Die Germanistin Dagmar Hüpper über Rechtschreibung und Rechtschreibreform
Gut für die Leserschaft

Münster -

Vor 20 Jahren beschlossen die deutschsprachigen Länder Europas eine Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Seitdem hat es drei Reformen der Reform gegeben, zuletzt vor genau zehn Jahren. Damit ist es um das zuvor heftig umstrittene Thema zwar etwas ruhiger geworden – aber immer noch wird über Rechtschreibung leidenschaftlich diskutiert.

Samstag, 13.08.2016, 18:08 Uhr

„Sprache verändert sich, sie muss sich ändern“, sagt die Germanistin Dr. Dagmar Hüpper.
„Sprache verändert sich, sie muss sich ändern“, sagt die Germanistin Dr. Dagmar Hüpper. Foto: Oliver Werner

Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Dagmar Hüpper vom Germanistischen Institut der Universität plädiert im Gespräch mit Redakteur Lukas Speckmann für mehr Gelassenheit.

Vor Kurzem ist ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender auf eine Satire reingefallen und hat gemeldet: „seid“ und „seit“ werde künftig einheitlich „seidt“ geschrieben . . .

Hüpper: Die Aussprache ist zwar gleich – aber die schriftliche Trennung zwischen dem Verb „seid“ und dem Konnektor oder der Konjunktion „seit“ ist trotzdem sinnvoll.

Warum?

Hüpper: Die Frage ist nicht warum, sondern für wen? Wir haben eine Rechtschreibung , die als leserfreundlich charakterisiert werden kann. „Seit“ und „seid“ klar zu unterscheiden, bedeutet für die Lesenden eine Vereinfachung.

Und die Schreiber müssen sich anstrengen?

Hüpper: Das ist die Folge einer historischen Entwicklung: Bis zur wichtigen Rechtschreibkonferenz von 1901 gab es viele Varianten von seit – seid – seidt – seyd. Weil überregionale Schriftlichkeit aber immer wichtiger wurde, hat man sich an den Lesenden orientiert, während für die Schreibenden Normen entwickelt wurden.

Ein Fortschritt?

Hüpper: Wenn jeder so schreiben dürfte, wie er spricht, würde das die Verständigung über große Entfernungen erschweren.

In den sozialen Netzwerken, in E-Mails oder Kurznachrichten wird doch oft frei Schnauze geschrieben.

Hüpper: Aber das ist eine Schriftlichkeit, die zum Teil auf Mündlichkeit beruht, man tut ja so, als ob man sich unterhalten würde. Das Medium bestimmt die Kommunikationsform: Eine SMS ist etwas anderes als ein amtliches Schreiben. Die Rechtschreib-Normen gelten vornehmlich für die Standardsprache.

Wenn Rechtschreibung vor allem eine Frage öffentlichen Schreibens ist – warum wird dann so leidenschaftlich darüber gestritten?

Hüpper: Dafür gibt es sicher verschiedene Gründe. Einer ist vermutlich, dass in jeder Generation das Menetekel des Sprachverfalls an die Wand gemalt wird. Die Klage, dass die Jugend geringere Grammatik- und Rechtschreibkenntnisse hat, ist alt. In den letzten Jahren wurde sogar beklagt, dass Jugendliche kaum noch schreiben. Das hat sich ja im Rahmen der Neuen Medien nun gegeben . . .

Die Rechtschreibreform sollte doch gerade für die Schreibenden vieles einfacher machen . . .

Hüpper: Für wen sollte es denn einfacher werden? Ich habe keine klar definierte Zielgruppe der Rechtschreibreform vor Augen. Ich finde vieles einfacher, anderes völlig überflüssig.

Beispiele bitte!

Hüpper: Die Laut-Buchstaben-Zuordnung ist eine gute Änderung: ss nach kurzem Vokal wie in „Fluss“, ß nach langem Vokal wie in „Fuß“. Das kann man sich einprägen, wenn man sich die Sprache nur laut gesprochen vorstellt.

Und ein abschreckendes Beispiel?

Hüpper: Vor allem die eingedeutschten, die integrierten Fremdwörter. Ich denke, dass die Sprachkontakte, die eine Sprachgemeinschaft hat, auch transparent sein und bleiben sollten. Nehmen wir „Tolpatsch“, das kommt aus dem Ungarischen. Laut Duden sollen wir jetzt „Tollpatsch“ schreiben. Warum? Es gibt keinen Zusammenhang mit dem Wort „toll“. Was das soll, ist mir ein Rätsel: Wir haben Wörter mit Migrationshintergrund, seit es die deutsche Sprache gibt. Dem sollte man in der heutigen Zeit Raum geben. Und nicht nur dem Englischen . . .

Wieso dem Englischen?

Hüpper: Weil englische Fremdwörter auffällig in Ruhe gelassen werden. „Facelifting“ oder „Factory-Outlet“ schreiben wir fast wie die Engländer. Anders beim französischen „Facette“, hier ist die Schreibvariante „Fassette“ auf der Grundlage der Schreibpraxis glücklicherweise zurückgenommen worden.

Hat die Reform der Reform vor zehn Jahren nicht die schlimmsten Klöpse wieder einkassiert?

Hüpper: Ja, es ist zurückgerudert worden, vor allem in Sachen Fremdwort- und Getrenntschreibung. Außerdem gibt es mehr zulässige Alternativen, man kann heute öfter das Sprachgefühl befragen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung beobachtet die Entwicklung der professionellen Schreibpraxis, es wird demnach zu weiteren Reformen kommen. Die Linguistik formuliert es so: Die systematischen Fehler von heute sind die Normen von morgen.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Deutsche Spezialitäten wie ä, ö, ü, ß oder die Großschreibung – brauchen wir die eigentlich noch lange?

Hüpper: Andere Sprachen brauchen das alles nicht, es würde auch bei uns ohne funktionieren. Aber für die Lesenden sind etwa Großschreibung und Interpunktion sehr hilfreich. Und wer professionell schreibt, hat sich mit diesen Regeln auseinanderzusetzen.

Eine Angleichung der Norm ans gängige SMS-Niveau wird es künftig nicht geben?

Hüpper: Das denke ich nicht. Institutionelle Sprache ist eine andere als die Sprache im privaten Umgang. Es wird zu Modifikationen kommen, das ist nicht schlimm. Sprache wandelt sich nun mal, sie muss sich wandeln. Damit sollten wir gelassener umgehen.

Haben Sie einen Tipp, wie sich sichere Rechtschreibung lernen lässt?

Hüpper: Lesen! Am besten Bücher – und natürlich Zeitungen… 

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