Insekten dürfen ab 2018 auch in Europa gegessen werden
Warum wir Garnelen mögen, aber keine Raupen

Münster -

Die Insektenzeit steht vor der Tür: Wespen auf dem Pflaumenkuchen, Fruchtfliegen im Biomüll, Mücken im Schlafzimmer. Professor Guido Ritter von der FH Münster verrät im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Stefan Werding ein Mittel, was man gegen Insekten machen könnte: Essen.

Montag, 10.04.2017, 08:23 Uhr

Sehen sich garnicht so unähnlich: Eine Garnele und eine Seidenspinner Raupe
Sehen sich garnicht so unähnlich: Eine Garnele und eine Seidenspinner Raupe Foto: colourbox

Ab 2018 sind in Europa Lebensmittel aus Insekten erlaubt. Gehen Sie am 1. Januar einen Insektenburger essen?

Ritter : Gerne. Ich hoffe, dass jetzt alle, die in den Startlöchern stehen, ihre Anträge fertigmachen, so dass es auch tatsächlich am 1. Januar welche gibt.

Spüren Sie denn keinen Ekel, wenn sie an Heuschrecken oder Maden auf dem Teller denken?

Ritter: Mittlerweile nicht mehr. Das allererste Mal war das eine Überwindung.

Komisch ist: Wir essen Garnelen , die sich vom Aussehen gar nicht so großartig von einem Mehlwurm unterscheiden. Haben Sie eine psychologische Erklärung für unseren Ekel?

Ritter: Das hat damit zu tun, dass bei uns in Europa Insekten als unrein und unhygienisch gelten. Deswegen ist es sehr schwierig, diese Hürde zu nehmen. Aber sobald man Insekten einmal probiert hat, merkt man, dass sie nichts Besonderes sind, dass sie sogar lecker schmecken können. Wir Menschen lernen, was „igitt“ und was „lecker“ ist, von unserer Mutter. Alles, was wir an Tabus haben, ist sozial erlernt. Kein einziges von diesen Dingen ist angeboren.

Professor Guido Ritter von der FH Münster nascht schon von einem Mehlwurm. Insekten werden nächstes Jahr auch in Deutschland als Lebensmittel vermarktet werden dürfen.

Professor Guido Ritter von der FH Münster nascht schon von einem Mehlwurm. Insekten werden nächstes Jahr auch in Deutschland als Lebensmittel vermarktet werden dürfen. Foto: FH Münster

Hat das etwas mit unserer Entwicklung zu tun?

Ritter: Ja, wir Menschen sind Allesesser und können uns von fast allen möglichen Dingen auf diesem Planeten ernähren. Es gibt nur einen Geruch, den alle Menschen auf diesem Planeten als eklig empfinden: Das ist ein ganz intensiver Verwesungsgeruch. Alles, was mit Tabus zu tun hat, ist erlernt. Innereien, die vor einer Generation noch als Delikatessen galten, werden bei uns schon zunehmend als ekelig empfunden.

Wie schmecken Insekten denn?

Ritter: Würzig und nussig. Wenn sie angeröstet werden, entwickeln die Proteine, von denen es sehr viele in Insekten gibt, diesen Geschmack. Der ist bekannt von anderen Produkten, die angeschmort und -geröstet wurden. Das ist wie eine Brücke, die uns hilft, neue Erfahrungen einzusortieren. Ab dem achten Lebensjahr verstehen wir: „Mensch, das schmeckt doch wie Hühnchen.“

Sie haben den Eindruck erweckt, als ob Sie gar nicht abwarten können, dass Insekten auf den Markt kommen. Warum?

Ritter: Insekten spielen bei der Welternährung jetzt schon eine große Rolle. Zwei Milliarden Menschen auf diesem Planeten haben Insekten jetzt schon auf ihrem Speiseplan. Das wird noch zunehmen. Hochwertiges Protein wird bei zehn Milliarden Menschen, die es 2050 auf der Erde geben wird, einen Engpass darstellen.

Bald auch in deutschen Supermärkten: Mehlwürmer

Bald auch in deutschen Supermärkten: Mehlwürmer Foto: colourbox

Wie schlachtet man Insekten?

Ritter: Insekten können durch Kälte oder Hitze getötet werden. Sie werden in der Regel schockgefrostet.

Was können Insekten besser als Kühe, Schweine oder Hühnchen?

Ritter: Insekten sind wechselwarm. Sie brauchen keine Energie, um ihre Körpertemperaturen zu regulieren. Sie können alle Energie, die sie aufnehmen, in Wachstum und Nachwuchs stecken. Darum sind nur 1,5 Kilo pflanzliche Futtermittel nötig, um ein Kilo Insektenproteine zu produzieren.

Wie ist das Verhältnis bei Kühen, Schweinen und Hühnern?

Ritter: Bei Hühnern und Schweinen liegt das Verhältnis je nach Haltungsbedingungen bei circa 2,5 bis 2,85 zu 1, bei Kühen bei circa 10 zu 1. Abgesehen davon brauchen wir weniger Wasser und weniger Platz. Und weniger Treibhausgase entstehen auch.

Dann tun sich für den einen oder anderen Bauern neue Geschäftsfelder auf. Irgendwo müssten diese Insekten ja entstehen. Können Sie sich vorstellen, dass Bauern im Münsterland ihre Kühe oder Schweine durch Insekten ersetzen?

Ritter: Das ist die Vision, die viele haben.

Eine Heuschrecke

Eine Heuschrecke Foto: colourbox

Da bekommt das Wort Massentierhaltung eine ganz andere Bedeutung.

Ritter: Ja, tatsächlich muss man überlegen, wie die Tiere gehalten werden, in welchen Größenordnungen, was das für die Hygiene bedeutet. Wie laut kann es werden, wenn ein Bauer Millionen geflügelter Insekten hält?

Ich freue mich schon auf den ersten Biobauern, der Insekten aus Freilandhaltung anbietet.

Ritter: Geklärt werden muss auch: Welche Insektenarten wollen wir essen? Im Moment sind Soldatenfliegenlarven, Mehlwürmer und Heuschrecken sehr populär. Da muss man drauf achten, inwieweit man fremde Arten ins Land holt. Alternativen wären Spinnerarten wie der Maulbeerspinner oder der Eri-Seidenspinner. Die brauchen kein Getreidefutter, das wir auch selber essen könnten, sondern fressen Lorbeerblätter, die für uns nicht verwertbar sind. Wichtig ist auch, dass sie keinen Darm im Puppenstadium haben.

Warum?

Ritter: Insekten müssen, bevor sie umgebracht werden, eine Diät halten. Sonst würden wir ja das, was im Darm ist, mitessen. Das habe ich ein einziges Mal gemacht, als jemand Mehlwürmer besorgt hat, die vorher noch im Holz gelegen haben. Da hat alles nach Holz geschmeckt. Das muss ja nicht sein.

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