Superintendentin Meike Friedrich zur Rolle der evangelischen Kirche in Münster
Durch Luther im Gespräch

Münster -

Am Montag beginnt mit dem Reformationstag für die evangelischen Kirche in Deutschland das Lutherjahr – die Thesen des Reformators sind 500 Jahre alt. Ein besondere Gelegenheit auch für die evangelischen Gemeinden in Münster, sich zu präsentieren und ins Gespräch zu kommen, meint Meike Friedrich.

Sonntag, 30.10.2016, 09:10 Uhr

Superintendentin Meike Friedrich – mit Reformator Martin Luther, dessen Jubiläumsjahr am Montag beginnt.
Superintendentin Meike Friedrich – mit Reformator Martin Luther, dessen Jubiläumsjahr am Montag beginnt. Foto: Werner

Die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Münster sprach mit unserer Redakteurin Karin Völker über die Situation der evangelischen Gemeinden in Münster im Jubiläumsjahr.

Reformationstag ist jedes Jahr – ist dieser für Sie etwas ganz Besonderes?

Friedrich (lacht): Für mich ganz persönlich ist der Start ins Lutherjahr auch Auftakt für jede Menge zusätzlicher Arbeit. Die lohnt sich aber, denn das Lutherjahr wird der evangelischen Kirche die Möglichkeit geben, auf uns aufmerksam zu machen – darauf, wer wir sind und was wir tun. Und das Lutherjahr ist ein guter Anlass mit den Nachbarn in den katholischen Gemeinden den Austausch über den Reformator zu suchen und so auch das Verhältnis der christlichen Kirchen unterein­ander auszuloten.

Wie lebendig ist nach ihrer Wahrnehmung das Leben in den evangelischen Gemeinden Münsters? Versuchen Sie einmal eine Einordnung auf einer Skala von eins bis zehn.

Friedrich: Ich würde sagen fünf. Das bedeutet, ich bin schon sehr zufrieden – aber die Lebendigkeit ist schon noch steigerungsfähig. Man muss hier in Münster auch sehen, dass unsere Arbeit im Vergleich mit den vielen großen und aktiven katholischen Gemeinden einfach weniger stark wahrgenommen wird.

Wie viele Menschen sind hier Mitglieder der evangelischen Kirche?

Friedrich: Im Kirchenkreis haben wir rund 106 000 Mitglieder, in Münster sind es etwa 60 000. Die Zahl ist seit Jahren ziemlich stabil.

Haben Sie nicht mit vermehrten Austritten zu kämpfen? Bundesweit haben im vergangenen Jahr 210  000 Menschen die evangelische Kirche verlassen, in den letzten 15 Jahren waren es rund vier Millionen.

Friedrich: Wir haben in Münster insgesamt starken Zuzug und eine steigende Bevölkerung. Das wirkt dem Schwund entgegen. Natürlich treten auch in Münster Menschen aus unserer Kirche aus. Über die Gründe erfahren wir leider nichts. Wir wissen aber, dass die Entscheidung meist ein langer Prozess ist und der Austritt aus einem konkreten Ärgernis heraus vollzogen wird.

Was kann die Kirche tun, um Menschen zu erreichen, die den Zugang verloren und sich abgewandt haben?

Friedrich: Wir können dem erst einmal nichts entgegensetzen, und müssen die Entscheidung der Menschen akzeptieren, die nichts mit der Kirche zu tun haben wollen. Religions- und Kirchenzugehörigkeit, Glaube allgemein, ist ja eine sehr persönliche Angelegenheit. Und die Pfarrer müssen sich in erster Linie um jene kümmern, die bleiben. Den Zugang zur Kirche schafft aber in erster Linie immer noch die Jugendarbeit – und die ist in vielen Gemeinden wirklich sehr lebendig.

Wie beliebt ist die Konfirmation bei Jugendlichen?

Friedrich: Nach wie vor sehr, nahezu alle Jugendliche aus evangelischen Familien lassen sich auch konfirmieren, nehmen am vorbereitenden Unterricht teil – das schafft durchaus für viele Zugang. Nach der Konfirmation bleiben zwar nicht alle den Gemeinden verbunden, aber viele kommen ein paar Jahre später zurück, wenn sie heiraten oder Eltern werden. Auch die Zahl der Taufen ist übrigens stabil.

Wie wichtig ist hier die Rolle der Evangelischen Kirche als Kita-Trägerin?

Friedrich: In den Kitas entstehen wirklich gute Bindungen zu jungen Familien. Wir haben im Kirchenkreis 24 Kindertageseinrichtungen, in Münster sind es 14.

Es besteht ja großer Bedarf an Kinderbetreuung und die Stadt Münster sucht dringend Träger für neue Einrichtungen: Warum bewirbt sich die evangelische Kirche nicht häufiger um solche Trägerschaften?

Friedrich: Es fließt bereits ein Viertel der Kirchensteuereinnahmen in unsere Kitas. Das ist ein hoher Anteil. Der Aufwand für die Trägerschaften ist nicht nur in finanzieller Hinsicht hoch. Und mit unseren Mitteln müssen wir haushalten. Auch bei uns hat es ja Gemeindefusionen gegeben, nicht in Münster, aber etwa in Warendorf haben wir einzelne Kirchen aufgeben müssen.

Wie haben die Gemeinden die Umstrukturierungen der vergangenen Jahre verkraftet?

Friedrich: Meiner Wahrnehmung nach gut. Die Gemeinden haben dadurch nichts von ihrer Lebendigkeit eingebüßt, auch wenn die Pfarrer mitunter nun für mehr Menschen zuständig sind.

Hat die evangelische Kirche ähnlich wie die katholische Nachwuchsprobleme im Pfarrer-Beruf?

Friedrich: Leider ja. Pfarrer oder Pfarrerin ist aber auch ein besonderer und auch sehr fordernder Beruf, zu dem Berufung unbedingt dazugehört. Pfarrer haben keinen festen Feierabend und keine geregelten Arbeitszeiten, das ist nicht leicht mit einem Familienleben zu vereinbaren. Es gibt in der evangelischen Kirche in Westfalen momentan zehn bis zwölf angehende Pfarrer im Vikariat, also im praktischen Teil der Ausbildung – zu besetzen sind deutlich mehr Stellen. In Münster merken wir den Mangel bisher nicht. Hier sind attraktive Gemeinden, da gibt es immer genügend gute Bewerber.

Wie zuversichtlich ist ihr Blick in die Zukunft der Evangelischen Kirche in Münster. Wie wird es in zehn Jahren aussehen

Friedrich: Ich glaube, wir bleiben auf dem gegenwärtigen Niveau. Wir haben in Münster eine starke und stabile Christenheit, das ist anders als zum Beispiel in meiner Heimatstadt Dortmund. Es wird wichtig sein, dass wir an zentralen Diskursen der Gesellschaft teilnehmen. Damit die Menschen merken, dass wir zu wesentlichen Dingen etwas zu sagen haben.

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