„Bierkrieg“ in Münster 1895
Die Menge rief: Bier her, Bier her!

Versetzen wir uns einmal zurück an einen Abend im Oktober 1895 in Münster, also vor gut 120 Jahren. Die Wohnungen waren klein und eng und trotzdem von einer Vielzahl von Personen bewohnt. Es gab noch kein Kino und kein Fernsehen. Erholung nach schwerer Tagesarbeit fanden die meisten in einer Gaststätte, wo man sich mit Nachbarn und Freunden treffen konnte.

Samstag, 21.05.2016, 05:05 Uhr

„Bierkrieg“ in Münster 1895 : Die Menge rief: Bier her, Bier her!
Münsters "Gute Stube" wirkt heute so friedlich auf seine Gäste: Vor 120 Jahren war er Schauplatz nächtlicher Krawalle. Ausgelöst wurden diese durch eine umstrittene Sperrstundenverordnung. Foto: Oliver Werner

Nun hatte 1885 die Stadt Essen einen Fragebogen an 130 andere Städte versandt, in welchem gefragt wurde nach Einwohnerzahl, Anzahl der Hotels, Herbergen, Schankwirtschaften und so weiter. Münsters damaliger Oberbürgermeister Theodor Scheffer-Boichorst (1879-1885) ließ sorgfältig ermitteln und sandte den gewissenhaft ausgefüllten Fragebogen nach Essen zurück. Nach der Auswertung ergab sich, dass Münster an dritter Stelle bei der Zahl der Gaststätten pro Einwohner stand. Bei ungefähr 44.000 Einwohnern zählte man in Münster 1885 etwa 370 Wirte! Auf 1000 Einwohner seien 6,4 Gaststätten gekommen – der Durchschnitt in Preußen lag bei nur 4,8 Einwohnern.

Wer in einer Schankstube über die Polizeistunde hinaus verweilt, wird mit Geldstrafe bis zu 15 Mark bestraft.

Aus einer Polizeiverordnung, 1895

Diese Zahlen hielt die münsterische Obrigkeit in mehrfacher Hinsicht für alarmierend: Einmal stand das Wirtshaus unter dem Generalverdacht, zur sittlichen Verrohung beizutragen; zum anderen wurde unterstellt, die Wirtshäuser würden zur Stärkung der sozialistischen Bewegung beitragen, die als staatsfeindlich galt. Ferner sah der Regierungspräsident seine Aufgabe darin, durch eine frühe Sperrstunde die Arbeitskraft der werktätigen Bevölkerung für den nächsten Morgen zu erhalten.

Regierungspräsident Hermann Schwarzenberg erließ schließlich am 27. Februar 1895 folgende Polizeiverordnung: „Wer in einer Schankstube oder an einem öffentlichen Vergnügungsorte über die gebotene Polizeistunde hinaus verweilt, ungeachtet der Wirt, sein Vertreter oder ein Polizeibeamter ihn zum Fortgehen aufgefordert hat, wird mit Geldstrafe bis zu 15 Mark bestraft. Die Polizeistunde wird hierdurch für Städte auf 11 Uhr (...) festgesetzt. (...) “

Diese Verordnung wurde von Oberbürgermeister Dr. Karl Windthorst am 21. September 1895, also ein halbes Jahr später, noch einmal in Erinnerung gebracht. Es wurde angekündigt, dass mit Ende des Monats September alle bisherigen Ausnahmen zwecks Verlängerung der Polizeistunde in Wegfall kämen und die Festsetzung der Polizeistunde auf 11 Uhr abends endgültig in Kraft treten werde.

Den Münsteranern ging diese Anordnung, die gegen alte Gewohnheiten verstieß, erheblich zu weit und wurde als Eingriff in die persönliche Freiheit gesehen. Unter den Besuchern der Kneipen machte sich wachsender Unmut breit. Eine kriselnde Spannung breitete sich aus, als die Nacht zum 1. Oktober nahte, in der die neue Sperrstundenverordnung in Kraft treten sollte.

Appels Altbier-Küche

Appels Altbier-Küche an der Neubrückenstraße zählte damals zu den beliebten Kneipen der Stadt Münster. Foto: Sammlung Stoffers

An diesem Abend, einem Montag, betrat pünktlich um 23 Uhr Polizeiwachtmeister Mausberg, seit der Kulturkampfzeit ohnehin bei den Münsteranern in unguter Erinnerung, Appels Altbierküche in der Neubrückenstraße und verkündet laut: „Feierabend!“ Einige gingen nach Hause, die meisten Gäste verkrümelten sich in den dunklen Garten hinter dem Haus.

Auf seinem weiteren Weg traf Mausberg auf einen Trupp Studenten. Jeder von denen hatte ein mehr oder weniger volles Bierglas in der Hand. In feucht-fröhlicher Stimmung sangen sie Kinderlieder wie „Schlaf, Kindchen, schlaf“ und andere; in einer Schubkarre führten sie ein Fässchen Bier mit. Mausberg verbot ihnen das Singen. Als sie dem nicht folgten, rief er mit seiner Trillerpfeife zwei Kollegen zur Verstärkung heran. Der Anführer des Studententrupps wurde festgenommen und, begleitet vom Johlen seiner Kumpanen, zum „Höffken“, dem Gefängnis hinter dem Rathaus abgeführt, wo bereits weitere Festgenommene einsaßen.

Inzwischen waren auch die Appelschen Gäste wieder aus ihren Verstecken gekommen und zogen in Zweierreihen zum Prinzipalmarkt, jeder mit einem Bierglas in der Hand oder sogar einem „Bullenkopp“, einem Bierkrug aus Steingut, der immerhin sechs Liter fasste. Auf dem Roggenmarkt vereinigten sie sich mit einem weiteren Trupp Bürger aus dem Kuhviertel. Gemeinsam stimmten sie ein in das Absingen von „Bier her, Bier her“, das umgedichtet wurde in „Soll das Bier im Keller liegen und Windthorst es alleine kriegen“. Die vom Oberbürgermeister bereits vorsorglich aus dem Umland als Verstärkung der Ortspolizei angeforderten Polizisten griffen jetzt nicht ein.

Ein Bullenkopp

Ein Bullenkopp aus Steingut fasste rund sechs Liter Bier. Dieses Exemplar steht bei Pinkus Müller. Foto: Sammlung Stoffers

Auf dem Prinzipalmarkt ging es derweilen hoch her. Kegelklubs, Stammtischbrüder, Gesangsvereine und Hunderte von Studenten waren inzwischen aus allen Richtungen zusammengekommen. Sie sangen das Westfalenlied oder andere zur Situation passende Lieder wie „Freiheit, die ich meine…“. Das Gedränge nahm zu, erste Knallfrösche flogen den Polizisten vor die Füße. Den inzwischen 62-jährigen Gendarmen Felix-Maria Harpenau hörte man immer wieder rufen: „Keine Haufens machen, meine Härrn! Keine Haufens machen!“

Plötzlich ein großer Tumult: Die Polizeikette vor dem Michaelisplatz, die den Zugang zum Regierungsgebäude am Domplatz sichern sollte, war durchbrochen worden. Alles stürmte zur Regierung, laut singend „Bier her, Bier her!“ Erst mit „blanker Waffe“, das heißt gezogenen Säbeln, gelang es den Polizeikräften, die Menge zum Prinzipalmarkt zurückzudrängen. Dort setzte man sich auf die Bürgersteige und schenkte aus den „Bullenköppen“ nach. Die Polizei war machtlos, das „Höffken“ inzwischen völlig überfüllt.

Kurz darauf neues Hallo: Ein paar Studenten ließen ein Ferkel los, das mit Schmierseife eingeschmiert war. Keiner konnte das Tier halten, mancher verschmierte sich die Hose mit der Seife. Um zwei Uhr nachts schließlich fuhr ein stadtbekannter Brauereibesitzer mit einem Wagen voll Flaschenbier auf den Prinzipalmarkt: Freibier für alle! Von der beglückten Menge wurde der edle Spender vom Wagen gerissen und unter tosendem Jubel auf den Schultern mehrere Male auf dem Prinzipalmarkt hin und her getragen. In das tolle Durcheinander knallten „Zisselmännchen“ und Knallfrösche, grüne und rote bengalische Streichhölzer wurden abgebrannt. Bis gegen vier Uhr morgens ging das so; erst dann begaben sich die Demonstranten langsam einer nach dem anderen nach Hause.

Das nächtliche Treiben setzte sich in den nächsten Nächten fort. Am 3. Oktober erschien in den Zeitungen eine Bekanntmachung des Oberbürgermeisters Windthorst, in welcher nächtlichen Ruhestörern Geldstrafen bis 1500 Mark, ersatzweise drei Monate Haft angedroht wurden. Aber diese Drohung führte zu keiner Beruhigung. Am folgenden Morgen fand man das Fürstenberg-Denkmal, damals auf dem Domplatz gegenüber der Regierung, mit einem alten Umhang bekleidet, einen Zylinder auf dem Kopf und einem „Bullenkopp“ in seiner rechten Hand. Am nächsten Morgen hing eine Strohpuppe am Rathaus mit dem Namensschild „Schwarzenberg“, dem Namen des Regierungspräsidenten, den man für den Auftraggeber hinter dem Oberbürgermeister Windthorst hielt.

In den folgenden Tagen verlor der Bierkrieg allmählich seine bürgerliche Gemütlichkeit, als allerhand zwielichtige Elemente sich einmischten. Die Zeitungen berichteten am Montag, 7. Oktober, dass mit Steinen geworfen und gelegentlich sogar geschossen worden sei. Am 8. Oktober drohte der Oberbürgermeister mit „verschärften Maßnahmen“, wenn der nächtliche Radau auf dem Prinzipalmarkt nicht aufhöre.

Schließlich erschien am 9. Oktober in typisch juristisch verklausuliertem Beamtendeutsch eine Bekanntmachung des Regierungspräsidenten, in dem letztendlich der Zustand vor Beginn des Oktober 1895 wieder hergestellt wurde: Ausnahmegenehmigungen von der festgesetzten polizeilichen Sperrstunde sollten in Zukunft auf Antrag wieder großzügig zugestanden werden, so wie es vor Beginn des 1. Oktober gewesen sei. Die Bürger Münsters hatten einen vollen Sieg über ihre Obrigkeit errungen. Entsprechende Siegesfeiern gab es an den folgenden Abenden nicht nur bei Appels.

Prinzipalmarkt und Lambertikriche um 1895

Die Fotografie zeigt den Prinzipalmarkt und den neuen Turm der Lambertikirche um 1895. Foto: Sammlung Stoffers

In den beiden nächsten Stadtverordnetenversammlungen wurde gründlich darüber debattiert, wem letztlich die Schuld an den Krawallen anzulasten sei: dem Oberbürgermeister Dr. Windthorst oder dem Regierungspräsidenten Schwarzenberg. Zu einem klaren Ergebnis kam man nicht. Ob dem Ausbruch des Konfliktes am Anfang noch anti-preußische Motive zugrunde lagen, dürfte schwer auszumachen sein; eher vielleicht latente Animositäten zwischen „denen da oben“ und „wir hier unten“.

Die Zeiten haben sich in den seitdem zurückliegenden 120 Jahren gewaltig verändert. Zu einer Reduzierung der Kneipendichte kam es im Ersten Weltkrieg, als die kupfernen Braukessel als kriegswichtiges Metall abgeliefert werden mussten und damit die vielen kleineren Brauereien gezwungen waren, ihren Betrieb aufzugeben. Nach dem Krieg wurden nicht alle wieder aufgemacht. Ferner hat sich durch Erfindung von Film und Kinos nach dem Krieg sowie dem Aufkommen des Fernsehens nach dem Zweiten Weltkrieg die Art der Abendunterhaltung sehr verändert. So bleibt der Bierkrieg aus dem Jahre 1895 nur noch eine skurrile Erinnerung in der Geschichte unserer Stadt, der allerdings einen kleinen Einblick gewährt in die sozialen Verhältnisse Münsters vor 120 Jahren. 

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