Die neue Gesamtschule-Ost
Selbstständiges Lernen in der Gesamtschule

Münster -

Die Neuheit unter Münsters Schulen hat das erste Halbjahr fast hinter sich: Die neue Gesamtschule Ost setzt mit der Unterrichtsgestaltung früh bei der individuellen Leistungsfähigkeit der Schüler an. Zum Beispiel im Glühbirnchenzimmer.

Mittwoch, 11.01.2017, 10:01 Uhr

Schulleiterin Birgit Wenninghoff bei der „Lernzeit“ Englisch: Auch wenn die Selbstständigkeit der Kinder gefördert wird – Lehrerin oder Lehrer sind verantwortlich dafür, dass gelernt wird.
Schulleiterin Birgit Wenninghoff bei der „Lernzeit“ Englisch: Auch wenn die Selbstständigkeit der Kinder gefördert wird – Lehrerin oder Lehrer sind verantwortlich dafür, dass gelernt wird. Foto: Karin Völker

„Well done, boys and girls“. Die erste Stunde am Montagmorgen ist noch keine 20 Minuten alt, da verteilt Birgit Wennighoff ein erstes Pauschallob. Jetzt ist es Zeit für eine erste Vertiefung des Unterrichtsgesprächs, für Aufgaben die sie selbstständig lösen sollen. Wennighoff geht mit einem tragbaren Schemel von Tischgruppe zu Tischgruppe, setzt sich bei Bedarf dazu.

Doppelstunde „Lernzeit“ in den Hauptfächern

Es ist Lernzeit Englisch, und die 28 Kinder, die hier im Raum sitzen, bilden sonst keine Klasse. Die Fünftklässler aus den vier Parallelklassen der neuen Gesamtschule Münster Ost haben sich entschieden, heute zwei Stunden zusätzlich zum normalen Klassenunterricht Englisch zu lernen. Lehrerin ist hier die Schulleiterin der zweiten städtischen Gesamtschule, die im Sommer den Betrieb in zwei Pavillons der ehemaligen Fürstenbergschule an der Andreas-Hofer-Straße eröffnet hat.

Nach den Weihnachtsferien haben sich die Pioniere aus den fünften Klassen schon an die erste Besonderheit gewöhnt. Seit November werden vier Schultage pro Woche von einer Doppelstunde „Lernzeit“ in den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik eingeleitet. Jedes Kind muss in jedem Fach jeweils eine Einheit nehmen und wählt für den vierten Tag einen Schwerpunkt. Wer besonders gern Englisch lernt, wählt die Fremdsprache, Kinder, die noch Nachholbedarf in einem Fach haben, können sich verstärken.

Weigehend selbstständiges Lernen

Nebenan unterrichtet Jens Farwick Mathe – und auch hier lösen die Kinder in einem Teil des Unterrichts Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Der Lehrer bestimmen, welche Arten von Aufgaben jedes Kind löst. „Der Lehrer bleibt die wichtigste Person im Raum“, betont Birgit Wenninghoff , „auch wenn er die Schüler weitgehend selbstständig arbeiten lässt. Der Lehrer ist verantwortlich dafür, dass gelernt wird.“

Das ist auch im Raum eine Tür weiter so. Hier ist das Glühbirnchenzimmer im Fach Englisch, und Lehrerin Sandra Steinhoff lässt Sophie, Naomi, Tino und Henri sehr selbstständig ein englisches Theaterstück proben. Sie und noch drei weitere Kinder, die heute fehlen, sind die Englisch-Glühbirnchen – haben also ein besonderes Talent für die Fremdsprache. Lernzeit in Glühbirnchenzimmern gibt es auch in Mathe und Deutsch – und wer hier lernen darf, das bestimmen ebenfalls die Lehrer.

Wir wollen das Leistungspotenzial unser Schüler ausschöpfen

Birgit Wenninghoff

Das Lernzeiten-Konzept ist für Birgit Wenninghoff eine Gewährleistung dafür, dass Kinder entsprechend ihrer Begabungen von Anfang an gefördert werden. „Wir wollen das Leistungspotenzial unser Schüler ausschöpfen“, betont Wenninghoff.

Mit dem „Draußen-Pass“ alleine lernen

An der Wand im Verwaltungstrakt hängt ein großes Poster mit den Porträtfotos aller 112 Fünftklässler. Auf dem großen Gelände, das die Schule nun bis zur Fertigstellung des Neubaus auf dem alten OFD-Gelände nutzt, hat diese „Super-Truppe“, wie Wenninghoff sagt, viel Auslauf.

Auf dem Weg in ihr Büro trifft Wenninghoff den kleinen Carl auf dem Flur. Carl zeigt ihr seinen „Draußen-Pass“, noch so eine Besonderheit der neuen Schule. Wer einen solchen Pass hat, ist nicht etwa wegen Fehlverhaltens vor die Tür geschickt worden, der Draußen-Pass ist eine Auszeichnung. Carl ist eines der Kinder, die bei Bedarf die Klasse verlassen dürfen, um im Differenzierungszimmer oder in der Arbeitsecke vor dem Verwaltungstrakt selbstständig zu lernen, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Der Draußen-Pass, ein Ritterschlag: „So signalisierten wir einzelnen Kindern, dass wir ihnen zutrauen, auch allein zu lernen“, erklärt die Schulleiterin.

Keine Hausaufgaben

Allein lernen, das gab und gibt es an Schulen heute auch vielerorts eher nur bei den Hausaufgaben. Die aber sind an der Gesamtschule Ost, einer Ganztagsschule, in den unteren Klassen abgeschafft. Nach Schulschluss ist frei. „Manche Eltern fanden das gewöhnungsbedürftig“, erzählt Wenninghoff, „dann aber waren die meisten erleichtert. Ein Streitthema weniger in der Familie.“

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