Wohnungslose am Bahnhof
„Die Leute müssen irgendwo sein“

Münster -

Mit Sorge beobachtet man im Haus der Wohnungslosenhilfe, wie sich das Bahnhofsumfeld ändert. Alles wird schicker, der Platz für „ärmere Menschen“ wird enger.

Dienstag, 24.01.2017, 13:00 Uhr aktualisiert: 24.01.2017, 14:55 Uhr
Thomas Mühlbauer leitete das Haus der Wohnungslosenhilfe, Dirk Frielinghaus (r.) ist sein Stellvertreter. Das Haus gehört zur Bischof Hermann-Stiftung.
Thomas Mühlbauer leitete das Haus der Wohnungslosenhilfe, Dirk Frielinghaus (r.) ist sein Stellvertreter. Das Haus gehört zur Bischof Hermann-Stiftung. Foto: bn

Er liegt im Bahnhofstunnel. Neben ihm sein Hund, sein Fahrrad, tagein, tagaus. Das typische Bild eines Wohnungslosen . „Ja“, sagt Thomas Mühlbauer , neuer Leiter im Haus der Wohnungslosenhilfe ( HDW ), „Herr A. hat schon mal bei uns gewohnt. Im Moment macht er lieber Platte.“

Mühlbauer folgte vor einigen Monaten Bernd Mülbrecht, der das Haus lange geleitet hat. Auch er ist seit Jahren in der Wohnungslosenhilfe tätig. Er kennt die 30, 40 Menschen in Münster, die Platte machen, also lieber draußen als im Heim wohnen.

Aber er weiß auch: Das Bild der Wohnungslosen in der Öffentlichkeit entspricht selten der Realität. „Bei den meisten Leuten hier im Haus“, sagt sein Stellvertreter Dirk Frielinghaus , „würde Sie nicht sehen, dass sie keine Wohnung haben.“

Sorge bei Aufwertung des Bahnhofsviertels

So gebe es eine Reihe von Bewohnern, die im Haus der Wohnungslosenhilfe in VierBett-Zimmer untergekommen sind und arbeiten gehen. In einer Stadt wie Münster reiche das Geld aber nicht für eine eigene Wohnung. Frielinghaus: „Wir haben hier sechs, sieben sehr fitte junge Männer, die könnten sofort ausziehen, wenn es für sie Wohnungen gäbe.“

Rund um das HDW bewegt sich derzeit viel. Das Deilmann-Hochhaus geht der Fertigstellung entgegen, an der Von-Steuben-Straße sollen Hotels gebaut werden, auf dem Post-Gelände Wohnungen. Und nebenan wird die Westfalen-Tankstelle einem Neubau weichen. Bisher trafen sich zahlreiche Menschen aus dem Milieu hier auf dem Garagenhof, jetzt stehen sie auf dem Fußweg vor dem Bauzaun oder drücken sich in Hausecken.

„Man darf nicht den Fehler machen, die Leute alle für Obdachlose zu halten“, sagt Dirk Frielinghaus. Bei der Aufwertung des Bahnhofumfeldes sehen die Sozialarbeiter mit Sorge, dass Treffpunkte für die „ärmeren Menschen“ verschwinden könnten. Das gelte für die Kleine Bahnhofstraße, aber auch für den Bremer Platz.

Wohnungslosenhilfe am Stadtrand scheitert

Der Missbrauch von Alkohol und Drogen, die Ansammlung von Süchtigen und Alkoholkranken, die Anliegern ein Dorn im Auge sind, werde ein Problem bleiben. Man könne, sagt man im HDW, „ja die Leute nicht verschwinden lassen. Die müssen irgendwo sein.“

Noch weniger ließen sie sich aus dem Bahnhofsumfeld verdrängen. Versuche, zum Beispiel Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe an Stadträndern einzurichten, würden oft scheitern, weil sie vom Klientel nicht erreicht werden könnten. Mühlbauer: „Durch unsere Hilfeangebote tragen wir zu einem friedlichen und geordneten Miteinander im Bahnhofsumfeld bei. Wir sind nicht Teil des Problems, wir sind Teil der Lösung.“

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Psychische Krankheit, Sucht, zerbrochene Ehen oder der Verlust der Arbeit – es gibt viele Gründe, warum Menschen am Haus der Wohnungslosenhilfe anklopfen. „Ich arbeite hier seit 22 Jahren“, sagt Dirk Frielinghaus, „eigentlich wird die Szene nicht schlimmer.“

80 Plätze gibt es im Haus, zehnmal mehr Menschen werden hier in einem Jahr betreut. Das heißt auch: „Je mehr Ressourcen die Leute haben, je schneller sind sie wieder raus.“

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