Uni-Rektor Johannes Wessels
Mehr Freiheit für die Uni

Münster -

Das erste Semester ist vorbei: Seit 1. Oktober ist Prof. Johannes Wessels Rektor der Universität. Im Interview zieht er eine erste Bilanz.

Sonntag, 05.03.2017, 09:03 Uhr

Das erste Semester als Rektor ist vorbei: Prof. Johannes Wessels findet viel Arbeit und Freude in seinem neuen Job.
Das erste Semester als Rektor ist vorbei: Prof. Johannes Wessels findet viel Arbeit und Freude in seinem neuen Job. Foto: i

Für Prof. Dr. Johannes Wessels ist das erste Semester in seinem neuen Amt als Rektor der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) vorbei. Ob und wie er in seiner Funktion an der Spitze des, inklusive der Studierenden, etwa 50 000 Personen zählenden Betriebes angekommen ist, darüber sprach der Physiker mit unserer Redakteurin Karin Völker . Eines ist immerhin gleich geblieben, wie er verriet: Den Weg zur Arbeit, von Albachten bis zum Schloss, absolviert der 54-Jährige weiterhin mit dem Fahrrad – meistens jedenfalls.

Wenn Sie mit einem Wort Ihr erstes Semester als Rektor charakterisieren müssten: Wie war es?

Wessels: Gut, und es ist immer noch gut, es macht mir viel Freude. Es war ungefähr so, wie ich es mir vorgestellt hatte – nämlich ganz anders als das, was ich vorher gemacht habe.

Sie haben zuvor in der Kernphysik in der Spitzenforschung gearbeitet. Vermissen Sie das nicht?

Wessels: Manchmal schon. Zum Beispiel, als ich neulich meine Wohnung in Genf aufgelöst habe, wo ich ja im Kernforschungszen­trum „Cern“ mitgearbeitet habe. Ich werde versuchen, die Arbeit der Kollegen weiter zu verfolgen. Aber ich genieße es auch, als Rektor einer der größten deutschen Universitäten zu arbeiten.

Die Finanzlage der Universität ist ja momentan entspannt, die Drittmittel fließen üppig. Ist alles bestens an der WWU?

Wessels: Die aktuelle finanzielle Lage ist positiv, aber auch fragil, weil es sich häufig um zeitlich begrenzte Programm-Mittel handelt. Wenn dann plötzlich eine unerwartete Mehrbelastung, beispielsweise aus dem Baubereich, hinzukommt, ist die finanzielle Manövriermasse der Universität mit einem Schlag eingeengt. Spätestens dann merken wir, wie schmal unser Spielraum tatsächlich ist.

Welche Komplikationen gibt es denn bei den Baumaßnahmen oder -vorhaben der Uni?

Wessels: Für notwendige Sanierungsmaßnahmen, und da gibt es an der Universität sehr viele, gibt es zwischen Hochschulen und Land NRW keine austarierten Spielregeln, wer welchen Kostenanteil trägt. Darum ist zum Beispiel die dringend notwendige Sanierung der Bauten aus den 70er-Jahren nicht einfach. Die Landesregierung verweist gern auf das Hochschulfreiheitsgesetz bei der Haushaltsplanung. Dabei wird aber gerne vergessen, wie viele der Mittel dauerhaft gebunden sind. Wir haben zum Beispiel nicht den finanziellen Spielraum, dass wir das Betreuungsverhältnis für unsere Studierenden verbessern könnten.

Im Frühjahr sind ja Landtagswahlen. Welchen Wunsch hätten Sie denn an die Politik?

Wessels: Dass wir das im Hochschulfreiheitsgesetz verankerte Freiheitsversprechen in der Lehre tatsächlich leben dürfen. Der Hochschulbetrieb ist mittlerweile sehr stark reglementiert, es gibt eine große Zahl an Vorschriften und Hürden. Ein Beispiel sind die Akkreditierungsverfahren für die Studiengänge. Dafür gibt es mehrere Hundert Seiten starke Bücher, in denen detailliert dargelegt werden muss, welche Module wie in einzelnen Studiengängen organisiert sind. Das erstickt geradezu die Eigen-Motivation vieler Studenten und Professoren, die auf diese kleinteiligen Vorgaben nur zu gerne verzichten würden, ohne dass darunter die Qualität von Lehre, Forschung und Studium leiden würde. Im Gegenteil!

Dienen die Akkreditierungsverfahren nicht einer notwendigen Qualitätssicherung?

Wessels: Die Qualitätssicherung findet ja auch statt, man muss es nur vom Studienabschluss her betrachten. Die Abschlüsse müssen qualitätvoll und vergleichbar sein, nicht der Weg dorthin. Das aktuelle System ist wie Schule, nur mit anderen Mitteln. Das wollen weder Studierende noch Lehrende.

Wie dick ist das Brett, das Sie da bohren?

Wessels: Ziemlich dick, aber ich bohre ja nicht allein. Die nordrhein-westfälischen Rektoren sind sich in dieser Frage einig. Es lohnt sich, für die jungen Menschen zu kämpfen. Die kommen ja gerade nicht an die Universität, damit man ihnen haarklein vorschreibt, was sie zu tun haben.

Wo sehen Sie hier Handlungsmöglichkeiten?

Wessels: Wir wollen vor allem das Prinzip des forschenden Lernens ausbauen. das bedeutet, dass die Studierenden möglichst früh Lehre und Forschung miteinander verbinden sollen. Ich freue mich, dass dieser Aspekt auch in der aktuellen Runde der Exzellenzinitiative berücksichtigt wird.

Im April ist Bewerbungsschluss dafür: Mit welchen Projekten wird die WWU denn nun antreten?

Wessels: Neben den neuen Anträgen für unsere beiden bestehenden Exzellenzcluster „Religion und Politik“ und „Cells in Motion“ gehen wir mit zwei weiteren Cluster-Anträgen ins Rennen, die nachweislich exzellente Bereiche der WWU abbilden: Zum einen ist das die auch institutionell gewachsene Verbindung von Chemie und Nanophysik, zum anderen die Mathematik.

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Und wie schätzen Sie die Chancen ein?

Wessels : Es wird nicht leicht sein, mehr Cluster bewilligt zu bekommen, als man bisher schon hatte. Aber wir sind optimistisch – wir sind von allen vier Anträgen überzeugt. Entscheidend wird sein, dass wir für mindestens zwei Cluster grünes Licht bekommen, denn das ist die Voraussetzung dafür, dass man sich für die zweite Förderlinie, für die Förderung als Exzellenzuniversität, bewerben darf.

Wie kann die WWU hier punkten?

Wessels: Mit dieser zweiten Förderlinie soll die Spitzenstellung der Universitäten mit erfolgreichen Clustern gestärkt werden. Hier wird zu belegen sein, wie sich die Cluster der Universität verändert haben. Ein weiteres Augenmerk wird auf den Transfer des Hochschulwissens in die Gesellschaft gelegt. Wir werden den Transfer erheblich verstärken.

Wie soll das gehen?

Wessels: Ich bin davon überzeugt, dass Münster mit seiner Vielzahl an Bildungseinrichtungen das Potenzial hat, als Bildungsregion zu punkten. Als WWU sind wir gerne bereit, uns intensiver denn je mit anderen Hochschulen, mit Schulen und den Weiterbildungseinrichtungen zu vernetzen. Das wäre ein Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit im besten Sinne. Bildungsgerechtigkeit bedeutet für mich, dass jeder nach seinen individuellen Möglichkeiten optimal gefördert wird.

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