Auf seine Bahnen fahren Profis weltweit ab
Der münsterische Architekt Ralph Schürmann plant und baut Radrennstrecken / Mit Großvater Clemens fing alles an

Münster -

Es ist kein moderner Palast aus Glas und Stahl, kein besonders repräsentatives Gebäude, in dem Ralph Schürmann arbeitet. Es ist ein ganz normales Wohnhaus im Westen Münsters. Doch dort wird Sport-Geschichte mitgeschrieben: Der Architekt entwirft und baut Anlagen für Radrennen, und das schon in dritter Generation.

Samstag, 06.08.2016, 17:08 Uhr

 
  Foto: Schürmann Architects

144 in aller Welt hat die Familie bereits vollendet, im Mai die in Rio für die Olympischen Spiele 2016. Sechs weitere Projekte laufen. Eine Stadt aber fehlt Ralph Schürmann noch auf seiner Liste: Münster .

Dabei hat hier alles begonnen – mit seinem Opa, Clemens Schürmann . „Mein Großvater ist in seinen jungen Jahren Bahn-Rennsportler gewesen, ein Profi“, erzählt Enkel Ralph. Radsport war Anfang des 20. Jahrhunderts sehr beliebt. Von 1898 bis 1936 gab es am Schifffahrter Damm eine Radrennbahn, in der Nähe des Kanals. Lange Zeit erinnerte daran noch die Gaststätte „Zur Sportbahn“, die Treffpunkt war für Veteranentreffen des Vereins Leezenkultur, bis sie 2013 geschlossen wurde.

Auf jener Bahn fuhr auch Clemens Schürmann, anfangs mit der Leeze seines Bruders. „Es gab nur ein Fahrrad in der Familie“, erklärt Ralph Schürmann. Dennoch war sein Großvater sehr erfolgreich: 1905 als Amateur gestartet, fuhr er schon zwei Jahre später als Profi mit – bald in ganz Europa. „Er schickte immer Telegramme“, weiß der Enkel.

Für die Zeit nach dem Radsport absolvierte Clemens Schürmann in den Wintermonaten ein Architekturstudium, das er mit Preisgeldern finanzierte. 1925 bot sich ihm die Chance, Passion und Profession zu verbinden: Ein Verein aus Krefeld fragte Schürmann, ob er eine Radrennbahn bauen könne. Er konnte – und legte 1926 mit der 300-Meter-Freiluftbahn aus Holz den Grundstein für das Familienunternehmen.

Noch im gleichen Jahr baute er eine 160-Meter-Bahn für die gerade eingeweihte Halle Münsterland . Es folgten Aufträge in weiteren deutschen Städten, und bald auch international: 1932 baute Schürmann die erste WM-Bahn in Rom, 1936 die erste olympische Bahn für die Spiele in Berlin. „Das ging dann immer so weiter“, sagt Enkel Ralph Schürmann.

Sein Vater Herbert stieg 1950 ins Geschäft mit ein, Ralph Schürmann selbst 1985. Zuvor hat er Architektur studiert und einige Jahre in einem anderen Büro gearbeitet. Im Familienbetrieb habe er dennoch Jahrelang in die Lehre gehen müssen. Denn den Bau von Radrennbahnen „kann man nirgendwo studieren“, sagt Schürmann. „Man muss ein Gefühl dafür entwickeln.“ Dabei profitiere er noch heute von den Erfahrungen seines Großvaters, die beispielsweise in ein selbst geschriebenes Computerprogramm für die Berechnungen eingeflossen seien.

Die Rennsport-Gene allerdings habe er, anders als sein Bruder Roland, nicht geerbt. Trotzdem steigt der 63-Jährige manchmal aufs Rad, probiert auch mal eine seiner Bahnen aus. Jedoch nicht wie einst Clemens: „Mein Großvater hat mit dem Hintern herausgefühlt, wie die Bahn sein muss. Ich kann es inzwischen ‚sehen’.“ Eine gute Rennbahn, erklärt Schürmann, leite die Fahrer: „Sie sollen gar nicht darüber nachdenken müssen, sondern sich auf ihre Leistung und die Taktik konzentrieren können.“

In puncto Qualitätsanspruch sei für ihn jede Bahn gleich, betont der Architekt. Dennoch sei der Bau von Olympia-Bahnen natürlich immer ein Highlight. Die im Velodrom in Rio de Janeiro ist bereits die achte der Schürmänner. Lange Zeit habe der Familienbetrieb kaum Konkurrenz gehabt, sagt Schürmann. Die sei erst ein wenig gewachsen, seit der Radsport-Weltverband UCI entschieden habe, Weltmeisterschaften nur noch in Hallen durchzuführen. Dennoch sei das Feld der Mitbewerber sehr überschaubar. Schürmann schätzt es auf „weniger als eine Handvoll“.

Der Architekt ist deshalb gefragt, derzeit beispielsweise in Jakarta für die Asien-Spiele 2018. „Mal sehen, wie lange ich noch mache“, sagt Ralph Schürmann. Wie es nach seiner Zeit weitergehen wird mit dem Unternehmen, weiß er noch nicht: Seine Kinder hätten bisher wenig Interesse gezeigt, in seine Fußstapfen zu treten. Was ihr Vater aber verstehen kann, denn die Arbeit sei durch die häufigen und weiten Reisen sehr anstrengend und zeitaufwendig.

Ein Projekt würde Schürmann gerne noch anpacken: eine Radrennbahn für Münster. Denn die Zeiten der „Winterbahn“ in der Halle Münsterland sind seit den späten 80er-Jahren vorbei. Viele Events – darunter 32 Sechs-Tage-Rennen – gingen dort über die Bahn. Heute fehle ausgerechnet in der „Fahrradhauptstadt“ eine Bahn, „dabei ist das Potenzial da“, sagt Schürmann mit Blick auf die Radsport-Szene. Sein Know-How, das er schon in alle Welt exportiert hat, in seiner Heimatstadt zu nutzen und ihr ein Weltklasse-Velodrom zu hinterlassen, sagt Schürmann, „das wäre wirklich ein schöner Abschluss meines Berufslebens“.

 

 

 

 

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4208929?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F4847812%2F4847819%2F
So viele Schulden wie nie zuvor
Der Rat der Stadt Münster bei der Haushaltsberatung für 2019  Haushaltsberatungen im Rat der Stadt Münster: Der 1,24 Milliarden schwere Etat 2019 stand zur Abstimmung.
Nachrichten-Ticker