeexperten beraten im Landeshaus
Kinder leiden unter der Sucht

Münster -

280 000 Kinder von Suchtkranken leben allein in Westfalen-Lippe. Wer Sucht in seiner Kindheit erlebt, wird als Erwachsener nicht selten selber abhängig oder psychisch krank.

Mittwoch, 11.05.2016, 08:05 Uhr

Haben die Probleme von Kindern suchtkranker Eltern im Visier: Frank Schulte Derne und Nadja Wirth vom LWL.
Haben die Probleme von Kindern suchtkranker Eltern im Visier: Frank Schulte Derne und Nadja Wirth vom LWL. Foto: bn

Wer Sucht in seiner Kindheit erlebt, wird als Erwachsener nicht selten selber abhängig oder psychisch krank. „30 Prozent der betroffenen Kinder“, sagt Frank Schulte-Derne von der LWL-Koordinationsstelle Sucht, „entwickeln eine Sucht-Erkrankung.“ Andere leiden zum Beispiel unter Depressionen.

Die Dimensionen dahinter sind erheblich. Allein in Westfalen-Lippe schätzen Experten die Zahl der Kinder von Suchtkranken auf 280 000. 40 Prozent der Fälle im Rahmen der „Hilfen zur Erziehung“ stammen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil Alkoholprobleme hat.

Jugendliche nehmen sich oft ihre Eltern zum Vorbild. Im Guten wie im Schlechten. Wenn Eltern regelmäßig und übermäßig Alkohol trinken oder andere Drogen konsumieren, erleben sie das als Normalität. Das Risiko, ein ähnliches Verhalten zu entwickeln, sagt Nadja Wirt vom Landesjugendamt, die mit Schulte-Derne eine Fachtagung zum Thema im Landeshaus moderierte, „ist zu vergleichen mit Jugendlichen, die Gewalt ausgesetzt waren.“ Auch sie neigen als Erwachsene eher zur Gewalt.

Etwa 100 Experten beleuchteten das Thema am Dienstag aus verschiedenen Blickwinkeln. Wichtig wären koordinierte Hilfekonzepte, die den Kinderschutz im Visier haben, aber auch den suchtkranken Eltern Unterstützung bieten. Nur im Extremfall sollte es dazu kommen, dass Kinder aus ihren Familien genommen und in Einrichtungen der Jugendhilfe einquartiert werden.

Oft dauere es lange, bis bei Jugendlichen Suchtverhalten erkannt werde, sagt Nadja Wirth . Eine Alkoholabhängigkeit entwickele sich über bis zu 15 Jahre, bis es zu Ausfallerscheinungen und Auffälligkeiten komme. Symptomatisch dafür ist auch, dass eine Teilnehmerin aus einer LWL-Suchtklinik berichtetete, dass in ihrer Einrichtung 90 Prozent der Patienten wegen Cannabis-Konsums eingewiesen würden, nur zehn Prozent wegen des Missbrauchs von Alkohol oder Amphetaminen. Offenbar würden Eltern bei den möglichen Cannabisfolgen wie Depression, Apathie oder Leistungsabfall eher hellhörig.

Zahlreiche Referenten aus Sucht- und Jugendhilfe zeigten Wege auf, wie effektive Hilfe organisiert werden kann. Häufig nämlich, so die Organisatoren, agieren beide Systeme nebeneinander. Suchtprobleme werden so oft nicht erkannt, beispielsweise, wenn Kinder aus einer Einrichtung fliegen, weil sie gegen das Alkoholverbot verstoßen haben.

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