Debatte um bezahlbaren Wohnraum
Der Wunsch-Wohnort ist zu teuer

Münster -

Viele Menschen würden gern in Münster bauen oder Eigentumswohnungen erwerben. Die Nachfrage an bezahlbaren Angeboten ist riesig, allerdings gibt es immer weniger Angebote. Auch, weil es kaum baureife Flächen gibt und die Preise enorm gestiegen sind.

Mittwoch, 14.12.2016, 06:12 Uhr

Debatte um bezahlbaren Wohnraum : Der Wunsch-Wohnort ist zu teuer
Neuer Wohnraum, wie hier am Erpho-Bogen, wird in Münster nur sehr sporadisch angeboten und ist für den normalen Geldbeutel oft nicht mehr bezahlbar. Beklagt wird von den Lesern, dass es wenig zusätzliche Baugebiete gibt und angebliche Schnäppchen auf den zweiten Blick oft Bruchbuden sind. Foto: Oliver Werner

Unverständlicher Leerstand, keine Chance auf ein barrierefreies Domizil und dubiose Kaufobjekte, die vom baulichen Zustand her schon fast unter Denkmalschutz gestellt werden müssten. Bei der Telefonaktion unserer Zeitung und den Facebook-Kommentaren zur Wohnraumsituation vereinte fast alle Anrufer eine Botschaft: „Münster ist und bleibt unser Wunschwohnort, realisieren werden wir die Träume aber wohl nicht können!“

Zum Beispiel Phil Wahle, der mit seiner jungen Familie in Hiltrup in einer kleinen Wohnung lebt und seit zwei Jahren auf der Suche nach größeren vier Wänden ist. In Gremmendorf bekam er schließlich ein Makler-Angebot: freistehend, unter 290.000 Euro, etwas Renovierung erforderlich. „Ich hatte eigentlich schon fast eine Zusage, dann aber gab es plötzlich 50 weitere Interessenten, und von Kaufpreisreduzierungen war keine Rede mehr“, erinnert sich der Hiltruper.

Sebastian Rakowski möchte gern mit seiner Familie weiter in der Innenstadt wohnen, doch für ihn gibt es kaum eine Marktchance. Rakowski: „Ich würde gern kaufen, aber dafür müsste ich nach Bösensell umziehen. Nicht schön, weil Münster besonders kulturell viele Vorteile hat“, meint er.

Inzwischen verdrängen die Schlaf-Münsteraner die Einheimischen.

Thomas Voss aus Rinkerode

Ursula Groer wohnt im Herz-Jesu-Viertel in der dritten Etage eines Hauses und steht mit ihrem Mann vor der Rente.

Schon länger sucht sie eine ebenerdige Wohnung, doch unter 1000 Euro ist nichts drin. Groer: „Und was uns bislang billiger angeboten wurde, war total abgewrackt.“ Ein Problem, das viele ältere Bürger besonders mit Handicap haben, weil barrierefrei und bezahlbar sich ausschließen.

Da geht es den Feuerwehrleuten ganz genauso wie allen anderen.

Petra Borchers

Negative Erfahrungen mit den „Aussiedlern“ aus Münster hat Thomas Voss gemacht. Der alt eingesessene Rinkeroder beobachtet seit Jahren, wie immer mehr Menschen aus Münster in sein kleines Städtchen ziehen und dort nur wohnen, aber nicht am Gemeindeleben teilnehmen möchten. „Die dörflichen Strukturen werden zerstört, und die Schlaf-Münsteraner verdrängen die Einheimischen, weil die Grundstückspreise auch hier auf dem Land explodieren“, so Jürgens.

Ich würde gern kaufen, aber dafür müsste ich nach Bösensell umziehen.

Sebastian Rakowski

Von ihrer vergeblichen Suche in Münster berichten auch viele Leser auf unserer Facebook-Seite. „Da geht es den Feuerwehrleuten ganz genauso wie allen anderen“, meint etwa Petra Borchers zur Flucht ins Umland. „Man kann den Mietpreisen beim Steigen zusehen“, stellt Isabell König fest. Sie habe die Wohnungssuche aufgegeben: „Da nehme ich lieber das Pendeln in Kauf.“

Viele Leser beklagen Versäumnisse von Politik und Verwaltung. Gerd Ahlert verweist zudem auf die seit Jahren auf hohem Niveau anhaltende Bevölkerungszuwanderung. Er rät, über die zentrumsnahe Planung eines neuen Stadtteils nachzudenken.

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Auch zu den Folgen äußern sich Leser. Petra Wedeking schlägt den Bogen vom Wohnraummangel zu überfüllten Straßen: „Und genau das führt zum täglichen Verkehrschaos.“  

Erste Premium-Wohnungen für 1,5 Millionen Euro verkauft

Immer mehr Menschen wollen sich in Münster Eigentum zulegen, und die 1,5-Millionen Euro-Grenze für eine Premium-Wohnung in Münster ist geknackt. Das meldete am Dienstag zumindest Dahler & Company, die bundesweit hochwertigen Wohnraum vermarkten und die Lage in Münster analysiert haben. Seit 2012 habe sich die Zahl der gehandelten Immobilien (Doppel- und Reihenhäuser ab 250.000 Euro) in Münster insgesamt auf knapp 250 Käufe im Jahr verdoppelt.

Der Gesamtumsatz bei Häusern sei um 80 Prozent auf inzwischen rund 90 Millionen Euro angestiegen. Im ersten Halbjahr 2016 wurden demnach 106 Häuser verkauft, 95 Prozent davon kosteten weniger als 500 000 Euro. Trotzdem gebe es hochpreisige Objekte, die „den Durchschnittspreis nach oben drücken“, so Geschäftsführer Henning Frank. Aktuell hätten sich die Käufe im Bereich zwischen 500 000 Euro und 750.000 Euro deutlich erhöht. Bereits 171 Eigentumswohnungen wechselten in Münster im ersten Halbjahr 2016 die Besitzer. Der Geldumsatz von Januar bis Juli 2016 für Wohnungen und Häuser liege bei 165 Millionen Euro.

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