Ehemaliger Schulseelsorger schreibt über Begegnungen
Von Paul, Rudy und Helmut

Münster -

Norbert Nientiedt ist dem Schreiben verfallen. Wahren Begegnungen hat der 69-Jährige in einem Buch zusammengefasst. Das Sammelsurium ist erstaunlich und spannend.

Sonntag, 23.04.2017, 11:04 Uhr

Aus einer unübersichtlichen Zettelwirtschaft ist ein Buch mit 52 Geschichten entstanden, das Norbert Nientiedt geschrieben hat.
Aus einer unübersichtlichen Zettelwirtschaft ist ein Buch mit 52 Geschichten entstanden, das Norbert Nientiedt geschrieben hat. Foto: gh

Norbert Nientiedt lebt mit seiner kleinen Zettelwirtschaft sehr gut: handgeschriebene Notizen, kleine Hinweise auf Bierdeckeln und herausgerissenen Blättern. Der 69-Jährige sammelt Alltagsgeschichten. „Kurz und knapp mit einer Portion Humor und ohne den moralischen Zeigefinger“, sagt er. Norbert Nientiedt hat viele seiner Begegnungen in seinem Buch mit dem Titel „Komm, steh auf!“ festgehalten. „Alles sind wahre Geschichten“, versichert der Autor, der Helmut Schmidt in einer Raststätte und den heiligen Paul in der Stadtverwaltung traf.

Eine seiner eindrucksvollsten Geschichten erlebt der Münsteraner in einer Kirche an der belgisch-französischen Küste. Norbert Nientiedt sitzt neben einem Mann, in dessen Blick er große Not sieht. Der Mann spricht weder Deutsch noch Englisch, und „mein Niederländisch und Französisch sind begrenzt“, schreibt Norbert Nientiedt. „Ich bat ihn, einfach herauszulassen, was ihn bedrängte.“ Und es war eine Lebensbeichte, die der Belgier ihm erzählt. „Er litt darunter, dass seine erste Frau und das gemeinsame Kind von ihrem neuen Partner geschlagen und vernachlässigt wurde.“

Norbert Nientiedt war 40 Jahre lang als Schulseelsorger und Diplom-Theologe an der Hildegardisschule, dem Berufskolleg des Bistums Münster , tätig. Allein aus dieser Zeit hat er viele Begegnungen mitgenommen. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Seinen Schülern versprach er, dass er ihnen nach der Schulzeit etwas schenken möchte, was er täglich in ihren Gesichtern gesehen habe. Die Neugierde war groß, dem Gespräch unter vier Augen fieberten alle entgegen.

Das Rezept für Nientiedts Geschichten ist einfach: „Ich beobachte Menschen und höre ihnen zu.“ Er versucht, Menschen auf die Spur zu bringen. Darum auch der Buchtitel: „Komm, steht auf“.

Auch der 69-Jährige steht auf. Als er zum zweiten Mal nach seiner „Verlängerung“ im Beruf pensioniert wird, sitzt der Münsteraner einen Tag später in einem Café. „Damals fragte ich mich: ,Was kommt jetzt?’“

Dass Menschen sein Thema sind, das liegt auf der Hand: im Café, in der Kneipe oder im Preußen-Stadion. Der 69-Jährige berichtet über Rudy, der 80 wird. Er trifft einen Mann in Antwerpen, der selbstmordgefährdet war und jetzt jeden Sonntag sein Leben feiert. Er trifft auf eine Gemobbte, die wieder einen Ausweg sieht. Nientiedt zieht Menschen an, die ihren Mut verloren haben. „Das ist anstrengend.“ Als es ihm selbst zu viel wird, setzt er sich in einen Zug nach Bremen , liest Zeitung – ohne Gespräche, denkt er. Auf der Fahrt steigt eine Musikerin ein, die zum Vorspiel nach Bremen unterwegs ist. Die junge Asiatin hatte Angst, weil sie ihren ersten Auftritt verpatzt hatte. „Sie schaffen das“, macht Nientiedt der Frau Mut, verspricht ihr, zwei Kerzen im Dom anzuzünden und vor dem Roland in Bremen zu warten. Die Musikerin schafft die Hürde.

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Norbert Nientiedt liest am 24. April (Montag) um 19 Uhr im Kreuzeck, Maximilianstraße 41a.

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