Mouhanad Khorchide contra Hamed Abdel-Samad
Islam-Zweifel und Rettungsversuche

Münster -

Der eine hält den Islam für eine Religion der Barmherzigkeit. Der andere verweist auf seine blutigen Spuren in der Geschichte. Mouhanad Khorchide und Hamed Abdel-Samad diskutierten kontrovers im Rathaus – 200 Zuhörer fanden dort keinen Platz mehr.

Dienstag, 04.04.2017, 16:30 Uhr

Stritten über den Islam: Mouhanad Khorchide (r.) und Hamed Abdel-Samad (Mitte). Dezernent Jochen Köhnke hatte die Islam-Kenner im Rathausfestsaal begrüßt.
Stritten über den Islam: Mouhanad Khorchide (r.) und Hamed Abdel-Samad (Mitte). Dezernent Jochen Köhnke hatte die Islam-Kenner im Rathausfestsaal begrüßt. Foto: Günter Benning

Im Rathausfestsaal dampfte die Diskussion über den Islam schon seit zwei Stunden. Aber auch draußen vor der Tür ging es hoch her. Dort hatten am Montagabend weit über 200 Besucher keinen Einlass mehr gefunden, um dem Islamforscher Prof. Mouhanad Khorchide und dem Islamkritiker Hamed Abdel-Samad beim Streit um ihre Religion zu lauschen. Vor der Tür bedrängte ein Gruppe junger Gläubiger – die Frauen lange Gewänder und Kopftücher tragend – derweil einen offenbar liberalen Muslim, der wie sie keinen Einlass mehr gefunden hatte. „Warum“, stöhnte der verzweifelt, „wollt ihr denn einen islamischen Staat?“

Draußen also der private Disput zwischen dem liberalen und dem konservativen Islam, drinnen verfolgten die über 300 Zuhörer eine orientalisch-muntere Diskussion, deren Protagonisten auf dem Boden und in der Tradition der europäischen Aufklärung verhandelten.

Gemeinsam haben sie ein Buch verfasst („Ist der Islam noch zu retten?“), das in 95 Thesen Kernfragen aus dem Koran aufgreift. 95 Thesen – passend zum Luther-Jahr.

Die Initiative zu diesem Buch, das in drei Wochen erscheinen soll, stammt vom münsterischen Professor Khorchide: „Wir brauchen eine sachliche, innerislamische Diskussion.“ Zwischen den Kontrahenten flogen die Bälle so flüssig hin und her, dass Moderator Prof. Aladin El-Mafaalani von der FH Münster kaum Chancen hatte, in die eingespielte Gefechtslage einzugreifen.

Prof. Mouhanad Khorchide (l.), Prof. Aladin El-Mafaalani (M.) und Hamed Abdel-Samad.

Prof. Mouhanad Khorchide (l.), Prof. Aladin El-Mafaalani (M.) und Hamed Abdel-Samad. Foto: Günter Benning

Khorchide vertrat die aufgeklärte Lesart seiner Wissenschaft, wonach der Koran ein Zeitdokument ist, das ohne Verweise auf seine Entstehung nicht zu verstehen sei. Im Grunde steht für ihn der „barmherzige Islam“ im Vordergrund. Seinen Zugang zur Heiligen Schrift seiner Religion nennt er „dynamisch“.

Hamed Abdel-Samad, deutschlandweit wohl der bekannteste Islam-Kritiker, verwies dagegen auf die Gewalt-Passagen, die Ablehnung anderer Religionen, die Rolle der Frauen im Koran: „Demokratie und Menschenrechte sind nicht aus dem Herzen des Islam entstanden.“

Khorchide warf der gebürtige Ägypter, der in Amerika und Japan gelebt hat und längst die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, vor, er höre sich „sympathisch und brauchbar an – das ist aber nicht authentisch“.

Vor dem Rathaussaal warteten viele Interessierte, die keinen Einlass fanden.

Vor dem Rathaussaal warteten viele Interessierte, die keinen Einlass fanden. Foto: Richard Halberstadt

Aber was ist schon authentisch, echt, der wahre Koran? Für Mouhanad Khorchide ist das die Kernfrage. Er warf seinem Ko-Autor vor, in seiner Kritik von einer unhistorischen Textinterpretation auszugehen – „und nicht von einer Religion, die sich weiterentwickelt“. In diesem Punkt unterscheide sich Abdel-Samad nicht von Salafisten wie Pierre Vogel, die den 1300 Jahre alten Text für gottgegeben halten. Unverrückbar.

„Wo sind die Verbündeten von Mouhanad Khorchide unter den Muslimen?“, fragte Abdel-Samad provokant zurück. Der Reform-Muslim, kritisierte er, kämpfe auf verlorenem Posten: „Wir diskutieren in Rathäusern, beim ZDF – aber niemals in einer Moschee.“

Bei der Diskussion verteilte sich der Applaus gerecht auf beide Kontrahenten. Veranstaltet hatten die Diskussion das Integrationszentrum der Stadt und die FH Münster. Migrationsdezernent Jochen Köhnke kündigte bereits an: „Wir werden die Veranstaltung im Herbst wiederholen – und dann in einem Hörsaal der Uni.“

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