Die Gummihand-Illusion
Mein Smartphone und ich: eine durchaus körperliche Beziehung

Privatdozent Dr. Roman Liepelt von der WWU Münster hat einen bekannten psychologischen Versuch adaptiert. Festgestellt hat er, dass seine Probanden das Smartphone als eigenes Körperteil empfunden haben. Kann das wirklich funktionieren?

Dienstag, 24.05.2016, 16:05 Uhr

Die Gummihand-Illusion : Mein Smartphone und ich: eine durchaus körperliche Beziehung
Redakteur Carsten Vogel unterzieht sich bei Dr. Roman Liepelt (r.) dem psychologischen Versuch "Rubber-Hand-Illusion" mit einem Smartphone anstatt einer Gummihand. Foto: Cengiz Sentürk

Es ist nicht ungewöhnlich, dass jemand zwei linke Hände hat. Dass eine davon eine Gummihand sein könnte, mag noch überraschen, bemerkenswerter ist es aber, wenn es sich dabei um das eigene Smartphone handelt. 

Privatdozent Dr. Roman Liepelt vom Institut für Psychologie an der WWU Münster hat den bekannten psychologischen Versuch der „Rubber-Hand-Illusion” von Botvinick & Cohen (auf Deutsch „Gummihand-Illusion”), adaptiert und um andere Objekte erweitert. Dazu gehört neben der Gummihand auch eine Computermaus, ein Smartphone und ein Holzblock in Form eines Handys. 

In drei Experimenten hat er insgesamt mehr als 60 Probanden dem Test unterzogen und seine Erkenntnisse im einschlägigen Fachmagazin „Psychological Research” veröffentlicht. Das Ergebnis, dass mein Handy in mein Körperliches Ich integriert werden soll kam mir so unglaublich vor, dass ich das Experiment selbst ausprobieren wollte. 

So funktioniert die Gummihand-Illusion 

Ich treffe Dr. Roman Liepelt im Institut für Psychologie der WWU. Seine studentische Hilfskraft Hannah Lettmann hat den Versuchsaufbau aufgebaut. Meine linke Hand steckt in einem weißen Miniatur-Tunnel und ist somit von meiner Sicht verdeckt. Meine rechte Hand, durch einen weißen Kittel verdeckt, liegt auf meinem Oberschenkel. „Wir verwenden die linke Hand für die Illusion, da diese bei einem Rechtshänder wahrscheinlich eine schwächere motorische Repräsentation hat und somit leichter getäuscht werden kann”, sagt Dr. Roman Liepelt. Ich komme mir vor wie beim Friseur. 

Über meiner verdeckten linken Hand und dem danebenliegenden Objekt (Gummihand) ist je ein Pinsel befestigt, der computergesteuert den Mittelhandknochen meines Zeigefingers und das Objekt streichelt. Es gibt vier synchrone und genauso viele asynchrone Durchgänge. Das heißt, zunächst werden beide Hände gleichzeitig und mit der gleichen Geschwindigkeit berührt, danach zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Später wird die Prozedur wiederholt, nur die Gummihand weicht meinem iPhone

„Der technologische Fortschritt hat Geräte wie das iPhone hervorgebracht, die eine Interaktion ermöglichen, wie sie bisher nur in sozialen Kontexten mit anderen Personen möglich war. Wenn man tagtäglich mit diesen Geräten umgeht, stellt sich die Frage, ob der tägliche Gebrauch des Gerätes nicht langfristig dazu führt, dass man das Gerät in das eigene Körperschema integriert, erläutert Dr. Liepelt die Idee hinter diesem Test. Dahinter stehe die Frage: Wie plastisch und flexibel unser Gehirn eigentlich ist? 

Experiment: Wenn das Smartphone zum Körperteil wird

Mit dem Pinsel über das Display 

Jetzt liegt das Telekommunikationsgerät mit dem Start-Display vor mir, damit ich es auch als mein eigenes Handy identifiziere. 

Dr. Roman Liepelt erklärt mir, was passieren wird: „Die Berührung an der echten Hand und die visuelle Information mit dem Smartphone fusionieren zu einer gemeinsamen Wahrnehmung. Das produziert die Illusion, dass Sie das Smartphone als eigenes Körperteil wahrnehmen werden.“ 

Ich zweifle stark daran, dass das funktioniert. 

Zwei Messverfahren 

Es gibt mehrere Möglichkeiten festzustellen, ob der erwartete Effekt eintritt. Zum einen mit einem Fragebogen, der anhand mehrerer Skalen abzubilden versucht, wie stark die Versuchsperson das Gefühl einer Integration des jeweiligen Objektes in das eigene Körperschema empfunden hat. Zum Beispiel: „Die Gummihand /das Smartphone fühlte sich wie meine Hand an“. „Noch spannender aber ist der sogenannte propriozeptive Drift“, sagt Liepelt, „das heißt, man nimmt die eigene Hand dort wahr, wo man das synchron gestreichelte Objekt gesehen hat.“ 

Ich fokussiere mich auf die Gummihand, doch die Berührungen nehme ich leicht zeitverzögert wahr. Das Gefühl will sich nur langsam einstellen. 

Mit meinem iPhone verhält es sich anders. Extremer. Es ist gespenstisch. Bei der asynchronen Messung kann ich zwar trennen, wenn ausschließlich meine Hand berührt wird, aber sobald der Pinsel meiner Hand das Smartphone synchron berührt, spüre ich tatsächlich wie die beiden Wahrnehmungen verschmelzen. Auch die wahrgenommene Verschiebung meiner Hand im Raum in die Richtung des iPhones (der Drift) stellt sich ein.  So fühlt sich also ein Terminator mit all dem Metall am Körper. Das ist nicht nur eine spannende Erfahrung, es hat auch noch den Effekt, dass mein Handy jetzt sauber ist. 

Verblüffendes Ergebnis 

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Verschiebung im Raum nur bei der Gummihand und dem Smartphone einstellt, nicht aber bei der Computermaus und dem Holzblock. Dr. Liepelt führt das auf den lange vorangegangene Erfahrung im Umgang mit dem Smartphone zurück: den sogenannten “agency effect”. Tatsächlich ticke ich anders, und das obwohl ich den Versuch gar nicht komplett durchführe. Denn bei mir war das Smartphone gefühlt deutlicher als die Gummihand in meinem Empfinden integriert. Auch die emotionale Bindung zu meinem Smartphone könnte dabei eine Rolle spielen, mutmaßt Liepelt. Sollte er jetzt mit einem Hammer auf mein iPhone hauen, dann - so garantiere ich ihm - schlüge meine emotionale Bindung in Wut um. 

“Letztlich zeigt das Experiment, dass unser körperliches Ich viel flexibler ist als früher angenommen. Das könnte unabhängig vom reinen wissenschaftlichen Nutzen wichtig sein für Menschen, die eine Prothese tragen, damit sie diese leichter als Teil ihres Körpers akzeptieren”, sagt der habilitierte Dozent über mögliche zukünftige Anwendungen des Forschungsergebnisses. 

Genug der Streicheleinheiten. Mir liegt noch ein “I’ll be back” auf den Lippen, aber mittlerweile bin ich desintegriert genug, um zu widerstehen.

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